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Die bewegende Geschichte hinter dem aktuell wichtigsten Kinderbuch

Im syrischen Homs ist das Leben nicht mehr sicher, Rahafs und Hassans Familie macht sich auf den Weg nach Deutschland. Kirsten Boie hat das Mädchen und seinen Bruder getroffen – und ihre Geschichte in ein Kinderbuch verwandelt.

Von Susanne Baller

  Ohne Geld kommt die Familie am Bahnhof an, und Rahaf hat solchen Durst

Ohne Geld kommt die Familie am Bahnhof an, und Rahaf hat solchen Durst

Was bekommen deutsche Kinder vom Krieg in Syrien mit? Vielleicht Bilder aus dem Fernsehen, Gespräche von Erwachsenen, vielleicht eine neue Klasse in der Schule, in der alle Schülerinnen und Schüler vor einem Krieg nach Deutschland geflohen sind. Die Berichte über Syrien, die Bomben, die Gefahr, die sinkenden Boote, Schleuser, Hunger und Kälte sind schwer zu verstehen, wenn sich die eigene Welt um so ganz andere Dinge dreht. Wenn die wichtigsten Fragen des Tages lauten "Was gibt es zum Mittagessen?" und "Darf ich mich nachher noch verabreden?".

Kirsten Boie erzählt eine Flüchtlingsgeschichte aus Kinderaugen. Darin ist keine Gefahr wirklich bedrohlich, solange der Papa dabei ist. Denn Papa beschützt einen, immer und vor allem. Darin wird sich eher mal gewundert, dass Mama weint, denn Mütter weinen eigentlich nicht. Darin muss man bestimmte Dinge ertragen, weil man keine Wahl hat, man ist ja ein Kind.

Rahaf und Hassan

Kirsten Boie hat Rahaf und Hassan, die zwei syrischen Geschwister, in einer Flüchtlingsunterkunft in Norddeutschland kennengelernt. Rahaf, die heute zehn Jahre alt ist, und Hassan, 9, sind mit ihren kleinen Schwestern, drei und vier Jahre alt, und den Eltern aus Homs geflohen. Dort haben sie in einem großen Haus gewohnt, in dem nur Familienmitglieder gelebt haben: unten Oma und Opa, im ersten und zweiten Stock Onkel und Tanten mit ihren Kindern und ganz oben ihre eigene Familie. Ihre Cousine Aycha war Rahafs beste Freundin, sie sind in dieselbe Klasse gegangen und haben gemeinsam mit Puppen gespielt. Rahafs Lieblingspuppe hieß Lulla. Es war eine schöne Zeit, außer dann, wenn die Flugzeuge kamen. 

  Wenn die Flugzeuge kamen, mussten alle in den Keller. Im ganzen Haus haben die Fenster gescheppert. Manche Straßen waren hinterher nur noch Trümmer.

Wenn die Flugzeuge kamen, mussten alle in den Keller. Im ganzen Haus haben die Fenster gescheppert. Manche Straßen waren hinterher nur noch Trümmer.

Rahafs Lieblingspuppe ging verloren, weil die Schleuser gemeine Schurken waren. Sie haben das Gepäck an Land gelassen, damit noch mehr Menschen auf das kleine Boot passen, das auch Rahaf und ihre Familie nach Europa bringen sollte. Lulla war in Rahafs Rucksack. Und alle Papiere, Ausweise sowie das Geld war in Papas Koffer, der ebenfalls nicht mit an Bord ging. Die Schleuser verkaufen alles Gepäck, sobald die Flüchtlinge auf dem Meer sind. 

Das Schiff war sehr klein und sehr alt, aber Papa sagte: "Keine Sorge, das Schiff ist sicher." Da hatten Rahaf und Hassan keine Angst mehr. Die Überfahrt nach Italien dauerte acht Tage. Es war kalt, auch Rahafs Jacke war in ihrem Rucksack an Land geblieben. Und Essen gab es nur ganz wenig, ab dem fünften Tag für die Erwachsenen gar nichts mehr, nur etwas Reis für die Kinder. Und fast nichts zu trinken. 

  Auf dem Meer war es kalt und nachts schrecklich dunkel

Auf dem Meer war es kalt und nachts schrecklich dunkel

Durch Rahafs Augen die Flucht aus Homs über Italien nach Deutschland mitzuerleben, ist selbst für Erwachsene unmittelbar nah und bewegend. Kirsten Boie schafft es, keine Angst zu machen, aber dennoch zu sagen, was jenen passiert, die diese Reise antreten. Zu wissen, dass es sich um ein wahres Erlebnis handelt, verleiht der Erzählung noch einmal mehr Intensität.

In Arabisch und Deutsch

Doch nicht nur deutsche Kinder sollen die Geschichte von Rahaf und Hassan lesen können, deshalb wurde Kirsten Boies Text mit wunderschönen Illustrationen versehen und ins Arabische übersetzt. Ein kleiner Sprachführer im Anhang ermöglicht zudem eine erste Unterhaltung – für beide Seiten. Kinder allerdings, sprechen intuitiv sofort miteinander, etwa so wie Emma, Rahafs neue Freundin, mit der sie in Deutschland zur Schule geht. Mit ihr zusammen hat sich Rahaf bereits am zweiten Schultag viel besser gefühlt, angekommen, irgendwie. 

  Nach dem Erstaufnahmelager kommen Rahaf und ihre Familie in ihr neues Zuhause, einen Container

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