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Ich sage, wie es ist: Kinder werden überbewertet

Kinder - das ist die absolute Bereicherung, das Glück auf Erden, heißt es. Unsere Gastautorin Marike Frick erlebte vor allem schlaflose Nächte oder brüllende Gesellschaft unter der Dusche und auf der Toilette. Das hat ihr vorher niemand erzählt.

Ein Kleinkind im Hochstuhl, schreiend, und das Gesicht voller Nudeln und Tomatensauce

Kinder sind Himmel und Hölle zugleich

Als ich mit meinem zweiten Sohn schwanger war, schrieb mir ein Auftraggeber Folgendes: "Glückwunsch zum zweiten Kind! Ich habe auch zwei. Sie sind der Himmel und die Hölle zugleich."
Ich habe in den letzten zwei Jahren manchmal an diese Worte gedacht. Und mich gefragt, wann eigentlich das mit dem Himmel kommt.

Etwa, wenn Kind Nummer eins kreischend mitten auf dem Weg im Regen stehenblieb, weil es nicht den Regenschirm tragen durfte und Kind Nummer zwei heulte, weil es nicht mehr im Wagen sitzen wollte. Wenn ich auch sonntags gleich nach dem Frühstück (bei dem Kind Nummer zwei losbrüllte, weil es nicht allein mit dem Löffel essen durfte und ich es dann doch ließ, was natürlich auch in einer Katastrophe endete) nach draußen musste, weil nur draußen Frieden sein konnte. Wenn ich beim Auf-die-Toilette-Gehen mal wieder ein Kind neben mir stehen hatte, wahlweise brüllend oder die Tür der Dusche auf und zu schiebend. Wenn ich in der Nacht erst um halb eins, dann um drei, dann um viertel vor fünf und schließlich um halb sieben geweckt wurde – von welchem Kind auch immer. Ich weiß noch, dass irgendwann eine andere Mutter mal mir gegenüber seufzte: "Man kommt ja auch zu gar nichts!" Dass ich auf ihre lackierten Fingernägel schaute und dachte: Wenn du noch Zeit hast, dir die Nägel zu lackieren, dann solltest du dich mal echt nicht beschweren.

Manchmal sah ich Mütter, die mit ihren in Malbüchern malenden Töchtern im Café saßen. Ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, meine Jungs mit ins Café zu nehmen. IM TRAUM NICHT!

Kinder sind nicht das größte Glück

Marike Frick

Marike Frick ist Journalistin, Medien-Beraterin und zweifache Mutter. Sie lebt mit ihrer deutsch-spanischen Familie in Genf. Auf ihrem Blog wasjournalistenwollen.de hilft sie Unternehmern und Selbstständigen, bessere Pressearbeit zu machen.

Ich weiß, das klingt jetzt alles nach regretting motherhood. Ich bereue meine Mutterschaft aber nicht. Ich wollte immer . Nur geht es mir wahnsinnig auf die Nerven, dass alle Welt von Kindern als größtem Glück redet. Vom "In diesem Moment wurde alles anders" und "Ich empfand sofort eine Liebe, wie ich sie noch nie zuvor empfunden hatte!" Glückwunsch, dass es einigen so geht.

Wir anderen lieben unsere Kinder einfach nur. Und verzweifeln an vielen Tagen an ihnen. Neulich sagte eine Freundin zu mir: "Ich liebe meine Kinder, aber ich kann es nicht ertragen, sie um mich zu haben. Ist das nicht furchtbar?"

Ich habe sie sofort korrigiert: "Du kannst es nicht ertragen, sie ANDAUERND um dich zu haben. Weil das unnatürlich ist. Menschen haben immer in Herden gelebt. Aber jetzt wird plötzlich von einer Person (im Idealfall von zweien, aber das macht es auch nicht viel besser) erwartet, das alles allein zu wuppen – und dabei auch noch ständig kundzutun, wie glücklich sie doch sei."


Ja, Kinder werden überbewertet. Man erwartet von ihnen, dass sie die ultimative Lebenszufriedenheit bringen. Man erwartet das tiefe Gefühl der Liebe vom ersten Augenblick an. Doch für mich waren da am Anfang vor allem Stillschmerz, durchwachte Nächte, Rundendrehen in der kleinen Wohnung mit einem schreienden Säugling, blank liegende Nerven, Ehekrach, ach, was soll ich sagen.

Ich habe seit viereinhalb Jahren nicht mehr vernünftig geschlafen. Und das größte Glück ist für mich nicht das Lachen meiner Söhne, sondern mal zwei Tage ohne sie zu sein. Ich sage es jetzt noch einmal ganz deutlich, für all diejenigen, die sonst unter diesem Beitrag posten, ich hätte halt keine Kinder bekommen sollen: Ich. Liebe. Meine. Kinder.

Sie sind halt nur von der wirklich anstrengenden Sorte. Deshalb lassen wir es doch bitte einfach, werdenden Müttern vorzugaukeln, jetzt käme in jedem Fall eindeutig die schönste Zeit ihres Lebens. Für mich und viele andere ist es anders gekommen. Uneindeutiger. Doch das macht uns zu keinen schlechten Müttern – sondern zu reellen.


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