Trends für die Senioren von morgen

23. Mai 2007, 10:51 Uhr

Deutschland im Jahr 2050: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist älter als 55 Jahre, sagen Statistiker voraus. Bereits heute wirbt die Industrie heftig um die Älteren, das Wort "Senior" wird dabei aber sorgfältig vermieden. Einige große Trends sind bereits jetzt absehbar.

Bald kein Einzelfall? Gisela Lauenroth, älteste Discjockey-Dame Deutschlands bei einem Auftritt©

Noch vor 20 oder 30 Jahren war der 50. Geburtstag die Schallgrenze - ab diesem Stichtag war man alt. Dies hat sich geändert. "Die Leute fühlen sich heute jünger - und dies wird sich in Zukunft verstärken", sagt Deutsche-Bank-Analystin Claire Schaffnit-Chatterjee. Die Industrie reagiert. Prognosen wie jüngst die des Statistischen Bundesamtes, wonach im Jahr 2050 mehr 60-Jährige als Neugeborene in Deutschland leben werden, geben auch die Richtung für die Produktdesigner vor. Produkte für Ältere - das sind längst nicht mehr nur Treppenlifte und Badewannensitze.

Konsumverhalten ändert sich

Schaffnit-Chatterjees jüngst veröffentlichte Analyse "Wie werden ältere Deutsche ihr Geld ausgeben?" kommt zu dem Schluss: Wer im Jahr 2050 Senior ist, wird anders konsumieren als die Älteren von heute, und dies dank der Tatsache, dass künftige Generationen länger arbeiten müssen. Die Analystin geht davon aus, dass sich das durchschnittliche Renteneintrittsalter von derzeit 61 Jahren auf 68 Jahre verschiebt. Fazit: Der 68-Jährige des Jahres 2050 wird denken und fühlen wie jemand, der heute 61 Jahre alt ist: Seine Gedankenwelt ist jünger, das Berufsleben ist noch frisch im Gedächtnis, der Ruhestand beginnt erst.

"Das Konsumverhalten dieser Leute wird 'jünger' sein", schätzt Schaffnit-Chatterjee. Die Menschen dürften mehr Geld für Unterhaltung, Wellness und Bildung ausgeben - aber auch für die Gesundheits-, Finanz- und Versicherungsleistungen. Eine Besonderheit der künftigen Senioren-Generation: Sie werden voraussichtlich mehr in Hightech investieren. Schließlich haben Computer, Handy, DVD- oder MP3-Player diese Leute ihr ganzes Leben begleitet. Und aufgrund besserer Kommunikation dürften auch die Moden der Älteren künftig rascher wechseln als heute.

Hauptsache leicht bedienbar

Ganze Branchen stellen sich derzeit auf die alternde Gesellschaft ein. "Die Wirtschaft reagiert", sagt Erhard Hackler, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Seniorenliga, die sich als Interessenvertretung der "am stärksten wachsenden Bevölkerungsgruppe" begreift. Die Liga lasse unter anderem neu entwickelte Produkte vom rheinländischen TÜV testen. Der Trend gehe zum "Design für alle", sagt Hackler. Geräte, die sich von jedermann leicht bedienen lassen, würden gern von Älteren gekauft. Nur das Etikett "Senioren" dürfe nicht darauf kleben. Der Begriff sei noch immer negativ besetzt und gelte als diskriminierend. Alt sein will niemand.

Parallel wächst auch der Markt für diejenigen, die sich mit 60 noch so fühlen wie andere mit 45. "Die älteren Leute der Zukunft werden noch fitter sein als die Senioren von heute", sagte Analystin Schaffnit-Chatterjee. "Sie sind gesundheitsbewusster".

Älter werden, jung bleiben

Studiosus lebt bereits heute von dieser Spezies. "60 Prozent unserer Kunden sind zwischen 45 und 65 Jahre alt", sagt ein Sprecher des Münchner Studienreiseanbieters. "20 Prozent sind älter." Studiosus richtet sich dabei an die Betuchten, die für eine 11- bis 16-tägige Reise im Schnitt 2300 Euro zahlen. Zwei Trends haben die Münchner entdeckt: Zum einen lieben die Älteren zwar organisierte Reiseprogramme - aber mit viel Freizeit, nach dem Motto "Morgens Besichtigung, nachmittags selbst etwas unternehmen". Zum anderen spiele der Komfort eine immer größere Rolle.

Auch die Anbieter von Kreuzfahrten folgen diesem Trend. So liegt - trotz aller Bemühungen um mehr junge Kunden - das Durchschnittsalter dieser Reisen bei 48,8 Jahren, ergab die Kreuzfahrtstudie des Deutschen Reiseverbandes für 2006. Im Vorjahr waren die Kunden im Schnitt noch ein halbes Jahr jünger.

Die Automobilindustrie reagiert zwar zurückhaltend auf Fragen nach Spezialanfertigungen für Senioren. Peu a peu bauen die deutschen Hersteller aber Funktionen in ihre Fahrzeuge ein, mit denen - nicht nur - Ältere bequemer fahren. Egal ob besonders rückenfreundliche Sitze oder Fahrerassistenzsysteme, die Lenkfehler ausgleichen: "Der 100-jährige Autofahrer ist vorstellbar", sagt Professor Ferdinand Dudenhöffer vom Center of Automotive Research in Gelsenkirchen.

Möglichst lange selbstständig

Dass es sich am besten in den eigenen vier Wänden lebt, inspirierte die Versicherungsbranche zu speziellen Senioren-Policen. Diese greifen, wenn der Versicherte einen Unfall hatte und seinen Alltag nicht mehr allein meistern kann. Diese "Assistance" - Französisch für "Beistand" - gibt es dann für eine vorher festgelegte Dauer: Das Essen wird gebracht, die Einkäufe erledigt, die Wäsche gemacht, die Wohnung gereinigt und die Katze gefüttert. Auch die Begleitung zu Ärzten oder Behörden wird organisiert. Dieses Produkt füllt nach Ansicht der Anbieter eine Lücke, denn die gesetzliche Pflegeversicherung greift erst ab einer dauerhaften Pflegebedürftigkeit von mehr als sechs Monaten.

"Dieser Markt wächst enorm", sagt eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft." Zahlen dazu soll es im Herbst geben, viele dieser Produkte gebe es erst seit Ende 2006. Günstig ist diese Rund-um-Betreuung auf Zeit nicht. Ein 60-Jähriger zahlt laut Allianz für die "Unfall 60 Aktiv" bei einer Vertragsdauer von fünf Jahren 230,85 Euro im Jahr, eine 75-jährige Frau 388,68 Euro. Und für einen 90-jährigen Rentner gibt es keine Beispielrechnung. Eigentlich unlogisch - denn schließlich kann dieser ja noch gut zehn Jahre lang Auto fahren.

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