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Ein Bekenntnis zur Inklusion reicht nicht aus

Inklusion ist, wenn Kinder mit oder ohne Behinderung auf die selbe Schule gehen. Eine tolle Idee, fand die Sonderpädogogin Juliana Kesting. Bis sie von der Uni an die Schule wechselte.

Von Viktoria Meinholz

  Die 13-jährige Fenja (r) liest während des Unterrichts in einer achten Klasse des Gymnasiums Marienschule in Hildesheim gemeinsam mit ihrer Klassenkameradin Saskia ein Arbeitsblatt vor

Die 13-jährige Fenja (r) liest während des Unterrichts in einer achten Klasse des Gymnasiums Marienschule in Hildesheim gemeinsam mit ihrer Klassenkameradin Saskia ein Arbeitsblatt vor

Ich habe mich schon lange mit Inklusion beschäftigt, nicht erst im Studium, als ich es musste." Bereits in Juliana Kestings Abiturzeitung stand unter "Wo sehe ich mich in zehn Jahren": In einer integrativen Lerngruppe. Dass Förderschulen geschlossen und Kinder mit Behinderung gemeinsam mit allen anderen Kindern zur Schule gehen werden, war für sie eine wunderbare Vorstellung. Zwei Berufsjahre und einen ersten Blick in die Realität später sieht das anders aus.

"Ich stehe noch immer hinter dem Kerngedanken der Inklusion. Aber nicht hinter der jetzigen Umsetzung. So wie es bisher angegangen wird, klappt es einfach nicht", sagt die Sonderpädagogin heute. 2009 unterschrieb Deutschland zusammen mit anderen Staaten die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen - und verpflichtete sich damit, kein Kind aufgrund von Handicaps mehr vom Unterricht an der Regelschule auszuschließen. Die Reform wurde beschlossen, ohne dass sich jemand mit der Umsetzung beschäftigt hatte. Nun wird die deutsche Bildungspolitik von ihrer eigenen Entscheidung überrollt.

"Es sind einfach viel zu wenig Ressourcen da", mit dieser Meinung ist Juliana Kesting nicht allein. Auch Lehrerverbände und Elterninitiativen weisen auf die mangelhafte Umsetzung hin. "Es fehlt an Fördermitteln und an Personal. Auch die Ausbildung der Lehrer muss sich verändern, Grundschullehrer oder auch Lehrer an weiterführenden Schulen müssen im Studium häufiger mit Menschen mit Behinderung konfrontiert werden. Da sind noch zu große Ängste, wie sie mit den Kindern umgehen sollen."

Lehrer fühlen sich bedroht

Nach ihrem Studium - ihre Masterarbeit schrieb sie über die Einstellung von Gymnasiallehrern zur Inklusion - begann für die 28-Jährige der Alltag als Referendarin an zwei verschiedenen Schulen. Die eine Hälfte der Woche unterrichtete Kesting an einer Schule für geistig behinderte Kinder, die andere an einer Regelgrundschule. "Als ich den ersten Tag an der Grundschule war, kam die Klassenlehrerin zu mir und sagte, 'Ich bin so froh, dass du da bist, der Junge hat den Förderschwerpunkt sozial emotional, du hast da doch bestimmt was zu gelernt.' Da wird immer davon ausgegangen, ich könnte die Kinder heilen."

Die Grundschule, an der Juliana Kesting eingesetzt wurde, war mit zwei Sonderpädagogen gut aufgestellt. Trotzdem hatte sie oft das Gefühl, nicht jedem Kind gerecht zu werden. Sie hörte von Lehrern, die sich weigerten die neuen Kollegen in ihre Klassenzimmer zu lassen. "Für mich ist es normal im Team zu unterrichten", sagt sie. "Doch viele Lehrer fühlen sich in ihrer beruflichen Identität bedroht, wenn sie ihr Klassenzimmer öffnen müssen. Sie denken, man würde ihnen auf die Finger gucken und nach Fehlern suchen. Was natürlich Quatsch ist."

Die Einstellung der Lehrer zur Inklusion ist entscheidend, ohne sie geht es nicht. Das denkt nicht nur die Sonderpädagogin, auch eine Studie der Universität Bielefeld kam zu diesem Ergebnis. An den untersuchten Schulen, an denen die Inklusion gut funktioniert, steht das gesamte Kollegium hinter der Reform. Ist Inklusion hingegen nur von oben verordnet, ist sie meist zum Scheitern verurteilt. Die BieLief-Studie kommt genauso wie eine neue Untersuchung aus Köln zu dem Ergebnis, dass Kinder mit Behinderung im gemeinsamen Unterricht mehr lernen, als wenn sie separat unterrichtet werden.

Lebenshilfe darf nicht zu kurz kommen

"Das kann ich mir gut vorstellen. Ich habe Kinder betreut, die auf der Förderschule bestimmt nicht so weit gekommen wären wie an der Regelschule", sagt auch Kesting. Doch bei diesen Erfolgen gehe es meist nur um die Kulturtechniken wie Lesen oder Schreiben. "Sich die Schuhe zubinden, den Tisch decken, wissen, welche Jahreszeit gerade ist, solche Dinge kommen in der Grundschule zu kurz. Das setzen die Lehrer da voraus. Doch diese Hilfe zur Eigenständigkeit, das brauchen Kinder mit Behinderung, um später ein selbstständiges Leben zu führen", erklärt die Pädagogin, die seit mehr als zehn Jahren mit Kindern mit Behinderung arbeitet.

Auch wenn es für viele Kinder ein großer Vorteil ist, Kesting geht inzwischen nicht mehr davon aus, dass jedes Kind inkludierbar ist. Zu viele hat sie nach dem Ausflug an die Regelschule enttäuscht an die Förderschule zurückkommen sehen. Sie freut sich über die rege Diskussion, die inzwischen entbrannt ist. Auch dass Eltern nun mitbestimmen können, auf welche Schule ihr Kind gehen soll, findet sie gut. Doch es geht ihr alles ein wenig schnell. "Es wird anscheinend davon ausgegangen, dass man das mit der Inklusion mal eben nebenbei erledigen kann. Doch erst einmal muss sich in den Köpfen der Menschen etwas ändern." Menschen mit Behinderung müssten präsenter werden in unserer Gesellschaft, es gäbe heute ja fast keine Berührungspunkte. "Warum fängt man nicht kleiner an, mit gemeinsamen Räumlichkeiten, Festen oder Ausflügen? So könnten alle Schritt für Schritt lernen, mit der Verschiedenheit umzugehen. Warum muss es gleich Schule sein?"

Lesen Sie im neuen stern: Schul-Streit - Können behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen lernen?

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