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Hoffen oder handeln – wann brauchen Kinder professionelle Hilfe?

Ängste, Traurigkeit, Weinanfälle – wenn Kinder Sorgen haben, leiden auch die Eltern Seelenpein. Was 
ist noch normal – und wann wird es Zeit, fremde Hilfe zu suchen? 

Von Tobias Schmitz

Ein weiblicher Teenager weint

Druck für die Seele: Schule kann anspornen, aber auch belasten

Ein schlicht eingerichteter Raum. Auf einem Regal steht ein Playmobil-Piratenschiff. Sonne fällt durch Altbaufenster. Der Arzt sitzt an einem Tisch. Heute ist eine Mutter mit ihrer Tochter zu ihm gekommen. Das Mädchen, 17 Jahre alt, Gymnasiastin, kurz vor dem Abitur, sucht nach Worten. Die Mutter schweigt. Der Arzt beginnt das Gespräch.


"Lara*, Sie wissen, warum Sie heute hier sind?" "Ja." "Sind Sie freiwillig hier?"
 "So halb. Ich wollte erst nicht kommen." "Was fehlt Ihnen, Lara?"
 "Ich habe häufig Kopfschmerzen. Schwindel, Bauchweh."
 "Stehen Sie unter Druck?"
 "Nein, eigentlich nicht."
 Der Arzt blickt sie fragend an.
 "Warum sind Sie dann hier?"
 "Ich würde nicht sagen, dass ich psychisch krank bin. Na gut, vielleicht mache ich mir schon ein bisschen Druck." "Wie zeigt sich dieser Druck?" "Ich bin total nah am Wasser gebaut. Ich muss ständig heulen. Ich will unbedingt gut sein. Ein gutes Abitur machen."

Die Mutter rutscht unruhig auf ihrem Stuhl. Anspannung im Raum. Der Arzt fragt weiter. "War das mit dem Gutsein schon immer so?" Schulterzucken.
"Wie gut muss Ihr Abitur denn sein?" "Ein Durchschnitt von 1,8 wäre gut." "Wo stehen Sie jetzt?"
 "Bei 2,0. Die Zwei vor dem Komma stört mich. Das klingt jetzt doof, ich weiß." "Das klingt überhaupt nicht doof. Solche Gedanken sind mir sehr vertraut."

Sorgen ernstnehmen

Die junge Frau beginnt zu weinen. Der Arzt spricht leise.
 "Es ist nicht schlimm, dass Sie weinen. Es ist ganz normal, dass das Ventil hier aufgeht. Ich wundere mich immer, was Schüler so alles ertragen. Haben Sie eine Vorstellung, welche Unterstützung Ihnen guttun würde?"

Lara wischt sich eine Träne von der Wange. Sie lächelt. Es ist, als breche in diesem Moment der Bann. Dieser Arzt nimmt sie ernst. Er stellt Fragen, statt Ratschläge zu erteilen. Er sagt nicht: Du schaffst das schon! Mach dir doch nicht immer so einen Stress! Entspann dich mal! Er hört zu.

Lara entspannt sich. Sie wirkt weicher. Ihre Skepsis ist verschwunden. Und so kommen im Gespräch mit fast wie nebenbei Dinge hervor, über die zu reden sonst so schwerfällt: der innerfamiliäre Konkurrenzdruck. Der superschlaue Bruder, dem alles zufliegt. Die Angst vor dem Versagen.

Da helfen keine Pillen

Michael Schulte-Markwort, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Kinderkrankenhaus , verordnet schließlich Physiotherapie. Nicht nur Laras Seele, auch ihr Körper soll entlastet werden. Zusätzlich rät er seiner Patientin zu autogenem Training. Er verschreibt weder Tabletten, noch sucht er nach frühkindlichen Ursachen für das große Leistungsstreben. Schulte-Markwort weiß, was er so kurz vor den Abi-Prüfungen noch leisten kann: Symptomlinderung. Lara verabschiedet sich. Sie wirkt erleichtert.

