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Wischen statt Action - Tinder ist das neue Tamagotchi

Wenn du Tinder ernst nimmst, zerstört es dein Ego und deine Daumen. Alle anderen nutzen es als Tamagotchi 2.0.

Bei Tinder findet die Liebe in der Cloud statt und nicht im Bett.

Bei Tinder findet die Liebe in der Cloud statt und nicht im Bett.

Kennt ihr noch Tamagotchis? Diese kleinen Eier, die in den Neunzigern alle Kids mit sich herumschleppten. Darin lebten digitale Tierchen, die nonstop gefüttert und verhätschelt werden mussten. Sonst starben sie. Das war lustig, weil man als Kind ja außer Hausaufgaben nicht viel auf dem Terminplan stehen hatte.

Unsere heutigen Smartphones sind dasselbe, nur schlimmer: Ständig müssen wir unsere Mail-Posteingänge säubern, bei Facebook und WhatsApp quatschige Nachrichten beantworten, unseren Speicher leeren und den Akku aufladen. Das kostet ohne Ende Zeit und Nerven. Wenn man dann noch eine Dating-App wie installiert, kann man seinen richtigen Job eigentlich gleich an den Nagel hängen und sich fortan "hauptberuflich" um sein piependes Telefon ("Match-Alarm!") kümmern.

Hauptberuflich tindern

So, und jetzt kommt’s: Ich habe einen Kumpel, der genau das tut! Er ist Freiberufler, hat seine Tätigkeit temporär auf Eis gelegt (zum Glück kann er sich das erlauben) – und macht seit Wochen nichts anderes, als 24/7 Frauen bei Tinder anzuschreiben und Dates mit ihnen zu vereinbaren. Diese Treffen finden praktisch immer und überall statt. Gestern zum Beispiel war ich mit ihm in der Sauna – und sogar dort hat er noch eines seiner "Matches" dazwischen gemogelt. Während ich es mir nach dem Aufguss im Ruheraum bequem machte, zog sich mein Kumpel mit "Finnja, 37" ins Aromadampfbad zurück. Beim nächsten Aufguss saß er aber wieder brav neben mir und zischte mir nur kurz zu: "Die war nix."

Mein Freund geht also beim Tindern relativ professionell vor. "Ich will möglichst viele Frauen kennenlernen, ohne dabei zu viel von meiner Freizeit einzubüßen." Deshalb auch die Idee mit der Sauna. "Damit ich nicht die Katze im Sack kaufe."

Klicken statt Aromadampfbad 

Ich war eigentlich immer gegen Tinder. Trotzdem habe ich mir die App auf Anraten meines Kumpels neulich mal installiert. Aber mehr als öder Smalltalk ging dort eigentlich kaum. Tinder, der "Abschleppdienst"? Träumt weiter, Leute. Aus meiner Sicht nutzen viele die Dating-App eher als eine Art Geschicklichkeitsspiel – wie "Moorhuhnjagd" oder "Supermarioland", bei dem man statt magischer Pilze eben Matches einsammeln muss. Bloß mit dem nächsten Level wird das so garantiert nichts. 

Deshalb habe ich mich auch schnell wieder abgemeldet und gehe lieber weiterhin in die Sauna. Im Aromadampfbad soll ja einiges gehen, habe ich mir sagen lassen.


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