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Meinung

Wäre Professor Kelly eine Frau, hätte es einen Shitstorm gegeben

Aus dem Homeoffice führt Robert E. Kelly ein Skype-Interview mit der BBC zur Lage in Südkorea. Seine Tochter platzt herein, sein zweites Kind, dann seine Frau. Alles live. Bei einer Frau hätte das niemand süß gefunden.

Robert E. Kelly schiebt seine Tochter zur Seite

Robert E. Kelly versucht zu arbeiten. Seine Kinder interessiert das aber nicht.

Robert E. Kelly ist außerordentlicher Professor für politische Wissenschaften. Nachdem es Tote bei den Protesten gegen die Amtsenthebung von Präsidentin Park in Südkorea gegeben hatte, war seine Meinung gefragt. Er ist Fachmann, lebt selbst in Südkorea und arbeitet an der Pusan-Universität. Mit " World News" hat er ein Skype-Interview geführt, das gerade viral geht - weil seine Kinder hereinplatzten.

Dafür, dass Kelly so "cool" blieb, wird der Experte von allen Seiten gelobt. Der "Guardian" schreibt: "Er lächelt und entschuldigt sich für die Unterbrechung, während seine Frau in den Raum eilt, um die Kinder herauszuholen." Das Video geht durch die sozialen Medien, weil alle die kurze Unterbrechung lustig finden, nicht weil plötzlich jeden die Lage in Südkorea interessiert. Denn jeder kennt das, wenn kleine Kinder einen bei einer wichtigen Sache stören, einem Telefonat mit dem Chef, der Bank oder dem Amt etwa. Worüber sich deshalb niemand auslässt, ist, dass Kelly seine Tochter mit dem Arm abwehrt, ohne sie anzuschauen - sie einfach wegschiebt. 

Das hätte mal eine Mutter machen sollen

Nichts gegen Professor Kelly! Er hat versucht, trotz der Störung einen professionellen Job zu machen. Er hatte ein Zeitfenster von zehn Minuten, da frisst jede Unterbrechung kostbare Sekunden.

Aber stellen Sie sich einmal vor, Kelly wäre eine Frau. Journalistin und Mutter, die aus dem Homeoffice ein Interview führen muss. Die kommen neugierig (oder auch aus Langeweile) herein - und sie würde versuchen, professionell zu bleiben und weiterzuarbeiten. Sie würde den Blick nicht vom Bildschirm abwenden, sondern sogar ihren Schreibtisch gegen die kleine Tochter abschirmen.

Wie hätten Kommentare bei einer Frau ausgesehen?

Wenn man es sich gelegentlich antut, Facebook-Kommentare zu lesen, ahnt man es. Entweder wäre einer Frau mangelnde Professionalität vorgeworfen worden à la "Hätte sie ihr Arbeitszimmer nicht abschließen können, wenn sie ein Live-Interview führen muss?". Oder, und das ist noch viel wahrscheinlicher, sie hätte sich anhören müssen, was für eine schlechte Mutter sie ist. "Wie kann man so ungerührt bleiben, wenn die Kinder hereinkommen? Wieso hat sie keines Blickes gewürdigt? Wie kann man so eiskalt mit so kleinen Kindern umgehen?"

Niemand hätte das Interview lustig, niedlich oder menschlich gefunden. Alle hätten sie gehasst. Niemand hätte sich darüber gewundert, dass ein solches Verhalten einen Shitstorm auslöst. Einen unverdienten. Aber warum nicht? Weil Frauen immer noch zuerst Mütter sein müssen, auch wenn sie ihren  machen. Auch 2017 noch. 

Wie gesagt, nichts gegen Professor Kelly. Nur mal laut gedacht. Weil ja gerade erst Internationaler Frauentag war.

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