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"Das bringt ja nichts, wenn alle ausrasten"

Dass Frank Plasberg zum Thema "Chancengleichheit der Geschlechter" Anne Wizorek einlädt, ist quasi gesetzt. Aber wie erging es ihr dort? Und warum reagieren alle beim Thema Feminismus so emotional?

Anne Wizorek bei "Hart aber Fair"

Anne Wizorek bei "Hart aber Fair"

Bei "Hart aber Fair" waren Sie mit zwei harten Nüssen konfrontiert, Birgit Kelle und Sophia Thomalla. Wie haben Sie es geschafft, so ruhig zu bleiben?
Das ist die Frage, die mir alle stellen! Keine Ahnung, in mir drin sah es noch mal anders aus, aber das bringt ja am Ende nichts für das Gespräch, wenn alle ausrasten. Mir war es wichtig, es bei einer konstruktiven Diskussion belassen zu können, wenn schon die Thesen so kontrovers angelegt sind.

Verzweifeln Sie manchmal, wenn Sie Aussagen hören wie die von Sophia Thomalla, sie sei immer nur von Frauen auf ihr Aussehen reduziert worden?

Ja, das ist schwierig, weil sie im Grunde etwas Wichtiges anspricht. Aber sie kann nicht abstrahieren, dass das mit unserer patriarchalen Gesellschaft zu tun hat, in der Frauen dazu erzogen werden, sich gegenseitig auszuspielen, sich als Konkurrenz zu empfinden und sich nicht solidarisieren zu können. Ich verstehe, dass sie so etwas anspricht, und ich hätte ihr das gerne auch noch erläutert, aber das war leider in der Sendung nicht mehr möglich.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste für die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft?
Das finde ich schwer auf einen Punkt zu reduzieren. Es bezieht sich ja auf politische, soziale und ökonomische Teilhabe, das sind natürlich mehrere Ebenen. Am Ende wäre es schon ganz hilfreich, wenn Leute verstehen würden, dass wir immer noch keine Gleichberechtigung und keine Gleichstellung der Geschlechter haben und uns dementsprechend mal aktiv mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Und schauen müssen, wie wir das mal ein bisschen beschleunigen können, denn wir reden ja schon wirklich lange über das ganze Thema und kommen gefühlt nur Babyschritte vorwärts.

Warum haben die Menschen so wenig Verständnis dafür, dass sich die Sprache verändern muss?

Sprache umgibt uns tagtäglich, und wenn dann plötzlich Leute ankommen und sagen "Das muss alles geändert werden", ist das natürlich ein Angriff auf bestehende Dinge. Menschen sind Gewohnheitstiere, ein bisschen flapsig formuliert, und erstmal skeptisch. Geschlechtergerechte Sprache, die ich zum Beispiel auch in meinem Buch benutze, ist für mich nur ein Mittel zu zeigen, wie das aussehen kann. Dass es sie gibt, dass es auch ganz gut funktioniert und unser Gehirn sich viel schneller daran gewöhnt, als man das im ersten Moment denkt. Ich sage aber natürlich nicht, dass alle, die mein Buch lesen, das jetzt auch unbedingt so benutzen müssen. Ich sehe das eher als Denkanstoß, um zu zeigen, dass die Sprache, wie wir sie jetzt mit dem generischen Maskulinum haben, nicht geschlechtergerecht formuliert. Lasst uns doch mal darüber nachdenken, wie sich das anders gestalten lassen könnte, weil es derzeit Leute ausschließt. Es ist nicht zuletzt auch wissenschaftlich erwiesen, dass, wenn etwa das generische Maskulinum in einer Stellenanzeige verwendet wird, Frauen sich nicht angesprochen fühlen. Wer aber Frauen im Unternehmen haben will, muss sie schließlich auch aktiv mit einbeziehen.

Es gibt ja auch die konsequente Möglichkeit, alles auf x enden zu lassen. Was halten Sie davon?
Die Variante von Lann Hornscheidt (Professx) ist auch nur ein Vorschlag und nicht der Weisheit letzter Schluss. Das zeigt nur, dass es verschiedene Möglichkeit gibt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich finde die Diskussion wichtig, die Lann Hornscheidt angestoßen hat, dass sich Menschen eben auch nicht angesprochen fühlen können, wenn das Gender Gap verwendet wird (etwa Freund_innen, Anm. d. Red.). Das ist ein wichtiger Hinweis und zeigt, dass auch das noch keine optimale Lösung ist. Natürlich ist es am besten, wenn Betroffene selber Vorschläge bringen, wie sich das ändern lässt. Bei Lann Hornscheidt war es ja auch vor allem an die eigenen Studierenden gerichtet. Es ist ganz wichtig, im Kopf zu behalten, dass das in erster Linie Ideen und Impulse sind, wie man es anders machen könnte. Weil Sprache flexibel ist, sich unserem Alltag anpassen muss und nicht starr bleiben kann. Sonst würden wir ja heute alle noch Mittelhochdeutsch reden, ich glaube, das will niemand.

