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So macht Schule Spaß!

Viele Emotionen kochen im Streit um Jahreswochenstunden und Belastung in G8 und G9 hoch. Dabei trifft die ganze Debatte gar nicht den Kern, sagt die 14-jährige Alma. Und erklärt, worauf es ankommt.

Von Susanne Baller

  Jamila Tressel, 15, Alma de Zárate, 14, und Lara-Luna Ehrenschneider, 16, haben einen eigenen "Pisa-Test" entwickelt und freuen sich über rege Teilnahme

Jamila Tressel, 15, Alma de Zárate, 14, und Lara-Luna Ehrenschneider, 16, haben einen eigenen "Pisa-Test" entwickelt und freuen sich über rege Teilnahme

Ich finde das total dumm. Was bringt's dir dann?", sagt Alma über G8, auf die aktuelle Debatte angesprochen. "Ich finde, man könnte ruhig noch ein paar Jahre mehr machen!" Die 14-Jährige spricht dabei von der Zeit an ihrer Schule, die ihr Spaß macht. So viel Spaß, dass sie gerade mit zwei Mitschülerinnen ein Buch über sie geschrieben hat. An der Evangelischen Schule Berlin Zentrum geht es nämlich nicht nur darum, das Curriculum über die Jahre zu verteilen und dann mit dem Abitur abzuhaken. "Das Berliner Schulgesetz sagt, glaube ich, dass die Schule dafür verantwortlich ist, Kinder zu mündigen Bürgern zu erziehen. Dann ist das doch also Aufgabe der Schule. An meiner Schule ist es ganz normal, das zu lernen."

Damit formuliert Alma, was Manfred Prenzel, der Leiter der deutschen Pisa-Studie, an dem erneuten G8/G9-Hin-und-Her kritisiert: "Insgesamt werden die Jungen und Mädchen noch nicht genug zur Selbstständigkeit erzogen", sagt er über Gymnasiasten im stern.de-Interview. "Die aktuelle Debatte verstellt die notwendige Diskussion über Qualität. Die lässt sich aber nicht einfach durch ein Jahr mehr Schule erreichen." Bislang hat sich bei den deutschen Gymnasien zwar mehrfach etwas an der Verteilung des Unterrichts geändert, doch wenig am Inhalt.

Selbst das Tempo bestimmen

Alma, Jamila und Lara-Luna reisen derzeit viel, um Lehrern von dem Konzept ihrer Gemeinschaftsschule und ihrem Buch zu erzählen. Um Vorträge an Universitäten zu halten und Fragen zu beantworten. Mindestens einen Tag pro Woche fahren sie durch Deutschland, diskutieren mit Neugierigen, die auf der Suche nach einem besseren Weg sind. Auf den Zugfahrten macht Alma, was sie sonst in der Schule tun würde: Unterricht. "Wir haben ja unsere tollen Lernbausteine und unseren Lernpfad, der uns durchs Thema führt", beantwortet sie die Frage, ob alle drei Mädchen Autodidakten seien. "Wir haben vier Lernbüros, wo wir Mathe, Deutsch, Englisch und Natur und Gesellschaft lernen. Und dort ist das Curriculum in Lernbausteine aufgeteilt. In Mathe lernen wir also zum Beispiel in der siebten Klasse die Welt der rationalen Zahlen, Wahrscheinlichkeiten, Bruchrechnung und so weiter. Und so heißen dann auch die Bausteine." Durch dieses Arbeiten ließen sich etwa auch Fehlzeiten durch Krankheit gut kompensieren: "Du machst einfach da weiter, wo du aufgehört hast", sagt Alma.

Im Vergleich zu der Berliner Gemeinschaftsschule sieht die Realität am Gymnasium anders aus. Ist ein Schüler krank, muss ihm ein Mitschüler berichten, was er verpasst hat, ihm die Hausaufgaben bringen und was sonst so zu lernen ist. Krank sein an normalen Schulen ist doppelter Stress, spätestens, wenn das Kind wieder genesen ist. Und wenn dann gleich eine Arbeit geschrieben wird: Pech gehabt. Auch das Problem löst die Evangelische Schule schlau. "Wenn ich ein Thema abgeschlossen habe und denke, jetzt bin ich wirklich bereit, ich hab alles verstanden, dann gehe ich zu meinem Fachlehrer, zum Beispiel meinem Deutschlehrer, und sage: 'Ich will mich jetzt in Kurzgeschichten testen lassen.' Dann fragt er, wann, und ich überlege mir einen Termin. Und an dem Tag setze ich mich ins Lernbüro und schreibe neben allen anderen, die arbeiten und vielleicht ganz andere Sachen machen, meinen Test." Klingt danach, als hätte man an der für ihr Lernkonzept ausgezeichneten Schule endlich umgesetzt, was der römische Philosoph Seneca bereits vor knapp 2000 Jahren am damaligen Lernen kritisiert hat: Non vitae, sed scholae discimus ("Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir"). Genau andersherum sollte es seiner Ansicht nach damals schon sein.