Auch ihre Mutter atmet kurz durch. "Ich hatte mir schon länger Sorgen gemacht", sagt sie später, "Lara wirkte so verändert. Verschlossen und sehr empfindlich. Sie weinte viel. Schien unter enormem Stress zu stehen." Die Mutter versuchte es mit vorsichtigen Gesprächen – vergebens. Ihre eigene innere Unruhe wuchs. "Ich bin gar nicht zu ihr durchgedrungen. Ich kam einfach nicht an sie heran. Das hat meine Sorgen noch verstärkt." Schließlich waren es gute Freunde, denen sie sich anvertraute. Und die ihr den Tipp gaben, sich an den Arzt zu wenden. Guter Rat zur rechten Zeit.

"Die Anerkennung der Sorge ist der erste Schritt"

Wann aber ist sie gekommen, die rechte Zeit? Wann überwuchern alltägliche Sorgen das Leben, übernimmt ein seelisches Problem die Macht? Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Michael Schulte-Markwort mit diesen Fragen. Er kennt sich aus mit den Sorgen der . Jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben. Die Fälle, die er beschreibt, reichen von der Tic-Störung bis hin zu Magersucht und Angsterkrankung.

Mit immer detaillierteren Diagnose-Verfahren können Wissenschaftler und Ärzte die psychische Verfassung der Heranwachsenden erforschen. Und sie stellen fest: Die so oft propagierte sorgenfreie Kindheit ist ein Märchen. Nach Angaben Schulte-Markworts zeigt jedes fünfte Kind zwischen drei und 17 Jahren psychische Auffälligkeiten. Zehn Prozent dieser Altersgruppe leiden unter einer Angsterkrankung, etwa acht Prozent unter Depressionen, bei knapp fünf Prozent diagnostizieren Ärzte die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Über die Hälfte der Erwachsenen, die mit psychischen Problemen kämpfen, war bereits in ihrer Kindheit labil. Heute weiß man: Je früher eine Störung behandelt wird, desto besser für das weitere Leben.

Plötzlich Angst vor dem Alleinsein

Die Eltern von Lilli, zehn Jahre alt, sind überzeugt davon, intuitiv genau den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben, um sich Hilfe zu suchen. Lilli ist ein hübsches Mädchen mit einem langen, geflochtenen Zopf. "Sie hatte immer wieder Bauchweh", erzählt die Mutter, "Nacht für Nacht kam sie in unser Bett. Sie hatte Angst vor der Dunkelheit – und vor dem Alleinsein. Übernachtete sie bei Freundinnen, überfiel sie schreckliches Heimweh."

Ihre Eltern gerieten ins Grübeln: Was war los mit ihrer Tochter? Sie war doch früher so fröhlich, unbeschwert, regelrecht unerschrocken gewesen. Würden diese neuen Ängste von ganz allein vergehen? Oder schlimmer werden, wenn sie jetzt nicht eingriffen? "Wir wussten nicht: Sollen wir hoffen oder handeln?"

Alle Eltern möchten, dass es ihrem Kind gut geht. Wollen echte Nöte ihres Kindes erkennen und etwas dagegen tun. Doch es ist schwer, zwischen normalen Sorgen und schwerwiegenden Problemen zu unterscheiden. Zwischen Phase und Zustand. Ist nicht zum Beispiel die Pubertät eine einzige psychische Auffälligkeit? Während des Übergangs von der Kindheit zum Erwachsenenalter verändern sich Körper- und Gehirnstrukturen mit allen bekannten, aber nicht minder verstörenden Begleitumständen: Wutausbrüchen, Trauer, Euphorie, mal Sehnsucht nach Nähe, mal Bedürfnis nach Abgrenzung. Ist das noch normal – oder schon gefährlich?

In dieser wie in allen anderen Phasen der Kindheit und gilt: Eltern müssen ihren Kindern Freiheit lassen. Sie sollen ihr Kind nicht überbehüten, sondern offen und aufmerksam beobachten.

Woher kommt der Tic?

Auch Elias, sieben Jahre alt, wirkte nicht glücklich. Er fühlte sich schon in der ersten Klasse der Grundschule gestresst. "Unbedingt wollte er alles richtig machen", erinnert sich der Vater, "er stand unter riesigem Druck. Immer, wenn er besonders angespannt war, führte er beide Hände zum Mund und berührte in rhythmischen Abständen seine Lippen. Das beruhigte ihn."

Aber nicht seine Eltern. War das ein Tic? Ein Symptom für Angst? Warum überhaupt dieser Druck? Hatten sie nicht alles dafür getan, Elias eine weitgehend sorgenfreie Kindheit zu ermöglichen? Hatten sie nicht Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit (und Taschengeld!) im Überfluss verschenkt?

Eine recht typische Sichtweise, die Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort sehr gut kennt: In seinem Buch schreibt er: "Wir projizieren unsere eigene Sehnsucht nach Unbeschwertheit und Sorgenfreiheit auf unsere Kinder, weil es so schwer auszuhalten ist, dass unser gesamtes Leben – mal mehr, mal weniger – von Sorgen begleitet wird. Dann sollen wenigstens unsere Kinder sorgenfrei aufwachsen. Dabei laufen wir Gefahr, die kindlichen Sorgen in ihrer Bedeutung gar nicht wahrzunehmen und sie zu verniedlichen."

Eliasʼ Sorgen waren ziemlich konkret: Würde er die Schule schaffen? Würde er Freunde finden? Mithalten können? Und was war eigentlich mit diesem Donald Trump, über den seine Eltern in letzter Zeit so häufig sprachen? Der sei gefährlich, hatte er sie reden hören. Für ihn etwa auch?

Elternsorgen sind nicht automatisch Kindersorgen

Wegen des vermeintlichen Tics vertrauten sich Eliasʼ Eltern ihrer Kinderärztin an. Petra Kapaun praktiziert seit 26 Jahren in Hamburg und hat eine Zusatzausbildung als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. "Die größte Schwierigkeit liegt für Eltern darin, unreflektiert von sich auf andere zu schließen", sagt Kapaun, "ganz nach dem Motto: Oma ist gestorben, da muss das Kind doch depressiv sein. Aber jedes Kind geht anders mit Problemen und Widerständen um. Eltern sollten beim Verdacht einer psychischen Störung immer wachsam bleiben, aber sich davor hüten, vorschnelle Rückschlüsse über die Ursachen zu ziehen."

Wer Kapaun im Gespräch mit ihren jungen Patienten beobachtet, ist überrascht, wie sehr sie sich zurücknimmt. Wie aufmerksam sie zuhört. Vor allem: Wie sie stets vermeidet, vorschnell zu urteilen. Stattdessen fragt sie ihre Patienten: Was glaubst du, was dir fehlt? Die Antworten fallen mitunter erstaunlich aus. Häufig sind es Schwellensituationen, die den Kindern Kummer bereiten. Umzug, Schulwechsel oder Trennungen. Und oft ist das sogar kleinen Kindern sehr bewusst.

Auch Experte Michael Schulte-Markwort ist jeden Tag aufs Neue davon begeistert, welch sicheren Instinkt die Kinder und Jugendlichen für ihre Nöte haben: "Meine Patienten überraschen mich immer wieder dadurch, dass sie sehr genau artikulieren können, was sie bedrückt."

Gut zuhören

Zur Kenntnis nehmen, dass Kinder echte Sorgen haben. Sie fragen, ihnen zuhören, ehe man sich selbst ein Bild macht. Das sind wichtige Ratschläge der Experten. Ein weiterer: nicht panisch werden! Erst einmal keinen Druck aufbauen, weder für sich selbst noch für das Kind. "Viele Eltern wollen bei Kindersorgen perfekt reagieren", sagt Kinderärztin Petra Kapaun. "Aber manchmal ziehen wir in guter Absicht am falschen Band und damit den Knoten immer stärker zu, statt ihn zu lockern."

