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"Vergesst die Liebe nicht!"

Arno Gruen war jahrezehntelang Chefarzt und Professor an verschiedenen Kinderkliniken und Universitäten der USA. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit den Wechselwirkungen von Liebe, Autorität und Gehorsam.

Arno Gruen, 80, war jahrezehntelang Chefarzt und Professor an verschiedenen Kinderkliniken und Universitäten der USA. In seinen Büchern (das Neueste: "Verratene Liebe - Falsche Götter", Klett-Cotta) beschäftigt er sich mit den Wechselwirkungen von Liebe, Autorität und Gehorsam. "Der Fremde in uns", so These und Titel seines wichtigsten Buches, wird durch Gehorsam und Selbstverleugnung in der Kindheit antrainiert und ist schuld an Grausamkeit, Krieg und dem möglichen Totalverlust jedes angeborenen Mitgefühls. Der stern sprach mit Gruen in Zürich.

Sie haben selbst Kinder, Enkel und mehrere Generationen lang Erziehung beobachten können. Was hat sich geändert?

Sicher sind Eltern heute grundsätzlich sensibler als vor 50 oder 60 Jahren. Dafür erleben Kinder immer seltener eine echte Kindheit. Die Welt ist komplizierter geworden, für Kinder und Eltern. Deshalb glauben wir, den Kindern mehr beibringen zu müssen. Mehr lernen - mehr Erfolg, denken Eltern, und "richtig lernen" sollen ihre Kinder. Sie dürfen keine Fehler mehr machen. Dabei lernen Kinder das meiste sowieso von selbst, zumindest das, was wirklich wichtig ist - oder eben gerade aus Fehlern.

Was ist denn wirklich wichtig?

Dass ein Kind geliebt wird und dies auch spürt, dass es sich mit eigenen Wahrnehmungen und eigenem Tun entwickeln kann, dass Kinder ebenso wie ihre Eltern das Miteinander genießen können. Das Ausmaß der erlebten elterlichen Liebe bestimmt, ob aus einem Kind ein dem Leben zugewandter oder abgewandter Mensch wird.

Vorausgesetzt: Alle Eltern lieben ihre Kinder. Warum sind viele so unsicher?

Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie selbst auch schon von verunsicherten Eltern erzogen wurden. Wir haben über Generationen verlernt, aus dem Bauch heraus mit Kindern um-zugehen. Ein Vergleich mit anderen Kulturen veranschaulicht das eindrucksvoll. Verhaltensforscher vom Max-Planck-Institut für Völkerkunde filmten zum Beispiel folgende Situation zwischen einer Eipo-Mutter in West-Neuguinea und ihren beiden kleinen Kindern: Der Junge isst ein Tarostück, das Mädchen greift danach, worauf beide anfangen zu schreien. Die Mutter kommt dazu, und beide Kinder lächeln sie an. Der Junge reicht ihr von sich aus das Tarostück, sie bricht es in zwei Teile und - was würden wir wohl in einer ähnlichen Situation tun?

Natürlich jedem eine Hälfte geben...

...und uns dabei auch noch vorbildlich vorkommen, weil wir glauben, den Kindern so das Teilen beizubringen. Die Eipo-Frau aber gibt beide Teile dem Jungen zurück. Der betrachtet sie einen Moment, dann gibt er eines seiner Schwester. Wer von uns hätte ihm diese Entscheidung überlassen? Wir trauen einem Kind von zwei oder drei Jahren das gar nicht zu. Wir missachten die Möglichkeiten unserer Kinder, erkennen sie nicht einmal, genauso, wie wir ihre wirklichen Grenzen missachten.

Und dann geben wir diese eingeschränkte Sicht auch noch permanent weiter?

Ja, leider. Eltern werden nicht als Rabeneltern geboren. Sie geben nur das weiter, was ihnen selber angetan wurde. Als wir selber weinten, wurden wir angeschnauzt und zum Schweigen gebracht. Nun tun wir dasselbe mit unserem Kind: Hör auf! Sei still! Ein weinendes Kind erinnert uns an unsere eigenen ungestillten Bedürfnisse nach Trost oder Schutz, mit denen wir aber nicht konfrontiert werden wollen.

Sollten Eltern erst mal alle auf die Couch, die eigene Kindheit aufarbeiten?

Es würde schon reichen, wenn sie dem Rest ihres Mitgefühls vertrauen und die Liebe nicht vergessen. Menschen müssen nicht in eine Form gepresst werden, um Menschen zu werden - sie sind es von Anfang an. Leider sehen gerade Eltern, die das Beste wollen, sich selber auch nur so, wie gute Eltern sein sollten. Sie sind selten sie selbst. Wir glauben, wir lieben unsere Kinder um ihrer selbst willen, tatsächlich aber lieben wir sie vor allem dafür, dass sie erfolgreich sind - nämlich so wie wir. Sozialisierung nennen wir das. Dieser Konflikt, so heißt es heute immer noch, sei unvermeidlich und müsse zum Wohle des Kindes durch Beharrlichkeit der Eltern gelöst werden.

Also das, wonach jetzt wieder alle rufen: mehr Strenge, Konsequenz und Gehorsam?

Ja, furchtbar - als wenn es eine natürliche Feindschaft zwischen Säugling und Eltern gäbe! Man könnte auch sagen: "Jedes Kind ist eine Schlacht", so wie Hitler 1934 bei einer Rede vor der NS-Frauenschaft. Leider wird das auch in westlichen Kulturen heute immer noch so gesehen. Ich fürchte, dieser neue alte Trend bringt Eltern nur dazu, auch wieder mehr auf Gehorsam zu pochen. Und das ist eine ganz und gar falsche Entwicklung.

