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Jetzt oder vielleicht nie

Durch seine frühe Geburt ist Daniel schwer herzkrank und weiß, dass jeder Tag sein letzter sein kann. Plötzlich erhält er einen "großen Bruder", der ihn nach seinen Wünschen fragt. Um sie zu erfüllen.

Von Raphael Geiger

Daniel ist 16, und er weiß nicht, ob er morgen noch am Leben ist, aber bevor er stirbt, hat er noch einige Wünsche: "Cooler Sport­wagen. Ich darf schalten." Auch: "Party Machen ohne Mama." Und: "Fremdes Medel küssen." Wenn die Erwachsenen sagen: Dafür ist morgen noch Zeit, Daniel, geh schlafen, ruh dich aus, dann fragt Daniel: Woher soll ich wissen, was morgen ist? Das Leben findet heute statt. "Schlafen kann ich auch noch, wenn ich tot bin", das ist einer seiner Sätze. Manchmal weinen die Erwachsenen dann. Komisch.

Daniel möchte, dass man seinen Namen englisch ausspricht: Däniel. Dieser Junge mit dem breiten Grinsen und den leuchtend roten Haaren: Wenn er lacht, muss man mitlachen. Wenn er glücklich ist, wird man auch glücklich. Er guckt, als wolle er die Welt umarmen, bevor er sagt: "Wenn mein Herz noch einmal versagt, dann lasst mich bitte sterben."

Daniel und der Schriftsteller aus Berlin, sie sind wie Brüder. Brüder mit unterschiedlichen Nachnamen. Der Junge wird seine Wunschliste schreiben, der Schriftsteller wird ihm die Wünsche erfüllen. Der Junge wird ihm zeigen, worum es geht im Leben. Und am Ende werden sie ein gemeinsames Buch in den Händen halten. Es ist, als hätten sich zwei Leben zur richtigen Zeit gekreuzt.

Daniel (r.) freut sich über seinen neuen Freund, Lars Amend. In der Zeit, die sie gemeinsam verbracht haben, entstand das Buch "Dieses bescheuerte Herz", das am 22. August erscheint.

Daniel (r.) freut sich über seinen neuen Freund, Lars Amend. In der Zeit, die sie gemeinsam verbracht haben, entstand das Buch "Dieses bescheuerte Herz", das am 22. August erscheint.

Lars Amend ist 35, und er kann von seinen Büchern leben, der Bushido-Biografie zum Beispiel. Auf der Flucht vor einer Depression ist er letzten Sommer nach Rio de Janeiro geflogen. Weg aus der Wohnung, aus Berlin, aus Gedanken wie: "Warum noch 40 oder 50 Jahre diesen ganzen sinnlosen Mist hier auf der Erde ertragen?" Amend hat in Rio in einem Armenviertel gelebt, er hatte eine Pistole an der Stirn, einige Meter neben ihm wurde jemand erschossen. Den Sinn des Lebens hat er nicht gefunden. Amend kam aus Rio zurück und wollte darüber schreiben: Ein Deutscher im Armenviertel, zwei Monate in der Favela, die Gewalt, die Sinnsuche. Er hatte schon einen Verlag gefunden. Dann erzählte ihm eine Freundin von Daniel. Dass Daniel noch einige Jahre leben könne, möglich wäre es. Aber er könne auch morgen umfallen, das sei wahrscheinlicher.

Ein Fremder. Ein Bruder

Daniel hat nicht eine Krankheit, er hat eine Liste von Krankheiten. Er hat seit seiner Geburt nur ein halbes Herz, er hat infolgedessen Probleme mit dem Magen, er hat Wasser in der Lunge, er hat, er hat, er hat. Er ist sehr lebhaft, das übersetzt sich so: Zwei Minuten lang tobt er durchs Zimmer, dann hat das Herz genug, seine Lippen werden lila. So ist es immer. Vormittags geht Daniel in eine Schule für Kinder mit Behinderung, die Nachmittage verbringt er in einem Kinderhospiz. Er ist dort der Älteste, er versteht am besten, was mit ihm geschieht. Dass er sterben wird. Dass sein Herz eine weitere Operation wahrscheinlich nicht mehr überstehen würde. Manchmal denkt er an seine Mutter, wie sie an seinem Grab steht.

Amends Bekannte leitet das Hospiz. Er saß ihr in einem Café in Berlin gegenüber und hörte zu, wie sie von Daniel erzählte. Daniel, dachte Amend, hat allen Grund, sich beschissen zu fühlen. Aber ich, warum heule ich, habe ich nicht alles? Er fragte die Freundin: "Kann ich den kennenlernen?"

