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Wir optimierten Jammer-Mütter - oder: Warum Arbeit uns zu besseren Eltern macht

Firmenbosse haben stressige Jobs? Pah! Die sollen mal eine durchschnittlich überforderte und übernächtigte Vollzeit-Mutter kennenlernen, findet unsere Gast-Autorin Marike Frick. Sie ist froh, dass sie statt zu jammern endlich wieder arbeiten darf.

Von Marike Frick

Vielleicht sind wir einfach eine Jammer-Generation.
Halten nix mehr aus.
Reden immer nur davon, wie zu kurz wir kommen und dass wir endlich mal unsere Work-Life-Family-Balance wiederfinden müssten (wo die nur schon wieder abgeblieben ist?).
Unsere Großmütter zum Beispiel, die haben nicht geklagt. Die haben tagein tagaus Kinderrotze abgewischt, genäht und gestopft, was das Zeug hielt und machten natürlich nebenher noch Stachelbeermarmelade ein.

Marike Frick

Marike Frick ist Journalistin, Medien-Beraterin und zweifache Mutter. Sie lebt mit ihrer deutsch-spanischen Familie in Genf. Auf ihrem Blog wasjournalistenwollen.de hilft sie Unternehmern und Selbstständigen, bessere Pressearbeit zu machen.

Aber ob sie das wirklich zufrieden gemacht hat? Vielleicht haben unsere Großmütter einfach eher still vor sich hingemeckert und -geseufzt. Und dann brav weiter malocht, weil man das halt so machte.
Heute dagegen haben wir Magazine wie Brigitte MOM, wir haben Facebook und Mütter-Foren – und wir dürfen es endlich: jammern. Jawoll, das steht uns zu! Denn jetzt mal ehrlich: Wenn jemand Grund zum Klagen hat, dann ist es die durchschnittlich überforderte, regulär übernächtigte Vollzeit-Mutter eines Kleinkindes.
Nehmt das, gestresste DAX-Manager und -Vorstände! Euer ist NIX dagegen!
Ich illustriere das auch gern mal ein wenig.

Stillen, wickeln, trösten - ein Vollzeitjob

An einem durchschnittlich normalen Tag mit meinem Erstgeborenen, er und ich allein zu Haus, stillte und wickelte ich, trug im Schlafanzug das umher, tröstete und beruhigte, machte shhh und uiuiuiui, schaukelte es auf meinen Armen in den Schlaf, huschte unter die Dusche (ja nicht zu lange!), räumte hier und da schnell was auf, schaffte noch einen Kaffee – dann war das Baby wieder wach, und alles ging von vorne los.

Wollte ich mit dem Baby rausgehen, so musste ich es leider ablegen, was ein Problem war, denn das Baby wollte nicht abgelegt werden. Ich ging in Hektik auf Klo, ich zog mir hektisch die Schuhe an, ich suchte hektisch nach meinem Schlüssel. Immer begleitet vom unzufriedenen Meckern und Schreien des Erstgeborenen.
"Fertigmachen" bestand für mich daraus, in irgendeine Jeans und einen Pulli zu schlüpfen und mir eventuell noch die Haare zu kämmen. Alles musste schnell gehen, alles war Stress, und es gab keinen Feierabend und kein Wochenende und kein "Drei-Stunden-am-Stück-schlafen", das ging einfach immer so weiter.
Ich war in dieser Zeit sehr eifersüchtig auf meinen Mann. Weil der abends nach Hause kam und einfach genießen konnte: Wie niedlich unser Sohn doch war, guck mal, ist er nicht zum Knutschen?

Mütter, voll optimiert

Bei mir dagegen manifestierte sich der äußere Stress in innerer Hektik. Ich verbrachte meinen Tag im Dauerschielen auf die Uhr: Wann ist wieder Schlafenszeit? Ich wurde zur maximalen Zeit-Optimiererin. Es galt, alles so zu timen, dass ich Schlafenszeiten bestmöglich nutzen konnte: So zum Spaziergang losgehen, dass er fünf Minuten vor der Café-Tür (WLAN!) einschlafen würde. Nicht zu früh hinlegen, weil das Schläfchen sonst zu kurz ausfiel. Essen schon mal mit Baby auf dem Arm vorbereiten, damit ich sofort essen konnte, wenn er endlich eingeschlafen war. Ich nahm nie "alles, wie es kommt". Dann kam Kind zwei, und jetzt galt es noch mehr zu planen und zu optimieren.
Klingt unentspannt? War es auch. Zu meinem einstigen Hakuna Matata zurückzufinden, daran arbeite ich noch immer.


Die Rettung: Endlich wieder arbeiten!

Meine Rettung kam dann aber doch irgendwann: in Form meines ersten Tages im Büro. Oh, wie hatte ich ihn herbeigesehnt! Die Eingewöhnung im Kindergarten konnte gar nicht schnell genug vonstattengehen. Und von nun an jubelte ich Sonntagabend regelmäßig: "Morgen ist Montag!"
Das lag auch daran, dass ich ein ganz neues Projekt begann. Ein Projekt! So richtig professionell! Es war furchtbar aufregend und erwachsen. Und Endlich war da wieder was, das mich so richtig stolz machte. Ein Wahnsinns-Gefühl.
Sie finden das egoistisch?


Dann sage ich Ihnen mal was: Ich gehöre gern einer Generation an, die auf sich selbst aufpasst. Denn wissen Sie, was die Folge des auf-mich-Achtens ist? Ich biete plötzlich meinen Kindern von mir aus an, ihnen aus einem Buch vorzulesen. Hocke auf dem Fußboden und baue geduldig Duplo-Eisenbahn.
Sitze am Sandkastenrand und schaue den beiden einfach nur zu.
Kurz: Ich bin zu einer besseren Mutter geworden. Nicht mehr so dünnhäutig. Weniger versessen auf die eigenen Auszeiten. Entspannter.
Denn bei der Arbeit steht niemand hinter mir und brüllt den ganzen Tag in mein Ohr: "Schneller! Wann bist du endlich fertig! Du bist NICHT SCHNELL GENUG!" Im Gegenteil: Hier machen mir Kunden Komplimente!

Keine Jammer-Mutter mehr

So komme ich abends entspannt in den Kindergarten, strahle meine Söhne an, sie strahlen zurück, und dann haben wir uns einfach nur lieb.
Bis zum nächsten Wutanfall, versteht sich. Der beginnt manchmal zwar schon beim Anziehen der Gummistiefel – aber ich stecke ihn schneller weg. Ich bekomme Bestätigung, die über die Empathie-Bekundungen anderer Mütter hinausgeht. Ich kann in Ruhe entscheiden, was ich wann tun will. Und ich werde endlich wieder bezahlt für das, was ich den lieben langen Tag tue.
Ja, ich weiß: Ich, ich, ich.
Aber letztlich ist genau das doch auch gut für das Wir. Wenn Sie also mal wieder eine dieser Jammer-Mütter treffen, wie ich sie mal war – dann fragen Sie doch einfach das hier: "Wann gehst du denn wieder arbeiten?"
Denn das ist gegen Jammerei echt die beste Medizin.

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