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Käufliche Liebe: Promis zum Antatschen für 150 Euro

Egal, ob Tokio Hotel oder Marilyn Manson: Neuerdings kann jeder, der genügend Geld auf dem Konto hat, seine "Stars" persönlich treffen, mit ihnen Selfies machen und sich darauf einen runterholen. Das ist der Untergang des Rock’n’Roll.

Backstage gegen Bares. Wo liegt da der Reiz? 

Backstage gegen Bares. Wo liegt da der Reiz? 

Es ist langweilig, viel Geld zu haben. Sich ständig alles leisten zu können, wovon man träumt – das kickt auf Dauer nicht. Deshalb lassen sich die Superreichen ja auch ständig mit Champagner zulaufen. Gegen die Langeweile.

Nicht nur langweilig, sondern richtiggehend pervers finde ich auch einen neuen Trend im Musikbiz.

Ein Kumpel, der in einer Konzertlocation arbeitet, unterhielt kürzlich eine ganze Party mit seinen Ausführungen darüber, welche Unsummen Fans aktuell für Meet & Greets mit Hotel hinblättern. Für 150 Euro darf man beim Soundcheck zuhören und bekommt einen "VIP-Betreuer" (WTF?!) zur Seite gestellt. Für 100 Euro mehr gibt’s noch ein gemeinsames Foto, LED-Lichthandschuhe (hä?) und ein Stroboskop-Armband (häää?) obendrauf. Wer 300 Tacken blecht, darf selbst zum Handy greifen und ein Selfie mit Bill & Co. schießen. Und zum Schnäppchenpreis von fairen 1850 Euro dürfen die Fans in der Garderobe einem Akustik-Song der Band lauschen und beim Konzert mit auf die Bühne.

Stundenlanges Warten vorm Hinterausgang eines Clubs? Zelten vorm Hotel der Lieblinge? Das war gestern. Heute reichen ein paar Scheinchen - und du bekommst die größten Pop- und Rockstars des Planeten zusammen mit einem kühlen Drink in gemütlicher Atmosphäre "aufgetischt ".

So billig  zu haben

Schon klar, die Plattenverkäufe sinken immer weiter und Bands müssen sich über neue Einnahmequellen Gedanken machen. Aber mal ehrlich: Wenn jemand oder etwas plötzlich zu leicht zu haben ist, dann will man es doch eigentlich gar nicht mehr, oder?

Dennoch scheint der Trend nicht mehr aufzuhalten zu sein. Wer 400 Euro übrig hat, kann sogar den rattencoolen Rockstar vor einem seiner kommenden Auftritte treffen, ein Polaroid mit ihm machen und Autogramme abgreifen. Einfach so. Gegen GELD!!! Wo bleibt da sie Eigenleistung? Der echte Einsatz? Die Kreativität? Das ist wie "Liebe machen " mit einer Prostituierten. Es ist nicht echt. Und man fühlt sich schäbig dabei. Wo soll das bloß hinführen? Dreizehnjährige werden künftig ihr gesamtes Konfirmationsgeld für Selfies mit Justin Bieber und Co. verjubeln, während sich Rich Kids diesen Spaß regelmäßig zwischendurch gönnen werden, um bei Instagram zu punkten.

Tod des Rock'n'Roll

Als ich noch Volontärin war, setzte ich einmal meinen Job aufs Spiel, um Marilyn Manson persönlich treffen zu können. Ich machte blau und schlich mich mit viel Getrickse auf eine Vernissage in Köln, wo Manson seine Gemälde ausstellte. Dort tranken wir später zusammen Absinth und unterhielten uns über Kunst.

Als die Veranstaltung vorbei war, legte ich mich im Hauptbahnhof auf eine Bank und wartete frierend aber glücklich auf den ersten Zug. SO UND NICHT ANDERS macht man das als echter Fan.

Im November werde ich deshalb auch brav in der ersten Reihe ausharren, wenn Manson in Hamburg spielt, während sich die Weicheier backstage Autogramme in ihr Poesiealbum kritzeln lassen. Ich weiß eben, was sich gehört.

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