Lieblosigkeit, der Zwang zum Gehorsam und seine schlimmen Folgen ist Ihr großes Thema. Aber ist ein gehorsames Kind wirklich immer gleich auf dem besten Weg zum Massenmörder?

Ja - wenn es sich selbst verachten muss, um gehorsam zu sein. Wird einem kleinen Menschen der Willen eines übermächtigen Erwachsenen aufgezwungen, macht er automatisch das Fremde zum Eigenen und wird sich dadurch fremd. Statt eine eigene Identität zu entwickeln oder sein Selbst zu entdecken, muss er Gefühle und Wahrnehmungen aufgeben, einfach aus panischer Angst davor, die Verbindung zu den Eltern zu verlieren. Wird ein Kind einmal in diese Richtung gezwungen, klammert es sich unter Umständen ein Leben lang an Autoritäten. Die Unterdrückung alles Eigenen löst Hass und Aggressionen aus, die sich nie gegen den Unterdrücker richten, sondern meist andere Opfer suchen.

Und wenn Eltern nicht mit Strafen operieren, sondern mit Lob und Belohnung?

Es ist dasselbe, nur subtiler. Egal, wie man einem Kind zeigt, dass es nur für Gehorsam Liebe bekommt - es muss sich irgendwann selbst verleugnen. Gleichzeitig wird der Gehorsam so zur gesellschaftlichen Institution und weitergegeben. Pathologische Treue ist nicht nur ein Kennzeichen der Deutschen. Sie ist überall zu finden, wo Gehorsam Kinder zwingt, sich selbst und ihr Erleben zu verleugnen.

Leider wollen Kinder gerade abends das meiste erleben. Wie kriegt man sie zum Beispiel ins Bett, ohne autoritär zu sein?

Erziehung geht nicht ohne Autorität. Im besten Fall sind Eltern natürliche Autoritäten, glaubwürdig und liebevoll. Wer Kinder im Bett schreien lässt, ist einfach nur lieblos. Es ist Terror. Keine Schimpansenmutter würde auf so eine Idee kommen, und auch Menscheneltern bringen das nur fertig, wenn sie irgendwo gelesen haben, das müsse so sein. Sie spalten sich dann selbst von ihren tatsächlich erlebten Gefühlen ab, so wie sie auch ganz natürliche und berechtigte aggressive Gefühlsanteile ignorieren, weil sie nicht zu den idealisierten Vorstellungen von der richtigen Mutter- und Vaterrolle passen.

Heißt das, Eltern sollen auch mal ihre Wut rauslassen, vielleicht sogar...

...mal einen Klaps? Ja, das kann schon mal passieren. Es heißt nicht, dass es gut ist, aber es passiert. Ein Kind darf durchaus sehen, was es tut, was es für eine Verantwortung hat, und dass Eltern auch nur Menschen sind. Kinder können ziemlich genau unterscheiden, ob so etwas aus Verzweiflung geschieht. Nur mit kalkulierter Strafe, mit lieblosen Ritualen, können Kinder nichts anfangen. Solcher Schmerz ist auf Dauer unerträglich und nabelt jeden Menschen von seinen Gefühlen ab. Die Autorität des Herzens ist etwas ganz anderes als autoritäre Autorität.

Was ist der Unterschied zwischen dieser Autorität des Herzens und der Antiautoriät, wie sie in den späten 60er Jahren in Mode kam?

Ich glaube, die Ansätze damals waren richtig, sie kamen nur eben gerade nicht von Herzen, sondern auch nur aus dem Kopf. Die Freiheit war nicht echt, sie war aufgesetzt und intellektuell. Wenn ein Kind zum Beispiel aggressiv auf seine Mutter reagiert, weil die ein paar Tage weg war, dachten sie damals, man müsse das respektieren, bis es sich von selbst beruhigt. Und das denken heute noch viele. Dabei möchte die Mutter instinktiv nichts anderes als trösten und drücken. Ihr Herz erkennt, dass ihr Kind den Konflikt nicht allein lösen kann. Deshalb schreit und wehrt es sich gegen Umarmung und Liebe - und braucht dies doch gerade in diesem Moment.

Sie reden meistens von Müttern. Sind die Väter in der Erziehung aus dem Schneider?

Sie sind auch wichtig. Aber nur Mütter können - im wahrsten Sinne des Wortes - aus dem Bauch heraus erziehen. Immerhin sind wir neun Monate im Leib der Mutter, da entwickeln sich schon so viele Dinge. Da ist eine gegenseitige Verbindung und Stimulation, die nichts mit dem Kopf zu tun hat, sondern nur mit Gefühl. Das Schwierige ist, dass auch Mütter ständig männliche Vorstellungen davon übernehmen, was eine ideale Mutter ist: Sie darf nie wütend sein, soll immer lächeln, soll Unmenschliches alleine leisten.

Gibt es einen Ausweg aus diesen Rollenspielen?

Die "Sprache des Herzens" ist unsere einzige Chance. Wer als Kind echte Zuwendung erfährt - und sei es unter ärmsten Verhältnissen -, verfügt später über die Stärke, auch seinen Mitmenschen und Kindern mit Empathie und Mitgefühl zu begegnen. Dann bleiben sie Menschen, die keine Angst davor haben, auf das zu hören, was ihr Herz ihnen sagt. Mit einer eigenen Identität als Kern der Persönlichkeit und nicht dem, was der englische Dichter Edward Young schon im 18. Jahrhundert befürchtete: Wir werden als Originale geboren, aber sterben als Kopien.

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