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"Es war wie ein irrealer Fieberwahn"

"Strapazin"-Herausgeber Christian Gasser blickt ein Jahr zurück: Am 7. Januar 2015 passierte der Anschlag auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion in Paris, bei dem viele seiner französischen Satire-Kollegen ums Leben kamen.

Porträt

Christian Gasser ist freier Schriftsteller, Dozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst, freier Schriftsteller und "Strapazin"-Mitherausgeber. Zuletzt erschienen von ihm: "Comix Deluxe" (Christoph Merian Verlag, 2012) und "Rakkaus! (finnisch: Liebe)" (Roman, Rowohlt Verlag, 2014).

Das Schweizer Comic-Magazin "Strapazin" hat im Herbst 2015 eine Hommage an "Charlie Hebdo" geschrieben. Die französische Karikaturen-Zeitschrift war den Schweizern schon bei der Gründung ein Vorbild. Unser Interview-Partner Christian Gasser war einer der Herausgeber der Ausgabe. "Strapazin" arbeitet mit 15 Redakteuren, die alle nicht bezahlt werden für ihre Arbeit. Ein ungewöhnliches Geschäftsmodell, das seit 31 Jahren funktioniert.


Herr Gasser, wo waren Sie heute vor einem Jahr?
Ich war zu Hause, offline, und habe geschrieben. Dann rief mich ein Redakteur vom Schweizer Rundfunk an und legte gleich los mit etwas, was ich überhaupt nicht verstand. Er ging davon aus, dass auch ich online war und bereits alles wusste. Aber ich wusste von nichts. Ich habe es erst durch ihn im Laufe des Nachmittags erfahren.

Was ist damals in Ihnen vorgegangen?
Zunächst war es ein Gefühl des Irrealen, dass es gar nicht möglich sein kann, dass das ein Witz ist. Nun kenne ich den Redakteur zu wenig, als dass er mit mir einen Scherz treiben würde, deswegen dachte ich, dass es wohl stimmen muss. Und das hat mich schon wahnsinnig mitgenommen, auch wegen persönlicher Beziehungen. Ich kenne die Örtlichkeiten und habe zwei gute Bekannte, die seit Jahren und Jahrzehnten für "Charlie Hebdo" arbeiten und in der Redaktion sind. Dadurch vermischte sich der große Anlass, dass eine Satire-Zeitschrift angegriffen wurde, mit der persönlichen Sorge um diese beiden Personen. Zum Glück waren sie keine Opfer, der eine, weil er nicht mehr in Paris lebt und der andere, weil er sich verspätet hat. Aber die Namen tauchten ja lange nicht auf und ich war dann die ganze Zeit online und habe mit Leuten hin und her geschrieben und telefoniert, um mehr Informationen zu kriegen. Aber noch schlimmer war das Aufwachen am Tag danach. An dem Tag selbst ist es ja eher wie ein irrealer Fieberwahn, wie bei 9/11. Man sitzt im falschen Film. Aber am nächsten Tag, als ich aufwachte, wusste ich nein, es ist tatsächlich passiert und damit müssen wir jetzt leben.

Wie geht es der "Charlie Hebdo"-Redaktion aktuell?
Man hört viel und sehr viel Widersprüchliches, ich bin nicht nah genug dran, um sagen zu können, was dort intern abgeht. Es war natürlich ein sehr, sehr schwieriges Jahr. Ich finde es bewundernswert, dass sie trotz all der Schwierigkeiten die Kurve gekriegt haben.

Hat die "Strapazin"-Redaktion den Kollegen Unterstützung angeboten?
Nein. Einer der Gründer von "Strapazin", David Basel, hat in den 70er Jahren in Paris gelebt und hat sich selbst als Praktikant erfunden bei "Charlie Hebdo". Er hat dort immer herumgehangen, Kaffee gemacht und die Leute bewundert. Er kehrte dann in die Schweiz zurück und hat seine eigene Zeitschrift gegründet. Aber Hilfe anbieten: Ich weiß nicht, was wir hätten tun können. Wir hatten eigentlich auch beschlossen, dass wir im "Strapazin" nichts dazu machen. Wir dachten, "Strapazin" ist wegen seines dreimonatlichen Erscheinens zu langsam, um auf solche dringenden Sachen zu reagieren. Im Laufe des Frühjahrs entstand das Bedürfnis, doch etwas zu machen, aber aus einer anderen Perspektive als die meisten Sachen, die man hat lesen können. Wir haben diese resolut historische Position eingenommen, um zu vermittelt, was "Charlie Hebdo" eigentlich gewesen ist.

Ihre Ausgabe ist eine Hommage an "Charlie Hebdo" geworden.
Ja, so war es auch geplant. Wir wollten, außer in den Interviews, nicht auf die Anschläge eingehen, nicht auf die Mohammed-Debatten, sondern ergründen, welche Bedeutung diese ganzen Zeitschriften, auch der Vorläufer "Hara-Kiri" für die französische Gesellschaften hatten. Auch um zu verstehen, warum es aufgrund der Anschläge diese unglaubliche Welle an Reaktionen gegeben hat in Frankreich. Die Anschläge vom 13. November haben dagegen viel weniger ausgelöst. Es wurde ein Symbol getroffen, das für das Selbstverständnis der Franzosen steht. Obwohl die allermeisten ja keine "Charlie Hebdo"-Abonnenten waren.

Hat sich durch den Anschlag für "Strapazin" etwas verändert?
Einer unserer Praktikanten hat uns gefragt, ob wir denn nicht Angst hätten, die "Charlie Hebdo"-Nummer zu machen. Daran hatten wir überhaupt nicht gedacht. Wir sagten dann nein, weil wir ja auch diese aktuellen Debatten, die dazu geführt hatten, bewusst nicht thematisieren wollten. Das wollten wir den Kollegen von den großen Medien überlassen. "Strapazin" ist auch keine Karikaturen- oder Satire-Zeitschrift, sondern ein Comic-Magazin. Die "Charlie Hebdo"-Nummer war eine Ausnahme. Wir beschäftigen uns sonst mit dem aktuellen Geschehen in der Comic-Welt, mit Graphic Novels und so.

In Deutschland gibt es zurzeit ständig Terrorwarnungen. Was glauben Sie, wie wir uns vor dem Islamischen Staat schützen sollten?
Oh, das ist nicht an mir, da Ratschläge zu erteilen, das weiß ich nicht. Das ist das Problem, dass man noch nicht weiß, wie man sich schützen kann, falls man das überhaupt kann.

Ich dachte, Sie hätten jetzt eine Lösung.
Dann wäre ich vermutlich nicht der Herausgeber einer unabhängigen Comic-Zeitschrift, sondern Politiker!

Interview: Susanne Baller

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