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Auf sich gestellt

Tolles Lachen, zwei Kinder, Job und Yoga - sieht gut aus, das Leben von Nikola Lenzen. Doch sie balanciert am Abgrund. So wie viele alleinerziehende Mütter, die Deutschland ziemlich im Stich lässt.

Von Nina Poelchau und Katharina Kluin

  Geliebte Monster: Niko Lenzen mit Louis und Anna in ihrer Küche

Geliebte Monster: Niko Lenzen mit Louis und Anna in ihrer Küche

Es gibt mehrere Versionen dieser Geschichte, mindestens drei. Die von Niko Lenzen*. Die ihres ersten Ex. Und die ihres zweiten. Wahrscheinlich gibt es noch verschiedene Außensichten. Und auch die beiden Kinder werden einmal ganz eigene Fassungen erzählen.

Hier aber geht es um die eine Version, die Niko Lenzen erzählt. Denn ihre Geschichte handelt nicht von Schuld. Nicht von Opfern oder Tätern. Sie handelt nicht davon, warum der eine Vater immer weniger für seinen Sohn bezahlen will und der andere für seine Tochter oft gar nichts. Oder warum sich beide nicht am Alltag ihrer Kinder beteiligen. Sie haben beide ihre Gründe.

Wie schaffen wir das?

Es geht nicht um das Warum. Es geht um das Wie. Es geht um eine Frage, die sich mehr als 700.000 Müttern in Deutschland täglich stellt: Wie schaffen wir das? Die Hälfte aller alleinerziehenden Frauen muss damit umgehen, dass ihr Expartner den Kontakt zu den Kindern entweder abbricht, dass er ihnen gar nicht oder unregelmäßig oder einfach weniger Unterhalt zahlt, als er müsste. Und sie muss damit umgehen, dass auch die Politik sie im Stich lässt.

Die Frage "Wie schaffen wir das?" begleitet Niko Lenzen seit mehr als sechs Jahren. Nikola Lenzen, sie bevorzugt "Niko", lebt in Hannover, sie hat einen Job, eine Vierzimmerwohnung, ein Auto. Wenn ihr siebenjähriger Sohn Louis* Witze erzählt - was er zurzeit strapazierend gern tut -, dann hört sie aufmerksam zu. Wenn die fünfjährige Tochter Anna* in der Nacht wildes Zeug träumt, dann setzt sie sich zu ihr ans Bett, manchmal ein, zwei Stunden lang, bis das Kind wieder schläft. Es gibt Brot, das die Mutter selbst backt, und ungespritzte Gurken vom Bauernhof.

Allein zurechtkommen

Doch Niko Lenzen selbst traut dem Eindruck nicht, den sie macht. Sie erlebt sich anders. "Als Leopardendompteurin", sagt sie. "Wehe, ich lasse locker. Dann fallen die Leoparden über mich her." All die kleinen und großen To-dos auf ihrer Liste und all die kleinen und großen Rückschläge, die es in jedem Leben gibt - aber mit denen sie, verantwortlich für sich und zwei Kinder, allein zurechtkommen muss. Und die sie zu zerreißen drohen, wenn sie nicht voll bei der Sache ist.

Es gibt 1,6 Millionen Alleinerziehende in Deutschland, mehr als 90 Prozent von ihnen sind Frauen. 1996 waren es noch knapp ein Viertel weniger. Die Mehrheit, zu der Niko Lenzen zählt, nämlich 60 Prozent, schafft es, ohne staatliche Existenzsicherung über die Runden zu kommen. Die meisten mithilfe ihrer Expartner. Die anderen, die auf diese Hilfe nicht zählen können, balancieren ihr Leben am Abgrund. Für kaum eine Gruppe der Bevölkerung ist das Armutsrisiko so groß wie für sie.