Die Glücksstrategien, die Eltern für ihre Kinder vorsehen, sind allzu oft die, die sie bei sich selbst anwenden: Optimierung, Leistungssteigerung, Streben nach Fehlerlosigkeit. Schlimmstenfalls sollen dann Kinder, die unter Perfektionsdruck leiden, bei der Lösung dieses Problems perfekt sein. Auch so entstehen "Burnout-Kids", wie sie Psychiater Michael Schulte-Markwort einmal genannt hat.

Es geht auch anders: Wer als Erwachsener gelernt hat, negative Gefühle wie Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Wut auszuhalten, muss nicht panisch handeln, sondern kann besonnen bleiben. Kann ruhig und fürsorglich mit dem Kind sprechen. Herausfinden, ob es selbst Erklärungen und Bewältigungsstrategien hat. Und ergründen, ob wirklich das Kind Anlass zur Sorge gibt – oder die Erwartungen, die man selbst an es stellt. "Was ich Eltern raten kann, ist, die eigene Haltung zum Kind und der kindlichen Sorge zu überdenken", sagt Psychiater Schulte-Markwort. "Die innere Auseinandersetzung von Eltern mit ihrer Sicht auf ihr Kind und die Anerkennung von dessen Sorgen sind die ersten und wichtigsten Schritte auf dem Weg zu Veränderungen."

Dem eigenen Gefühl vertrauen

Eltern, die unterscheiden können zwischen eigenen Problemen und Problemen des Kindes; Eltern, die genau hinschauen, zuhören, fragen – diese Eltern haben alle Voraussetzungen, um klug zu entscheiden zwischen Hoffen und Handeln, zwischen ruhigem Abwarten und einem Termin beim Experten. Michael Schulte-Markwort ermutigt Eltern dazu, voll und ganz auf ihr Gefühl zu vertrauen. Wer unsicher sei und psychische Veränderungen beim Kind beobachte, die länger als vier Wochen andauern, solle ruhig einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen. "Meist kann ich innerhalb des Erstgespräches eine Diagnose stellen und entsprechend handeln. Oft kann ich auch die Befürchtungen entkräften. Das entlastet beide – Eltern und Kinder."

Bei den Gesprächen, Untersuchungen und Tests lassen sich vorübergehende "Anpassungsstörungen" von massiven gesundheitlichen Problemen klar unterscheiden. Und sollte ein Arzt tatsächlich eine Angststörung oder eine Depression diagnostizieren, kann er dafür sorgen, dass sie so früh wie möglich behandelt wird.

Angst, Unsicherheit, Selbstzweifel

Lilli, das ängstliche Heimweh-Kind, war für wenige Stunden bei einer Therapeutin. Die Angst wich. Vielleicht wäre das mit der Zeit auch ohne psychologische Sitzungen passiert. Jedenfalls ist Lilli danach ohne ihre Eltern auf eine Klassenfahrt nach England geflogen – und hinterher strahlend vor Freude zurückgekehrt. Heimweh? Das war in einem früheren Leben.

Auch Elias, der unsichere Grundschüler, war von einer Erkrankung weit entfernt. Dem Jungen haben gerade einmal fünf Stunden bei einer Therapeutin geholfen, besser mit Druck und Angst umzugehen. Heute kann er wahrnehmen, was seine Stärken sind. Und er weiß auch, was er tun kann, sollte er sich wieder unsicher fühlen. In seiner Klasse ist der Junge inzwischen sehr zufrieden, seine Lehrerinnen berichten von einem "gewaltigen Entwicklungssprung", den Elias gemacht habe.

Und Lara, die junge Abiturientin, übt autogenes Training und geht zur Physiotherapie. In Gesprächen mit Michael Schulte-Markwort hat sie gelernt, mit ihren Selbstzweifeln besser umzugehen. Ihr Abitur wird sie gut schaffen. Vielleicht sogar mit einer Eins vor dem Komma. Und wenn nicht? Dann bleibt es eine Aufgabe, ein wenig mehr Gelassenheit zu üben. Auch für die Eltern. Helfen könnte der vielleicht klügste aller klugen Sätze zur Kindererziehung: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

*Namen der Patienten von der Redaktion geändert


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