In ihrem Buch schildern Daniel und Amend ihr erstes Treffen. Es war ein Nachmittag im Oktober 2012. Daniel war im Hospiz und wartete ungeduldig. "Warum ist er noch nicht da?", fragte er. "Weil er nicht fliegen kann." "Kommt er mit dem Auto?" "Mit dem Zug." Dann klingelte es. Daniel rannte erst mal los, durch die Zimmer, die Krankenschwestern lachten. Er blieb vor dem Kicker stehen und begann gegen sich selbst zu spielen. Seine Beine schlackerten.

Die erste Begegnung

Dann ging die Tür auf. Daniel schrie: "Laaaaaars!" Er lief auf ihn zu und sprang ihm in die Arme. "Endlich bist du da", sagte er. Er drückte sich an diesen Fremden, er drückte sich an ihn, als wären die Sorgen verflogen, wenn er nur nie wieder losließe. Amend war sprachlos. Irgendwann sagte er: "Bleibst du jetzt für immer an mir hängen, oder meinst du, ich kann kurz meine Jacke ausziehen?"

Nach der Notoperation

Daniels Herz war schon immer schwach gewesen, aber einige Monate zuvor hatten ihn die Ärzte notoperieren müssen. Er kämpfte um sein Leben. Über zwei Monate musste er im Krankenhaus bleiben. Und damit klarkommen, dass sein Herz nie wieder gesund werden würde. Früher konnte Daniel Fahrradtouren machen. Ging nicht mehr. Zu anstrengend, zu gefährlich. Er ist Bluter, jede Wunde kann ihn umbringen. Früher konnte Daniel mit seiner Mutter und dem Stief­vater in die Ferien fliegen. Jetzt durfte er nicht mehr fliegen. Früher war Daniel noch ein bisschen mehr das, was er so gern wäre: ein normaler Junge.

Wenn er nicht im Hospiz war, blieb er jetzt zu Hause. Lag auf seinem Hochbett und spielte mit seiner Puppe, Anna. Oder mit dem Plüschelefanten Josi. Vom Bett aus schrieb er seiner Mutter SMS. Oder Facebook-Nachrichten, wenn er sah, dass sie online war. Sie saß dann im Wohnzimmer am Sofa, zehn Meter von ihm entfernt.

Die Mutter ging arbeiten, Brötchen belegen in einem Café. Aber hauptberuflich war sie Mama. Sie lebte für ihren Sohn. Tabletten sortieren, 36 jeden Tag. Ihn ins Bad begleiten, beim Duschen helfen. Arzttermine vereinbaren. Mit ihm zum Arzt gehen. Ihn anbetteln, dass er die Untersuchung mitmacht.

Endlich ein Kumpel

Jeden Tag wurde in dieser Wohnung gelacht. Aber jeden Tag wurde auch geweint. Und geschrien, vor Wut auf das behinderte Leben. Freunde wandten sich ab. Sie ertrugen die Themen nicht mehr: Diagnosen, Medikamente, Operationen. Jeden Morgen war die Mutter froh, wenn ihr Kind aufstand, aus seinem Zimmer kam und sagte: "Hallo, Mama." Daniel lebte. Und jeden Abend diese Gedanken: Warum kann mein Kind nicht gesund sein? Südafrika, da hatten sie einige Jahre lang gelebt, und sie wäre gern mal wieder hingeflogen. Unmöglich mit Daniel. Er müsste sterben, damit sie fliegen kann. Ein Gedanke wie Gift. Bringt sie zum Weinen, bis heute.

Und dann stand Lars Amend in der Tür des Hospizes und wusste nicht, wie ihm geschieht. Er wollte ein paar Tage bleiben, ein halbes Jahr wurde daraus, er bekam in der Wohnung der Familie ein eigenes Zimmer. Die Mutter wird später sagen, dass ein Engel Lars geschickt hat. Daniel und er gingen von nun an zusammen in die Schule. Zu­sammen ins Hospiz. Sie waren albern, sie schnitten Grimassen, sie machten sich über alles lustig. Die Mutter fragte sich, wer von den beiden das Kind und wer der Erwachsene ist. Und Daniel sagte, das sei doch klar, er sei erwachsener als Lars.

An einem Abend saßen sie in Daniels Zimmer, es war ein langer Tag, sie hatten einen Termin in der Klinik, dem Todeshaus, wie Daniel es nennt. Amend sagte: "Wir schreiben die Liste." "Was denn für eine Liste?", fragte Daniel. "Deine Wunschliste", antwortete Lars. Daniel holte einen Block und schrieb: in einem 5-Sterne-Hotel übernachten; ein fremdes Mädchen küssen; ganz lange wach bleiben; Leute verarschen; eine Zigarette rauchen; mit einer geilen Limou­sine durch die Stadt fahren; coole Klamotten und Schuhe; die besten Spaghetti carbonara der Welt essen; einen eigenen Song aufnehmen (wie ein Popstar); Mama endlich wieder glücklich sehen.

Ein erstes Geheimnis

Zuerst wollte Daniel noch hinzufügen, dass er gern seinen 16. Geburtstag erleben würde. Dann dachte er, dass er darauf ja keinen Einfluss habe. Und strich den Wunsch wieder durch. Dann wollte er los. Sofort. Es war nach acht, draußen war es dunkel. Sie gingen die Straße entlang zur Tankstelle. Daniel wollte den ersten Wunsch erfüllt haben: rauchen. Amend sollte Zigaretten kaufen. "Schon klar", sagte Amend.

Einige Minuten später saßen sie mit einer Packung Marlboro Light hinter der Kirche. Daniel fand, das sei ein gutes Versteck. Amend nahm die ersten zwei Züge, dann Daniel. Einmal tief einatmen. Der Rauch verschwand über ihm in der Nacht. "Was macht das Herz?", fragte Amend. "Schlägt." "Und die Lunge?" "Atmet." "Bingo." Er hielt seine Hand in die Luft, und Daniel schlug ein. "Im Frühjahr war ich oft traurig", erzählt Amend heute. "Ich fühlte mich einsam, obwohl ich nie alleine war. Ich fühlte mich einfach verloren und hatte komische Gedanken, wie nur Erwachsene sie haben, über die Liebe, das Leben, den Tod, warum wir hier sind, solche Sachen." "Mach dir keine Sorgen", sagte Daniel. "Jetzt bin ich für dich da." Zu Hause musste sich Daniel übergeben, seine Mutter hielt ihn, während er sich über die Kloschüssel beugte. Amend dachte: "Scheiße, was habe ich angestellt?" Aber Daniel grinste. Die beiden hatten ihr erstes Geheimnis.

Mit Amend kann er reden. Über Liebe, über Mädchen. Bisher konnte Daniel darüber nur mit seiner Mutter sprechen, was ihm peinlich war. Wenn Amend und er nicht im Hospiz sind, fahren sie ins Einkaufszentrum und versuchen, Mädchen anzusprechen. Die blonde Schönheit am Stand mit Haarzubehör für Frauen. "Wie heißt du?" "Wie alt bist du?" "Du bist hübsch!" Daniel versteckt sich hinter Amend, er ist zu schüchtern, er will weg. Sie gehen. Amend zu Daniel: "Alter, was war das denn?" Daniel: "Keine Ahnung, ey. Die war so hübsch, dass ich nichts mehr denken konnte."

Von Frauen und der Polizei

Daniel lachte Amend aus, als der ihm erzählte, dass er vor Kurzem ein Date hatte, sich aber nicht traute, die Frau zu küssen. "Du Lusche!", sagte Daniel. "Lars, wenn du keine Freundin hast, dann nimm doch einfach Melli." "Daniel, wie oft soll ich dir das noch erklären? Melli ist eine Kumpel-Freundin, keine Freundin-Freundin." "Keine Freundin für bumsi bumsi?" "Kein bumsi bumsi." Sie fuhren im Auto durch die Stadt. Amend gab so lange Gas, bis Daniel Stopp! rief. Zweimal wurden sie geblitzt. "Fick die Polizei!", sagte Amend. Daniel kam nach Hause zu seiner Mutter und rief: "Mama, Mama, weißt du, was mir Lars gerade beigebracht hat? Fick die Polizei!" Nur zwei, drei Tage die Woche fuhr Amend nach Berlin, Wäsche waschen, ausschlafen. Früher war er nie krank. Kurz nachdem er Daniel kennengelernt hatte, begann eine Grippe, die Monate dauerte. Es war, als könnte er Daniel nicht allein krank sein lassen.

Er braucht Daniel. Heute noch. Jedes Mal, wenn er den Jungen im Hospiz abholt, sind seine Sorgen verschwunden. Daniel macht glücklich. Irgendwann sagt Daniel: "Du, du kannst doch schreiben, magst du nicht alles aufschreiben, was wir erleben?" Dann hätte seine Mama später eine Erinnerung daran, dass sein Leben nicht nur traurig war. Amend wurde klar, dass er kein Buch über seine Zeit in Rio schreiben kann, den Selbstfindungstrip. