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Wer nicht beliebt ist, bekommt kein Herz

Rote Rosen, Herzen und Lollis: Viele Schüler beschenken einander zum Valentinstag – vor der ganzen Klasse. Da zeigt sich sofort, wer beliebt ist und wer nicht. Eine Steilvorlage für Mobbing.

Valentinstag

Am Valentinstag zeigt sich an manchen Schulen, wie beliebt man ist – anhand der Vielzahl erhaltener Herzen, Rosen oder Lollis

Ein Stapel roter Herzen. Ein Mädchen bekommt fünf davon. Ein anderes kein einziges. Es ist Valentinstag, und so kann der Tag der Liebe aussehen. Denn an vielen Schulen in ganz Deutschland ist es üblich, dass die Schülerinnen und Schüler einander Herzchen aus Papier schicken, Lollis dazu oder rote Rosen. Nicht nur die Pärchen machen das, sondern auch Freunde und ganze Cliquen. Die Geschenke sind Zeichen von Zuneigung – und zeigen der ganzen Klasse, wer beliebt ist. Und wer nicht.

"Die Schüler gehen durch die Klassen, mit einem Bund Rosen und dem Stapel Karten, und verteilen sie vor allen", erzählt der 18-jährige Tjark Melchert vom niedersächsischen Landesschülerrat. Manche an seiner früheren Schule hätten gleich mehrere Karten oder Rosen bekommen – andere gar nichts. "Da fühlen sich dann einige schon schlecht und stehen blöd da." Das Zwischenmenschliche, beobachtet Melchert, falle im Schulstress eben oft hinten runter – auch am Valentinstag.

Auch für den Schulbedarf kommerzialisiert

Doch das Ritual ist beliebt. So beliebt, dass es dafür Firmen gibt. Zum Beispiel die "Lollipop-Aktion", ein Unternehmen von drei Männern um die 30, die vor gut zehn Jahren als Schülersprecher damit angefangen haben, Herzchen zu basteln und zu verkaufen. Inzwischen lassen Tino Fetzer, Valentin Ziebandt und Markus Henn jedes Jahr für ihre Kunden bis zu 300 Schulen Herzen drucken. Allein in diesem Jahr gingen über ihre Firma 250.000 Stück raus, wie Henn sagt, und: Die Zahl der Schulen, die bei ihnen bestellen, steigt. 

Keine Herzen, Lollis oder Reisen – und damit keine Beliebtheitspunkte – zu bekommen, kann Kinder und Jugendliche unter Druck setzen. "Ich weiß von ein paar Schülern, die sich selber ein Herz geschickt haben, um nachher nicht mit leeren Händen dazustehen", sagt etwa Florian Beutenmüller, der auf seiner Internet-Plattform SVTipps.de erklärt, wie so eine Valentinsaktion funktioniert. Von großen Problemen habe er noch nicht gehört.  

Grundlage für Mobbing

Luca Batzner schon. "Leider treten aufgrund der Rosenaktion immer wieder vereinzelte Mobbingfälle auf", sagt der Vorstand der bayerischen Landesschüler-Vereinigung. Wegen gefälschter Liebesbriefe zum Beispiel oder Gerüchten unter Klassenkameraden. Viele Schüler hätten an den Aktionen große Freude. "Allerdings darf nicht vergessen werden, dass auf der anderen Seite einige Schülerinnen und Schüler massiv darunter leiden." Deshalb machten viele Schulen keine Valentinsaktion mehr.

Jene Schüler aber, die sich dafür entscheiden, organisieren das Ritual oft auch selbst. Vor allem, um damit Geld für andere Projekte einzutreiben, die wiederum den Schülern zugute kommen. Das ist die eine Seite. Schülervertreter Tjark Melchert sieht aber auch eine Kehrseite daran, wenn jemand sich ausgegrenzt fühlt – nicht nur für den Einzelnen, sondern für die ganze Schule: "Das ist dann auch fürs ganze Schulklima nicht so gut. Das ist ja nicht so das Bild, das man an einer Schule haben will."

Integration statt Ausgrenzung

Auch der Münchner Kinder- und Jugendpsychologe Holger Simonszent sieht solche Projekte zum Valentinstag kritisch: "Ich wäre da aber eher restriktiv: Muss das unbedingt in der Schule stattfinden?" Wer nicht beliebt ist, bekomme das zwar über soziale Medien oder direkte Kontakte ohnehin mit: Ausgeschlossen ist auch der Junge, der als einziger nicht in der Whatsapp-Gruppe der Klasse ist. "Aber die Schule muss nicht noch ein Indiz für dessen Außenseiterrolle liefern", sagt Simonszent. Sie solle vielmehr die Integration fördern – und solche Rituale nicht verteufeln, aber hinterfragen. 

Das Problem der Ausgrenzung könnte jetzt aber ein neuer Trend zumindest ein bisschen lindern. Die Zahl der Schulen, die bei "Lollipop-Aktion" bestellen, nehme zwar noch immer zu, sagt Mitgründer Henn. Aber die Zahl der bestellten Herzen nehme ab – weil Schüler heute weniger mit der Hand schreiben, vermutet der 31-Jährige. "Facebook und Whatsapp lösen die Karten ab." An Henns früherer Schule wurden seinerzeit 8000 Herz-Karten verschickt – für 800 Schüler. Heute seien es 2000. 

Ganz verloren hätten Karten und Rosen ihren Reiz aber nicht, meint Beutenmüller von SVTipps. "Man kann einen Sticker draufkleben oder einen Kussmund mitschicken, das ist sehr persönlich." Und diesen Vorteil sieht denn auch Psychologe Simonszent: "Ich habe nichts dagegen, dass man jemandem eine Blume schenkt, den man gern hat."

bal/Sophie Rohrmeier, DPA

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