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Trockensex im Club - Dirty Dancing in Havanna

 Henriette Hell unterwegs – diesmal in Kuba: Im nächtlichen Havanna zeigt Tanzlehrer Ismail wie Trockensex auf der Tanzfläche funktioniert. Eine Zigarette danach ist dennoch nötig.

Tanzen in Kuba ist nichts für Schüchterne.

Tanzen in Kuba ist nichts für Schüchterne.

Ich traue Dirk nicht. Dirk ist Diplom-Geograf und Politologe und hat jenen Reiseführer über geschrieben, den ich noch schnell am Flughafen gekauft habe, ehe ich in den Flieger nach Havana gestiegen bin. Dirk benutzt so Formulierungen wie "Bombenstimmung" und "Sau rauslassen". Woher sollte ich denn wissen, was ein Nerd wie Dirk damit meint und welche Vergleichsmöglichkeiten er in Sachen Nachtleben hat?! Fakt war jedenfalls, dass ich nicht viel Zeit auf Kuba hatte, aber möglichst viel erleben wollte. Insbesondere on the dancefloor. Es galt also, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: 

1.         Die Geschichte rund um und Fidel Castro in sich aufsaugen.

2.         Ein Foto in einem knallpinken vor einer verfallenen Kolonialvilla machen.

3.         Tanzen!!! Mit einem Kubaner. In einem verruchten Club zu live Musik. at its best eben.

Wo geht es ins verruchte Nachtleben?

Punkt 1 und 2 waren schnell abgehakt. Fehlte noch der schmutzige Tanz. Also nahm ich meinen Reiseführer zur Hand und las, was dort unter "Nachtleben" stand. Dirk hatte dreißig verschiedene Lokalitäten aufgelistet. Aber wie gesagt, ich traute dem braven Politologen nicht, also entschied ich mich für jene Bar mit der verruchtesten Beschreibung: 

"Nichts für Schüchterne: In dem ziemlich verfallenen Schuppen lassen die Einheimischen die Sau raus - Havanna pur! Liegt in einer unbeleuchteten Straße, daher abends Taxi nehmen." 

Ich fand, das klang vielversprechend, also schnappte ich mir meine Freundin, rein ins und los. 

Unser Taxifahrer war skeptisch. "Seid ihr sicher?", fragte er auf Spanisch. "Da sind außer euch no touristas!" Ja, ja, wussten wir.

Zeigen, was man hat

Ein bulliger Türsteher, der zumindest einen Hauch von Ordnung versprühte, gewährte uns Einlass in die düstere Spelunke. Wir orderten zwei Cuba Libre und checkten die Lage: Auf der Tanzfläche ließ man tatsächlich "die Sau raus". Trockensex zu wummernden Rastafaribeats an allen Fronten! Das hatte nichts mehr mit der Buena Vista-Social-Club-Romantik zu tun, die einem tagsüber in Havannas Cafés begegnete. Hier hätten auch Rihanna und Snoop Dogg ihre Freude gehabt! Die Tücher, die wir uns brav über die Schultern gehängt haben, landeten schnell in der Ecke. Immerhin trugen die meisten Kubanerinnen kaum mehr als Hotpants und ein Bikinioberteil. 

Aber wir hatten ja den Exotik-Bonus. Drei Gentleman winkten uns flott zu sich an den Tisch, rücken uns die Stühle zurecht, wischten gar den Tisch für uns sauber - und gaben dann zu unserer Überraschung erstmal eine Art Begrüßungstanz zum Besten. Hierfür stellten sie sich vor uns in einer Reihe auf, ließen ihre Hüften kreisen, warfen ihre Arme in den Himmel und riefen "Heppa!"

In Kuba zeigt Mann offenbar erstmal, was er zu bieten hatte, ehe er zum frontalen Übergriff übergeht. Als nächstes wurde eine Buddel Rum geordert. Einfach nur Rum. Nix Cola oder so. Den gossen die Jungs fröhlich auf unsere wässrigen Cuba Libre. "Rum muss man pur genießen! Cola ist aus Amerika, die braucht hier kein Mensch." Na, meinetwegen. Danach ging's endlich los. Stichwort: Presslufthammer! Auf der Tanze boten uns die Jungs nun komplett dar, was uns mit ihnen im Bett erwarten würde. Pantomimeartig "nahmen" sie uns anschließend in möglichen Stellungen im Takt der Musik. Allerdings ohne, und das ist der springende Punkt, dass es obszön oder eklig wurde. Nein, jeder Move wirkte in seiner sexuellen Aufgeladenheit dennoch beherrscht und kunstvoll ausgeführt. Das lag daran, dass jede Bewegung auf perfekt ausgeführten  Salstanzschritten beruhte. "Ich bin Tanzlehrer", raunte mir Ismail zu. "Ich kann dir alles beibringen." Mehr Dirty Dancing ging nicht. Auch meiner Freundin schien es zu gefallen. So selbstvergessen und sexy hatte ich sie zuletzt vor zwölf Jahren auf unserer Abifeier (!) abhotten sehen.

Manchmal reicht das Vorspiel

Eigentlich ziemlich clever von den Kubanern, dass sie ihr Vorspiel bereits in der Disco abwickelten, so gab es später wenigstens keine Enttäuschungen. Beim Tanzen wurde halt schon mal getestet, ob Körpergröße und Rhythmusgefühl miteinander harmonierten. 

Nach zwei Stunden verabschiedeten meine Freundin und ich uns dennoch schon. Wir waren immerhin brave Deutsche (haha!) und konnten die Moves der Jungs irgendwann nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen. Zurück in unserem Casa Particulare rauchen wir erstmal eine Zigarette DANACH. Und waren uns einig: Auf diesen Dirk war doch Verlass.


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