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Der Verlust von der, die, das

Eigentlich ist stern-Autorin Doris Schneyink egal, was Fußballkommentatoren sagen. Das Weglassen von Artikeln stört sie jedoch - gerade, weil ihre Söhne plötzlich wie Béla Réthy klingen.

Artikel auf der Streichliste: Wer braucht schon der, die oder das?

Artikel auf der Streichliste: Wer braucht schon der, die oder das?

Zeit ist um." "Spiel ist aus." "Fehler von Dante war das." So kommentierte Béla Réthy vom ZDF das Spiel Bayern München gegen Real Madrid. Eigentlich ist mir egal, was Fußballkommentatoren sagen. Doch seit Kurzem klingen meine Söhne wie Béla Réthy. Und das tut weh.

"Lass uns Team gründen", sagt etwa Jan zu Malte, als sie sich am Computer zur "League of Legends"-Schlacht rüsten. Später beim Abendbrot: "Gib mir Teller." Lukas an Jan. Vor dem Training: "Hast du Trinkflasche eingepackt?" Malte an Mama. In dem Moment dämmerte mir: Wir haben ein Problem. Oder, um es in der Sprache meiner Söhne auszudrücken: Wir haben Problem. Und nicht nur wir.

Eine Umfrage unter Kollegen ergibt: Auch ihre Kinder lassen gern den Artikel weg. Und das, obwohl sie bildungsbürgerliche Gymnasien besuchen. Anruf bei Peter Schlobinski, Linguist an der Universität Hannover. Ein Kulturoptimist, der den Sprachwandel begrüßt. "Wenn der Artikel fällt, wird das Kasussystem abgebaut", sagt Schlobinski düster. Ein Fall für alle Fälle. Der Einheits-Nominativ! Und der klingt so: "Das Buch liegt auf der Tisch." Oder: "Wir fahren zu die Oma." Oder: "Haus König", statt "das Haus des Königs".

Um eines klarzustellen: Ich habe Sprachkritiker immer verachtet. Menschen, die den Untergang des Abendlandes fürchten, nur weil wir Anglizismen nutzen oder die Anrede "Ey, Alter" gesellschaftsfähig geworden ist. Aber gäbe es eine Wutbürgerinitiative zur Rettung des Kasussystems – ich träte ihr sofort bei.

Die Kolumne "Was mich bewegt" ...

... lesen Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

Von Doris Schneyink/print

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