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Werdet endlich erwachsen, Leute!

Wir werden nicht mehr alt: tragen Hoodies und Basecaps, leben in Szenevierteln, fahren Skateboard und hungern für eine gute Figur. Aber was wird aus den Kindern der Spaßgeneration?

Von Uli Hauser

  Hauptsache Spaß, so richtig erwachsen will heute niemand mehr sein

Hauptsache Spaß, so richtig erwachsen will heute niemand mehr sein

Erwachsen zu werden war noch nie so schwer wie heute. In meiner Generation, es ist wirklich noch nicht so lange her, war es klar, mit 18, spätestens mit 20 Jahren das Elternhaus zu verlassen. Heute wohnt jeder vierte Jugendliche zwischen 18 und 30 Jahren noch bei seinen Eltern. Die Nesthocker hängen lieber in der Warteschleifen als sich dem Leben zu stellen. Im Hotel Mama wird gekocht, gewaschen, gebügelt. Deutsche Studenten sind im Schnitt 26 Jahre alt, drei Jahre älter als Franzosen und Engländer. Die Eltern haben einen Dauerauftrag eingerichtet, manchmal gibt auch der Opa was dazu. Das durchschnittliche Heiratsalter verschiebt sich seit 30 Jahren nach hinten: Männer heiraten mit 37 Jahren, Frauen mit 34 Jahren. Und danach sind sie oft immer noch nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war; in den Großstädten wird jede zweite Ehe geschieden. Die Trennung der Eltern gehört im Leben heutiger Kinder und Jugendlicher fast schon zur Normalität. Viele Kinder lernen immer neue Partner ihrer Eltern kennen und lernen so, dass nichts von Dauer ist und es keinen Sinn macht, sich auf lange Sicht emotional zu binden.

Unsere Gesellschaft kommt aus der Pubertät nicht heraus: So richtig erwachsen wollen Erwachsene heute nicht mehr sein. Im Internet kursiert von einem anonymen Verfasser folgender Text: "Hiermit erkläre ich öffentlich meinen Rücktritt vom Erwachsensein. Ich habe beschlossen, die Bedürfnisse einer Sechsjährigen zu leben. (...) Was ist mit der Zeit geschehen, zu der wir glaubten, das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre, dass uns jemand unser Springseil wegnimmt und uns als Letzten in die Handballmannschaft wählt? Ich möchte wieder einfach leben. Ich möchte nicht, dass meine Tage aus Computerabstürzen, Bergen von Akten und deprimierenden Nachrichten bestehen. Ich möchte an die Kraft eines Lächelns, einer Umarmung, eines netten Wortes glauben, an Wahrheit, Frieden, Träume, und an die Kraft, die davon ausgeht, im Liegen Rauschgoldengel in den frischen Schnee zu formen. Ich möchte wieder sechs sein."

Nur noch Lust und Unterhaltung

Großer Mann, was nun? Die Erwachsenen von heute wollen auf den Schoß. Da gehören sie aber nicht hin. Sie sollen sich gefälligst um die Kinder kümmern und ihnen eine gute Zeit schenken, statt ihnen ihre Kindheit zu klauen. Wo sollen die Kinder hin, wenn sich die Älteren überall breitmachen? Der letzte richtige Erwachsene scheint Helmut Schmidt zu sein, er gibt Antworten und stellt nicht nur Fragen. Er vergleicht sich nicht ständig mit anderen, akzeptiert das Älterwerden, ist in der Lage "nein" zu sagen und sich selbst sicher. Kaum eine Woche, in der er nicht öffentlich gebeten wird, das Durcheinander in der Welt und in den Beziehungen ein bisschen zu ordnen. Heute herrscht Verwirrung, weil niemand mehr weiß, was eigentlich einen Erwachsenen ausmacht. Ist es die Fähigkeit, sich mit seinem Schicksal zu versöhnen? Zu wissen, dass nicht alles geht? Fähig zu sein, Verzicht zu üben? Sind Erwachsene imstande, nicht unentwegt nach Lust und Unterhaltung zu verlangen? Grenzen zu akzeptieren, auch die des eigenen Lebens? Müssen Erwachsene nicht Orientierung bieten, ihre Erfahrungen weitergeben, in der Lage sein, den Jüngeren das Leben zu erklären? Ihnen Wurzeln und Flügel zu bieten, wie es so schön heißt?

