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Bekenntnisse einer Kinderlosen

Die Entscheidung für oder gegen Kinder trifft nicht jede Frau bewusst. Bei stern-Reporterin Kerstin Herrnkind fehlte es erst an der Zeit - und dann gab es einfach zu viele abschreckende Beispiele.

Kinderlosigkeit

Warum ich keine Kinder habe? Die Antwort ist sehr einfach, auch wenn ich mir selbst lange nicht darüber im Klaren war: Ich habe mich einfach nicht getraut. Dabei stand für mich lange Zeit außer Frage, dass ich einmal Kinder haben würde. Als ich in den 20ern war, lebte ich mit einem Mann zusammen. Wir sprachen über Kinder. Wir stellten uns nicht die Frage, ob wir Eltern werden würden, sondern nur, wie viele Kinder wir haben wollten.

Als meine Freundin ihre erste Tochter gebar, fuhren wir sie im Krankenhaus besuchen. Und waren so angetan von dem Baby, das uns mit großen, blauen Augen anstrahlte, dass wir auf dem Rückweg überlegten, wie viele Kinder wir haben würden. Ein Kind? Irgendwie zu wenig. Zwei? Langweilig. Drei? Ja, drei. Okay, abgemacht. Aber erst mal ging das Studium vor. Damals war ich fest davon überzeugt, dass es eine Katastrophe sei, in der Ausbildung schwanger zu werden. Heute weiß ich, dass es vermutlich keinen besseren Zeitpunkt gibt, Kinder zu bekommen als im Studium. Man kann so lange unterbrechen wie man will, ohne befürchten zu müssen, dass man rausfliegt. Und das Studium organisieren, wie es passt. Perfekt.

Ausbildung unterbrechen für ein Kind?

Tja, aber dann, als ich mit dem Studium fertig war, verließ mich der Mann, mit dem ich drei geplant hatte. Aber ich hätte sowieso noch keine Zeit gehabt, Mutter zu werden. Ich war inzwischen 29 und volontierte bei einer Tageszeitung. Einer meiner Mitvolontäre wurde Vater. Er arbeitete weiter, als sei nichts geschehen. Seine Freundin kümmerte sich um das Kind. Und die Großeltern, wenn ich mich richtig erinnere. Wenn ich als Volontärin Mutter geworden wäre, hätte ich pausieren müssen. Vielleicht hätte ich die Ausbildung sogar abgebrochen. Nicht, weil mein Arbeitgeber mich dazu gezwungen hätte. Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz war damals noch Zukunftsmusik. Inzwischen gilt dieser Rechtsanspruch ja sogar für Einjährige. Allerdings nur auf dem Papier. Zwar verurteilte das Landgericht Leipzig die Stadt im Februar 2015 drei Müttern 15.000 Euro Schadensersatz zu zahlen, weil sie keinen Kita-Platz gefunden hatten und deshalb nach der Elternzeit nicht arbeiten konnten. Doch das Oberlandesgericht Dresden hob das Urteil in der nächsten Instanz ein halbes Jahr später wieder auf. "Herber Rückschlag für Eltern", titelte der "Tagesspiegel". "Wie ein deutsches Gericht Eltern vor die Füße spukt", kommentierte die "Huffington Post".

Mit 30 wurde ich Redakteurin. Davon abgesehen, dass mir noch immer der Mann zum Kinderkriegen fehlte, hätte ich kein Kind ernähren können. Bei der "Taz" arbeitete ich viel, verdiente aber wenig Geld. Mit 34 ging ich zum stern. Von dem Gehalt hätte man durchaus eine Familie ernähren können. Allerdings hatte ich nur einen Jahresvertrag. Und als dieser Vertrag entfristet wurde, war immer noch kein Mann in Sicht - zumindest keiner, mit dem ich Kinder in die Welt gesetzt hätte.

Für Kinder war es da schon zu spät

Als ich kurz darauf meinen Mann traf, brauchten wir erst mal Zeit, um uns kennenzulernen. Wir zogen zusammen, beschlossen nach ein paar Jahren zu heiraten. Für Kinder war es da schon zu spät. Aber wenn ich ganz, ganz ehrlich bin: Mich hatte zu dieser Zeit schon der Mut verlassen. Diese Unbefangenheit, die ich mich mit Mitte 20 hatte sagen lassen: "Wir kriegen drei Kinder", war mir abhanden gekommen. Ich hatte zu viel gesehen und gehört. Wusste aus vielen Erzählungen von Frauen, dass es nicht leicht ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Kannte zu viele Alleinerziehende. Ich hatte keine Ahnung, wie ich meinen Beruf als Journalistin mit Mann und Kind hätte organisieren sollen, ohne in der Nähe. Meine Arbeitszeit hätte ich sicher reduzieren müssen. Das hätte auch weniger Geld, weniger Sicherheit und irgendwann auch weniger Rente bedeutet.

Die Freundin, die ich damals mit ihrer ersten Tochter im Krankenhaus besucht habe, hat noch drei Kinder bekommen. Das Letzte, eine kleine Nachzüglerin, mit weit über 40. Mit ihrem Mann hatte sie sich auf das klassische Rollenmodell geeinigt. Sie versorgt zu Hause die Kinder, während er Arbeiten geht und den Lebensunterhalt der Familie verdient. Fast jede dritte Familie lebt in Deutschland so. Nicht, weil sie es will. Nein, weil es oft nicht anders geht. Wie bitte schön, hätte meine Freundin mit vier Kindern arbeiten sollen? Schon Frauen, die nur ein Kind haben oder zwei, reiben sich zwischen Familie und Beruf auf. Wer das nicht glaubt, sollte das Buch "Vereinbarkeit?" von Susanne Garsoffky und Britta Sembach lesen, das es in den Shop der Bundeszentrale für politische Bildung geschafft hat. "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt es nicht!", schreiben sie. 82 Prozent der berufstätigen Mütter fühlten sich überfordert. Die Autorinnen beschreiben den "Alltag als ewigen Kraftakt". Das Fazit der beiden Journalistinnen: "Auch wir haben lange geglaubt: Das ist alles nur eine Frage der Organisation. Wer will, der kann auch! Der einzige Haken war: Unvorhergesehenes durfte nicht passieren, denn wenn doch, dann führte das direkt in die Orga-Katastrophe." Aus "purer Erschöpfung" kehrten Frauen zum "Rollenmodell ihrer Großmütter" zurück.

Familienmodell mit Tücken

Aber dieses Modell kann tückisch sein, wie meine Freundin erlebten musste. Ihr Mann hat sie gerade verlassen. Wegen einer Jüngeren. Nach fast 25 Jahren Ehe. Die drei älteren Kinder sind schon aus dem Haus, studieren. Nur die kleine Nachzüglerin, inzwischen 13 Jahre alt, lebt noch zu Hause. Meine Freundin steht jetzt alleine da. Mit Kind. Und muss unter Umständen arbeiten gehen, weil ihre Tochter älter ist als drei Jahre. So will es das neue Unterhaltsrecht, das 2008 in Kraft getreten ist. Anspruch auf nachehelichen Unterhalt gibt es für Frauen, die ihre Kinder betreuen, nur, bis das Kind drei Jahre alt ist. Danach wird die Unterhaltsfrage zur Ermessensentscheidung des Gerichts. Mit dieser Gesetzesreform sollte die "nacheheliche Eigenverantwortung" gestärkt werden. Woher soll meine Freundin nun, mit über 50, einen Job nehmen? Sie bekommt nun die Quittung dafür, dass sie Kinder gekriegt und ihren Job an den Nagel gehängt hat.

Trotzdem sollte man sich als Frau hüten, sich als gewollt kinderlos zu outen. Nichts würde sie daran reizen, Kinder in die Welt zu setzen, schrieb die britische Journalistin Holly Brockwell in einem Artikel für die BBC. Sie überlege sogar, sich sterilisieren zu lassen, weil sie die Pille nicht vertrage. Der Shitstorm im Netz ließ nicht lange auf sich warten. Ein Mann schrieb ihr, er würde nun Geld für eine Operation sammeln - allerdings nicht für die von ihr geplante Sterilisation, sondern um ihr den Kehlkopf entfernen zu lassen, damit sie endlich den Mund halten würde.

Ob ich bereuen würde, keine Kinder bekommen zu haben, werde ich manchmal gefragt. Ehrliche Antwort: Manchmal ja.

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