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"Gute Schulen bekommen G8 gut hin"

Bundesland um Bundesland kippt die achtjährige Gymnasialzeit und kehrt zurück zu G9. Der Leiter der deutschen Pisa-Studie hält das für falsch und vermutet andere Motive als zu großen Leistungsdruck.

Manfred Prenzel würde lieber über die Qualität des Lernens diskutieren als über die Dauer der Schulzeit

Manfred Prenzel würde lieber über die Qualität des Lernens diskutieren als über die Dauer der Schulzeit

Herr Prenzel, was halten Sie davon, dass jetzt einige Bundesländer zu G9 zurück wollen?

Ich finde diese Entwicklung erstaunlich bis gefährlich. Es gibt keine empirischen Befunde, die Vorteile für G9 gegenüber G8 belegen. Weite Teile der Diskussion beruhen auf Stimmungsmache. Jetzt, wo G8 einigermaßen läuft, wieder umzustellen, halte ich für falsch. Schule braucht Ruhe und Beständigkeit. Die aktuelle Debatte verstellt die notwendige Diskussion über Qualität. Die lässt sich aber nicht einfach durch ein Jahr mehr Schule erreichen.

Was muss sich am Gymnasium ändern?

Oft ist der Unterricht noch nicht gut genug; leistungsstarke wie leistungsschwache Schüler werden nicht ausreichend gefördert. Insgesamt werden die Jungen und Mädchen noch nicht genug zur Selbstständigkeit erzogen. Das zeigt sich auch daran, dass Gymnasiasten sich oft mit dem Lösen von Problemen schwertun. Selbstständiges Denken erreicht man aber nicht durch mehr Zeit, sondern durch mehr Spielräume und Rückmeldungen.

Aber Lernen braucht doch Zeit.

Sicher, aber in der Schule gibt es viele Leerlaufphasen. In einer Studie konnten wir nachweisen, dass sich bei G9 mehr als 40 Prozent der Schüler von Klasse 9 auf 10 in Mathe kein bisschen weiterentwickelt hatten.

Lehrer sagen immer wieder, durch G8 sei das Niveau gesunken.

Wir haben keine Belege dafür, dass es heute leichter ist, bessere Noten zu bekommen. Die Qualität der Leistungen an Gymnasien ist stabil geblieben, obwohl inzwischen zehn Prozent mehr Schüler dort ihr Abitur machen als noch vor zwölf Jahren. Vermutlich ist der soziale Druck auf das Gymnasium gestiegen, weil der Zugang nicht mehr ausschließlich dem Bildungsbürgertum vorbehalten ist.

Seit zehn Jahren klagen die Eltern, dass die Schule ihre Kinder zu sehr stresst.

Im internationalen Vergleich fühlen sich die Kinder in Deutschland in der Schule sehr wohl und besser als früher, das zeigt auch die letzte Pisa-Untersuchung. Ich beobachte, dass die Eltern mehr Stress mit G8 zu haben scheinen als die Schüler.

Viele Mütter und Väter lehnen G8 auch ab, weil sie nicht möchten, dass ihre Kinder den ganzen Tag in der Schule verbringen.

Sicher ist an vielen Schulen die Umstellung auf Ganztag nicht gut gelaufen. Aber ich finde es absurd: Für den Kita-Bereich werden mehr Ganztagsplätze gefordert, aber die Großen sollen mittags nach Hause? Das ist ein Luxusproblem einer bestimmten sozialen Gruppe, die sich wünscht, dass ihr Kind mittags von Mami zu Hause bekocht und nachmittags zum Ballett gebracht wird. Das kann die Schule auch, wahrscheinlich sogar günstiger.

Sollen Eltern darüber bestimmen, ob die Schule G8 oder G9 anbieten soll, wie es einige Elterninitiativen fordern?

Ich halte es nicht für richtig, wenn die Eltern basisdemokratisch entscheiden, ob ihre Schule G8 oder G9 anbieten soll. Gute Schulen bekommen G8 gut hin, die Reform sollte richtig gemacht werden, die Lehrpläne weiter ausgemistet werden: Was brauchen Schüler wirklich? Statt wieder über die Schulstruktur zu diskutieren, sollten wir lieber über Schulqualität streiten.

Lesen Sie zum Thema "Scheiß Schule" die Titelgeschichte im neuen stern.

Interview: Catrin Boldebuck

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