Du bist stark, du schaffst das

Neue Sorgen

Niko Lenzen hat den Absturz hinter sich. "Du bist stark, du schaffst das": Das war der Merksatz, den ihre Großmutter ihr mitgegeben hatte, mit dem fühlte sie sich lange gerüstet. Natürlich würde sie lieber allein zwei Kinder durchbringen als eine ungesunde Partnerschaft aufrechterhalten. Sie hatte bisher doch alle Herausforderungen gut bewältigt. Abitur gemacht, Literaturübersetzung studiert, danach schnell einen Job gefunden. Alles fühlte sich richtig an, auch die Männer, in die sie sich im Lauf der Zeit verliebte. Mit denen sie erst Louis und dann Anna bekam. Ja, sie wurde beide Male schnell schwanger. Aber sie würde ihre Kinder heute niemals als Fehler bezeichnen.

Niko Lenzen erzählt beim Tee in ihrer Küche von der Zeit vor ihrem Tiefpunkt. Den Job konnte sie mit Kindern wegen der Arbeitszeiten nicht halten. Sie ging nach Hannover, wo ihre geschiedenen Eltern leben. Aber dann bekam ihre Mutter Krebs. Und ihr Vater eine Depression. Keine Hilfe. Noch mehr Sorge.

Die Kinder wurden ihr schwierig

Sie bewarb sich, fand aber keinen Betrieb, der bereit war, Rücksicht auf Kinderkrankheiten, Kindergeburtstage, Kindergartenzeiten zu nehmen. Statt schwieriger Beziehungen nun: ein schwerer Makel. Sie gründete eine Ein-Frau-Unternehmensberatung. Die Agentur für Arbeit genehmigte einen Gründungszuschuss. Sie hatte Aufträge. Ihr Leben kam wieder ins Laufen. Nur: zu schnell. Eine Firma stellte sie zu 40 Prozent an - 40 Prozent Gehalt für gefühlte 110 Prozent Arbeit. Die Kinder wurden krank. Sie selbst auch. Und dann strich die Arbeitsagentur den Zuschuss. Sie habe jetzt ja eine feste Anstellung. Sie gab alles. Anna war bis 14 Uhr in der Kinderkrippe, Louis bis 15.30 Uhr, sie arbeitete nach dem Abholen zu Hause gleich weiter, oft bis in die Nacht. Sie war nervös. Die Kinder wurden ihr schwierig, sie begann, sie anzuschreien. Die Kinder schrien auch.

Im März 2011 war Schluss. Sie stand in der Küche, die Waschmaschine lief. Das Bullauge wie ein Kaleidoskop, dahinter Kinderwäsche, oben, unten, mal einzeln, mal im Knäuel. "Kein Halt mehr", dachte sie. Ihre Hände zitterten, ihr Körper pochte. Dann konnte sie die Tränen nicht mehr stoppen. Der Arzt diagnostizierte einen Nervenzusammenbruch. Auch ihr Bild von sich selbst brach zusammen. "Du bist stark." Wie stark kann man sein?

Hartz IV

Sie spricht jetzt leise, sie will nicht, dass Anna und Louis, die immer wieder mit großen Ohren in die Küche schleichen, hören, wie schlecht es ihr damals ging. Sie sagt: Der Arzt habe ihr Antidepressiva verschrieben, weil sie nicht in eine Klinik wollte. Antidepressiva wollte sie eigentlich auch nicht, nie. Aber sie musste ja funktionieren, für die Kinder, irgendwie. Sie kündigte ihren 40-Prozent-Job. Dass die Arbeitsagentur plötzlich einräumte, sie habe doch Anspruch auf den Gründungszuschuss, man habe sich geirrt - zu spät. Da hatte sie kapituliert. Der Vater von Anna war arbeitslos und zahlte keinen Unterhalt. Und auch mit Louis' Vater gab es darum immer wieder Streit - und immer wieder Anwaltskosten. Niko Lenzen beantragte Hartz IV.

Vier von zehn Alleinerziehenden in Deutschland leben mit ihren Kindern an der Armutsgrenze. Sie müssen mit dem auskommen, was der Staat als Minimum errechnet hat - 937 Euro plus Mietkosten zum Beispiel für eine Erwachsene und zwei kleine Kinder. Ein gutes Drittel der Leistungsempfänger hat zwar Arbeit, braucht aber zusätzlich Geld vom Staat, um wenigstens auf Hartz-IV-Niveau zu kommen.

  Einer der seltenen Momente mit Zeit für Entspannung

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Es läuft, wenn nichts dazwischen kommt

Drei Jahre nach dem Zusammenbruch hat Niko Lenzen wieder Arbeit - ein eigenes Auskommen, heute sind es gut 700 Euro mehr als Hartz IV. Ihre Kinder haben Plätze in der Kita und im Hort. Sie muss nach der Arbeit spurten, aber es läuft. Wenn nichts dazwischenkommt. Und wenn sie durchhält. Niko Lenzen ist aus dem Abgrund raus, aber sie balanciert weiter am Rand.

Weil sie mit den Kindern allein ist, kann sie nur Teilzeit arbeiten. Wegen der jahrelangen Teilzeit wird ihre Rente kaum reichen - einen Ausgleich für alleinige Kindererziehung gibt es nicht. Es bleibt aber auch zu wenig übrig, um privat vorzusorgen. Eben wegen des Teilzeitgehalts - aber auch wegen des Finanzamts, dessen "Alleinerziehendenentlastungsbetrag" sich bei kleineren Gehältern kaum bemerkbar macht.

Der Vater zahlt nicht, der Staat nur die Hälfte

Es kommt ihr vor, als würde man, erst einmal allein, immer noch ein bisschen alleiner gelassen. Auch beim Unterhalt. 225 Euro gelten als Mindestunterhalt, den ein Elternteil bezahlen muss, der seine Kinder nicht selbst betreut. Als Annas Vater bis vor Kurzem keinen Unterhalt zahlte, bekam Lenzen vom Staat 133 Euro - weil der Staat den Zuschuss mit dem vollen Kindergeld verrechnet. Als würde ein Kind, dessen Vater nicht zahlt, nur 133 statt 225 Euro brauchen. Die Wahrheit ist: Sie musste allein sehen, wie sie das fehlende Geld aufbrachte.

Im Frühjahr kam die Bertelsmann-Stiftung zu dem Schluss: "Die Politik berücksichtigt die Lebenssituation von Alleinerziehenden mit der besonderen Belastung durch Beruf, Erziehung und Haushalt zu wenig. Sowohl im Unterhaltsrecht als auch im Steuer- und Sozialrecht haben Reformen der vergangenen zehn Jahre den finanziellen Druck auf Alleinerziehende verschärft."

Hoffen auf das Losglück

Zugleich ist es noch immer nicht leichter, die Familie allein durchzubringen - mehr zu arbeiten und zu verdienen. Seit Jahren wird über verlässliche Betreuungszeiten geredet, über Krippen, Kitas und Horte für die Kinder arbeitender Eltern. Niko Lenzen merkt im Süden Hannovers nichts davon: Anna hat keine Nachmittagsbetreuung mehr, wenn sie im Herbst nächsten Jahres in die Schule kommt. Zwei Plätze werden im Hort frei, sechs Kinder stehen auf der Liste. An einigen Schulen gibt es seit Kurzem "verlässliche Betreuung" - die geht aber nur bis 13 Uhr. Anna ist noch klein, auf dem Heimweg muss sie gefährliche Straßen überqueren, Hunger haben wird sie auch. Niko Lenzen fühlt sich in der Zwickmühle. Ihre Stelle reduzieren kann sie nicht, Geld für eine Tagesmutter hat sie nicht. Sie steckt ihre Energie in positives Denken. In die Hoffnung, dass Anna für den Hortplatz ausgelost wird. Wenn ihr die Energie gerade fehlt, sieht sie die Leoparden vor sich, bereit zum Sprung.

Immer wieder gibt es Situationen, in denen sie das Gefühl hat, dass ihr die Kontrolle entgleitet. Vor Kurzem schlenderte die Chefin an ihrem Schreibtisch vorbei, bat sie, vorübergehend auch den Job eines Kollegen zu übernehmen. Das war ein Witz, wie sich herausstellte, aber Niko Lenzen fühlte sich wie von einer schweren Pranke getroffen. Am Abend desselben Tages teilte ihr Louis' Vater am Telefon mit, er habe weniger Aufträge. 300 Euro seien noch drin statt 433. Niko Lenzen zwang sich, ruhig zu bleiben, sie sagte, sie wolle das nicht diskutieren, sie werde alles an ihren Anwalt weitergeben. Egal, wie die Sache ausgeht, ein paar Hundert Euro wird allein die Kanzlei kosten.

Realität und Fassade

Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen an diesem Abend. Machte Essen, las den Kindern vor. Aber sie wussten wohl dennoch, was los war. Louis ließ ohne Zusammenhang sehr nachdenklich den Satz los: "Yoga ist toll. Seit du Yoga machst, schreist du uns nicht mehr an." Und wenig später sagte Anna: "Am schönsten fände ich es, wenn du meinen Papa heiraten würdest."

Als die beiden schliefen, setzte sie sich an den Computer, loggte sich in einem Forum für Alleinerziehende ein, zum ersten Mal, und schrieb los. "Neben dem Job habe ich die Kinder, neben den Kindern habe ich den Haushalt, neben dem Haushalt den Kinderhort, in dem man als Eltern engagiert sein muss, sonst hätte man den Platz nicht bekommen, neben dem Abendessenmachen telefoniere ich wegen eines Hortplatzes, mit der rechten Hand Spülmaschine ausräumen, mit der linken die Waschmaschine einräumen ..." Sie wusste, dass sie ein paar Atemübungen aus dem Yoga machen sollte, um sich zu beruhigen. Aber sie konnte nicht.

Da war sie wieder, die Frage. Sie begleitet Niko Lenzen seit mehr als sechs Jahren, jeden Tag: "Wie schaffen wir das?" Und wieder wusste sie keine Antwort darauf.

*Namen von der Redaktion geändert.

Gut zu wissen

Die Zahlen
Von den insgesamt 8,1 Millionen Familien in Deutschland mit minderjährigen Kindern ist bei etwa jeder fünften ein Elternteil alleinerziehend. 2,2 Millionen Kinder wachsen zumeist bei der Mutter auf: 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Die meisten von ihnen arbeiten, 45 Prozent in Vollzeit. Dennoch tragen sie ein hohes Risiko, zu verarmen: 42,3 Prozent der Alleinerziehenden leben unter der Armutsgrenze. Seit 2005 steigt dieses Risiko deutlich, Experten gehen von strukturellen Verschlechterungen aus.

Steuern
Alleinerziehende werden fast so besteuert wie Singles. Im Jahr 2003 fiel ein hoher Steuerfreibetrag weg, der seit den 70er Jahren vielen Alleinerziehenden über die Runden geholfen hatte. Nachträglich eingeführte Ausgleichsregelungen entlasten die meist kleinen und mittleren Gehälter der Alleinerziehenden kaum.

Streitthema Unterhalt
Untersuchungen zufolge reichen in zwei Drittel der Fälle die Unterhaltsregelungen nicht aus, um die tatsächlichen kindlichen Bedürfnisse zu decken - und selbst diesen vereinbarten Betrag erhält lediglich die Hälfte der Kinder in voller Höhe. Wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nicht oder zu wenig zahlt, springt der Staat nur teilweise ein, höchstens sechs Jahre lang und bis zum zwölften Lebensjahr.

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Nina Poelchau und Katharina Kluin