Die Reaktionen auf das Thema sind extrem emotional.

Ja. Das zeigt, dass wir noch längst nicht an einem Punkt sind, wo wir ganz entspannt über dieses ganze Geschlechterthema reden. Das hat man in der Sendung auch gesehen: Sobald man das generische Femininum vorschlägt, wird es als falsch empfunden, obwohl es ja vom System her genauso funktioniert wie das generische Maskulinum.

Wäre es nicht zielführender für einen populären Feminismus, wenn man sich eher auf Themen wie gleiche Gehälter oder Frauenquote beschränken würde?
Das schließt sich ja nicht aus. Ich finde es wichtig, dass wir verschiedene Ebenen mitdenken. Wenn wir über gleiche Gehälter und Frauenquote reden, bezieht sich das ja eher auf eine schon einflussreiche Schicht von Frauen, für die diese Themen am wichtigsten sind. Aber genauso wichtig ist es, darüber zu reden, welchem Armutsrisiko Frauen in Deutschland immer noch ausgesetzt sind, indem sie eine rund 60 Prozent geringere Altersabsicherung haben als Männer. Das passiert, weil sie vor allem nur in Teilzeit arbeiten können und am häufigsten im Niedriglohnsektor vertreten sind. Denen ist die Frauenquote schnurzpiepe, und das kann ich auch total verstehen. Da geht es um andere Formen der Teilhabe und am Ende ums Überleben. Das gegeneinander auszuspielen, hilft uns nicht weiter. Dadurch, dass wir so viele Baustellen haben, wird deutlich, dass insgesamt noch sehr viel zu tun ist.

Was sind die dümmsten Vorurteile gegen den Feminismus, die Ihnen begegnet sind?

Die Klassiker wie "Wir hassen alle Männer und wollen nur deren Unterdrückung". Ich finde immer ganz interessant, dass Leute implizieren, Feminismus wäre die Herrschaft von Frauen. Das zeigt ganz gut, dass sie sich noch nie mit Feminismus beschäftigt haben, aber auch genau wissen, dass wir in einer männerdominierten Gesellschaft leben - das würden sie aber natürlich niemals zugeben. Die Klischees, die damit einhergehen, sind nicht totzukriegen und werden immer wieder rausgekramt. Es geht weniger um Inhalte, die diskutiert werden, die Feministinnen werden eher auf einer persönlichen Ebene angegriffen.

Es wird zu Demos unter dem Motto "Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!" aufgerufen. Was sagen Sie dazu?
Das heißt ja absurderweise auch "Demo für alle", obwohl die eigentlich den Disclaimer haben müssten "Demo für alle, die heterosexuell sind und in klassischen Familienverhältnissen leben". Eigentlich könnte man ja denken, dass Homophobie heutzutage nicht mehr solch ein Problem darstellt. Aber genau diese Bewegungen zeigen, dass diese Diskriminierungen immer noch existieren und es ganz stark an Aufklärung mangelt. Am Ende geht es den Akteuren der Demos darum, unsere gesellschaftliche Vielfalt zu unterdrücken. Nach dem Motto "Die können ja gerne homosexuell sein, aber die sollen sich dann nicht auf der Straße küssen". Das ist aber trotzdem noch eine homophobe Aussage und hat nichts mit einer offenen Gesellschaft zu tun. Außerdem wird kein Mensch durch Aufklärung über Vielfalt sexualisiert. An solchen Behauptungen zeigt sich aber, wie wichtig es ist, dass Vielfalt auch in den Bildungsplänen der Schulen verankert ist. Wo sollen Kinder sonst lernen, dass das eigentlich alles in Ordnung ist, wenn wir eine Familie haben, wo das Klima zu Hause durch Homophobie geprägt ist? Und dass sie, wenn sie vielleicht selber homosexuell sind, als Menschen geliebt werden.

Haben sich in Ihrem Privatleben schon Freundschaften aufgelöst, weil Sie eine strikte Feministin sind?

Klar habe ich auch schon Freundschaften verloren, aber nicht aufgrund von Feminismus. Im Gegenteil, dadurch, dass ich Feministin bin, haben sich noch viel mehr Freundschaften ergeben. Ich habe dadurch erst recht Menschen kennengelernt, mit denen ich mich zu dem Thema austauschen kann und die das verstehen. Mit denen ich auch gemeinsame Projekte machen oder zusammen auf die Straße gehen kann, wenn es eine Demo gibt. Das hat für mich eher positive Effekte gehabt.

Interview: Susanne Baller
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