Was Familie nicht leisten kann

Neben der Weise, wie der Lehrstoff vermittelt wird, finden die drei Autorinnen am tollsten, dass ihre Schule ihnen weitere Fähigkeiten nahebringt, etwa Hilfsbereitschaft und Freundschaft. "Die Schule ist der perfekte Ort, um so etwas zu kombinieren. Man braucht fürs spätere Leben ja auch solche Fähigkeiten wie selbstständig sein oder im Team arbeiten können", erklärt Alma, die findet, dass den Eltern sowieso schon genug aufgebürdet würde. Aber Hilfsbereitschaft als Schulfach? "All solche Ziele sollte man in die Praxis stecken: sich mit anderen Menschen in Verbindung setzen, sie unterstützen, ihnen helfen. Da lernt man das von ganz allein."

An der Evangelischen Schule werden deswegen Projekte außerhalb der Schulmauern umgesetzt, etwa zum Thema "Verantwortung": "Da hat sich zum Beispiel eine Freundin von mir mit Alzheimerpatienten getroffen. Sie musste jedes Mal das gleiche erzählen, weil sie es einfach immer wieder vergessen haben. Und das du da die Nerven behältst, ist doch eigentlich krass! Und wenn man das in der Praxis macht, ist es doch am besten. Da lernt man, freundlich und nett zu den Menschen zu sein", es schwingt viel Wärme in Almas Stimme mit, wenn sie von solchen Aufgaben erzählt. Gibt es an dieser Schule etwa keine stoffeligen Jungs, die am liebsten Playstation spielen? Alma lacht: "Na klar, wir sind ja alle nur ganz normale Schüler. Aber es ist so: Man kann die Fächer mit seinen Interessen verbinden. Wenn jetzt jemand total interessiert an technischen Geräten ist, dann könnte er vielleicht in ein Callcenter gehen und andere Menschen beraten, die damit nicht klarkommen. Es ist nicht alles so festgelegt, sondern du überlegst dir 'Was will ich denn jetzt machen?'"

Ideale umgesetzt

Es sei nicht der evangelische Träger, der für die Ausrichtung stehe, erzählt Alma, die Schule wurde von Eltern gegründet. "Bei uns liegt das an Frau Rasfeld, die diesen Geist in die Schule bringt, aber auch an den Eltern. Die Eltern wollten was anderes machen, deshalb sind bei uns alle viel engagierter und offener für neue Sachen." Margret Rasfeld gründete die Schule 2007, leitet sie und war Mitbegründerin der Initiative "Schule im Aufbruch". Ihr Einsatz hat ihr Auszeichnungen wie zuletzt 2013 den "Querdenker Award" in der Kategorie "Vordenker" eingebracht.

Natürlich gibt es an Gymnasien nicht nur Frontalunterricht und Einzelkämpfer. Und auch Projektarbeit existiert dort bereits seit den 1970er Jahren. Aber von dem Ziel, Schüler zu begeisterten Lernenden und neugierigen Selbstständigen zu machen, sind viele Gymnasien weit entfernt - erstrecht in G8, das auch die meisten Lehrer unglücklich macht. "Bei uns sind die Lehrer gleichzeitig für ein paar Schüler die Tutoren", erzählt Alma, "und weil wir so viel selbstständig organisieren müssen, helfen sie uns, das zu bewältigen. Es ist ja nicht jeder perfekt und kann von Anfang an selbstständig arbeiten. Die Lehrer haben ganz schön viel zu tun, weil sie sich mit jedem einzelnen Schüler beschäftigen müssen. Wir kriegen ja auch keine Noten, sondern richtig ausführliche Lernberichte. Die sind schon manchmal auch gestresst, aber das ist glücklicher und kein trauriger Stress."

Die Debatte nutzen

Während viele Lehrer irgendwann aufgeben, weil das Ideal, mit dem sie ihren Beruf studiert haben, an der Realität scheitert, denkt Alma, dass sie es in Berlin ausleben können: "Ich glaube, das, was die Lehrer an unserer Schule machen, ist das, was ein Lehrer eigentlich machen will. Er will doch Schüler beim Lernen begleiten und sie unterstützen und ihnen helfen und ihnen nicht einfach nur eine Note an den Kopf knallen."

Beim Gerangel um G8 und G9 gilt nicht, was Kinder wollen und können, sondern geht es vielmehr darum, wie die von der Kultusministerkonferenz verlangten 265 Jahreswochenstunden am besten verteilt werden. Vielleicht sollten Alma und Co. dazu befragt werden.

Lesen Sie zum Thema auch die Titelgeschichte "Scheiß Schule!" im aktuellen stern

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