Die Erwachsenen von heute laufen dauergestylt dem ewigen Leben hinterher. Was für ein Unterschied, als ein Talkmaster wie Hans-Joachim Kulenkampff im Fernsehen den väterlich-gütigen Typen verkörperte. Zu allen Späßen aufgelegt und doch kein Clown war. Nie wäre er von einem Zehn-Meter-Turm gesprungen, um das Volk zu belustigen. Sein Nachfolger Thomas Gottschalk dagegen machte jeden Blödsinn mit und verteilt Gummibärchen. Das Fernsehen ist voll mit schrillen Riesenbabys, die sich als niedlich-neckische Moderatoren gefallen. Nena findet alles "geil" und DJ Ötzi gibt den Kindergarten-Onkel. Neue deutsche Bands singen von der schönen Zeit auf dem Schulhof, sie heißen Kettcar oder geben sich, wie Tomte, Namen aus Astrid-Lindgren-Büchern. Ihr Held ist Balu, der Bär.

Fortysomething-Mütter tragen bauchfrei

Ohne eine Idee davon, was es bedeutet, erwachsen zu sein, gibt es auch keine klare Vorstellung davon, was Kindheit bedeutet. Die Kinder von heute werden unterfordert und überschätzt. Viele Eltern verstehen sich als Freunde und Kumpel. So ziehen sie mit zweijährigen Kindern bei "Halloween" um die Häuser. Fortysomething-Mütter tragen bauchfrei und lassen sich die Falten glätten: Sie weigern sich, erwachsen zu werden. Männer gehen in der Lebensmitte zum Arzt und bekommen zu hören, dass sie, biologisch gesehen, "noch 20 Jahre lang 40 sein können". Wir werden nicht älter, sondern bleiben immer länger jung. Weil die sinkende Kinderzahl bei Spielzeugherstellern zu Umsatzeinbrüchen führt, setzen diese nun vermehrt auf die Generation der Baby-Boomer. "Unsere lebensecht aussehenden Funktionsplüschtiere, etwa Katzen, die miauen und gehen können, laufen auch bei erwachsenen Kunden ganz gut", sagt eine Verkäuferin. So verdreht sich die Welt. Die Kinder haben es schwer, sich gegen den Jugendwahn der Gesellschaft zu behaupten. Sie wundern sich, wie wir faltigen Bekannten dreist ins Gesicht lügen, wie jung sie dreinschauen. Alle werden jünger, nur Kinder nicht. In Fitness-Studios kämpfen juvenile Rentner gegen den Verfall. Die Jugend dehnt sich bis ins hohe Alter. Für immer jung, für immer gesund, für immer schön, für immer gut drauf: Wie sollen Kinder da lernen, dass alles seine Zeit hat, dass es Probleme gibt, es im Leben nicht immer glatt läuft?

Rentner rasen auf Rollschuhen durch die Stadt und Schauspieler auf Rollerblades zur Oscar-Verleihung. Die Grenzen zwischen den Generationen verschwinden. Wir sind jung, wir kennen keine Sorgen: aus Oma und Opa werden der Gunter und die Helga. Stadtplaner entwerfen, wie in Berlin und Nürnberg, Spielplätze für Senioren. Sie wollen auch mal wieder schaukeln. Mädchen lassen sich schon mit elf Jahren die Wimpern verlängern und Jungen prahlen schon mit 13 Jahren von ihrem ersten Geschlechtsverkehr. Über ein Drittel der Snowboard-Fahrer ist älter als 35, jeder dritte Käufer von Handy-Spielen über 30 Jahre. In Aschaffenburg brachte eine 64-jährige Frau ein 2000 Gramm schweres Baby auf die Welt, sie hatte sich im Ausland eine gespendete Eizelle einsetzen lassen und sich mit der Geburt ihrer Tochter einen langgelegten Wunsch erfüllt.

Berufsjugendliche Latte-macchiato-Eltern

Die coolsten Väter und Mütter der Welt wohnen in Deutschlands Szenevierteln. Im Frankfurter Nordend, im Hamburger Schanzenviertel, am Prenzlauer Berg in Berlin. Sie tragen Caps, Kapuzenpullis und Cordjacken und sind als Berufsjugendliche kaum von ihren Kindern zu unterscheiden. Die Latte-macchiato-Eltern ziehen von Coffeeshop zu Coffeeshop oder richten gleich selbst Mutter-Kind-Cafés ein. Ihre geringste Sorge ist, dass ihre Kinder zu dick werden. Die kommen mit Croissants über die Runden und meistens ohne Frühstück in die Schule, weil ihre schlanken Mütter auch erst am Mittag die Mikrowelle anwerfen. Nach dem Kind ist vor dem Kind: Ihren "urban lifestyle" wollen diese Eltern nicht ändern. Sie schleppen ihre Kinder überall mit hin; längst können sich Gastwirte im Internet Bastelbögen herunterladen, damit die Kleinen im Familienrestaurant mit angeschlossenem Erlebnis-Biergarten "Wartezeiten mit kreativen Aufgaben überbrücken". Es wird spannend zu hören, was die Generation später von ihrer Kindheit berichten wird.

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