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Bis der Hintern glüht ...

Es ist wieder so weit: Die halbe Republik hockt in Kitas und Schulen auf Elternabenden, auf denen überbesorgte Mütter, ehrgeizige Väter und genervte Lehrer einander die Laune verderben.

Ein Leidensbericht von Kester Schlenz

  Wann ertönt endlich der Gong? Elternabende können sich ganz schön hinziehen.

Wann ertönt endlich der Gong? Elternabende können sich ganz schön hinziehen.

Wer in diesen Wochen auf abendlichen Spaziergängen an einer Schule oder einem Kindergarten vorbeigeht, stößt dort auf viele Autos und hell erleuchtete Fenster. Der Spaziergänger – er muss kinderlos oder aus dem Gröbsten raus sein – sieht Erwachsene an kargen Schülerpulten sitzen. Fahl wirken ihre Gesichter im grellen Licht der Neonlampen. Handelt es sich um eine Kita, muss der Spaziergänger mit ansehen, wie gestandene Mütter und Väter ihre Hintern wie Zirkusclowns auf winzige Sitzmöbel zwängen und ständig eine schmerzende Gesäßbacke mit gequältem Gesichtsausdruck entlasten.

Kein Zweifel: Der Urlaub ist vorbei. Das Schuljahr beginnt, die Kitas nehmen wieder ihre Arbeit auf. Es ist die Zeit der Elternabende. Man könnte sie auch Sitzfleisch-Abende nennen. Denn das braucht man für diese Veranstaltungen. Egal, ob Kita oder Schule, unter zwei, drei Stunden geht da meist nix. Mögen auch die ersten Tagesordnungspunkte wie etwa "Laternenumzug" oder "Anschaffung eines Rechenschiebers" zügig durchgezogen werden, spätestens bei "Verschiedenes" bricht irgendjemand eine meist überflüssige Diskussion vom Zaun, und dann zieht es sich. Etwa: Wohin soll der Schulausflug gehen? Oder: Ist die Klasse 3b zu laut? Man will ja teilnehmen und engagiert zuhören, sich gar beteiligen, um der geliebten Kinder willen. Allein: Irgendwann im tonlos vorgetragenen, schier endlosen Schwall elterlicher Sorgen ("Mein Philipp hat so empfindliche Ohren") schweifen die Gedanken ab. Da vorn, der Herr um die vierzig mit der melancholischen Miene. Auch er hätte sicher gern das erste Bundesligaspiel im Fernsehen gesehen.

"Jule friert immer im Klassenzimmer. Und Benjamin wurde geschubst!"

Aber er ist hier. Auch ein moderner Mann. Gut so. Männer sind auf Elternabenden immer noch in der Minderheit, die meisten überlassen das scheinbare "Gedöns" gern ihren Frauen. Ein grober Fehler. Denn eigentlich ist Schwänzen keine Option. Schließlich entscheidet sich hier, auf den kleinen Stühlen und an den mit Graffiti übersäten Schülerpulten, das Schicksal der Republik. An diesen Orten werden Traumata verhindert – oder eben geboren. Soll Mona etwa neben Victor sitzen, obwohl die sich doch eigentlich Lennart als Nachbar gewünscht hat?

Kann ein Assoziierungsabkommen mit Meral helfen, die sich ja beide gewünscht hat? Sollte man nicht rotieren, um Schaden abzuwenden von den empfindsamen Kleinen? Und welche Eltern beteiligen sich an der Fütterung und Pflege des Klassen- Kaninchens? Es heißt "Moppel". Wäre eigentlich der passende Name für meinen Nachbarn, denkt man und dämmert weg.

"Diese Grundschule ist zuckerfrei", donnert plötzlich die Lehrerin im Domina-Duktus und schreckt auch den Bundesligafan aus dem Wachkoma. Applaus. Man werde die Zuckerfreiheit mit allen Mitteln durchsetzen. Illegaler Keksbesitz werde brutalstmöglich geahndet. Und die Kuchenesserei zu den Geburtstagen fange man hier gar nicht erst an. Man könne schließlich auch mit Obsttellern feiern. Gut, dass die Frau keine Geiseln nimmt.

Je älter die Kinder sind, desto komplizierter und prekärer werden die Themen. Man redet dann auch mal über Gewalt auf Klassenfahrten oder Drogenprävention und erfährt staunend, dass das heutige Gras bis zu 20-mal stärker ist als das laue Zeugs, das wir uns früher reingelötet haben. Solche Nachrichten sind natürlich Gift für die ohnehin Diskurs beherrschenden Überbesorgten unter den Eltern. Sie sind es, die Elternabende oft so anstrengend machen. Es fängt schon in der Grundschule an: Jule friert immer im Klassenraum. Könnte man nicht mehr heizen? Benjamin ist geschubst worden. Muss hier nicht der Direktor ein Machtwort sprechen?

Eltern, wollt ihr ewig tagen?

Doch nicht nur Eltern machen diesen Abend zur Hölle. Auch so mancher Lehrer versteht es vortrefflich, einen in den Wahnsinn zu treiben. Wir kennen die unterschiedlichen Typen ja alle von früher: den verwitterten, komplett bocklosen Altpädagogen, der aussieht wie seine eigene Lederjacke. Die schnell errötende Junglehrerin. Die strenge Dragonerin und natürlich die strammen Kerle mit dem geraden Rücken, die meist die toxische Kombination Mathe und Sport unterrichten. All diese Lehrer liefern uns gleißend langweilige Vorträge über den durchzunehmenden Lehrstoff. Oder sie halten monumentale Referate über die verschiedenen Methoden, das Lesen und Schreiben zu lernen, und warum man sich nun in diesem Jahr für die Variante "Schreiben nach Gehör" entschieden habe. Spätestens hier meldet sich dann stets einer der immer anwesenden Eltern vom Typ "Oberschlau" zu Wort. Oft sind das Journalisten, die sowieso – man muss es leider so deutlich sagen – nie die Fresse halten können und die mit einem Vortrag über die "fehlende Validität" der Methode kontern. Und in Skandinavien sei man längst weiter.

Eltern, wollt ihr ewig tagen? Wieder schweifen die Gedanken ab. Mal wird es ja enden. Und im Kühlschrank steht ein kaltes Bier. Doch dann: Unruhe im Raum. Etwas Wichtiges steht bevor: die Wahl der Elternvertreter. Panik in den Gesichtern! Den Job will keiner machen. Minuten quälenden, peinlichen Schweigens folgen, bis es schließlich eine oder einer nicht mehr aushält und sagt: "Okay, ich würd's machen." Erleichtertes Aufatmen. Zack, ist der Freiwillige gewählt. Und alles, was dann nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird zum Stellvertreter, Kassenwart oder – die Pest! - Protokollführer ernannt.

Und dann endlich ist es vorbei. Draußen ist es bereits dunkel. Man eilt zu seinem Auto, blickt noch einmal zurück – und sieht, wie im Klassenzimmer der Rebellenführer unter den Eltern immer noch wie besessen auf einen nunmehr komplett sedierten Lehrer einpumpt.

Kester Schlenz hat zwei Söhne und ließ von der Kita bis zum Gymnasium kaum einen Elternabend aus. Einmal hat er nicht aufgepasst und wurde zum Elternvertreter gewählt. Diese Zeit wird in der Chronik der betreffenden Schule "das dunkle Jahr" genannt.

Dieser Artikel stammt aus der stern-Printausgabe Nr. 37 am 4. September 2014

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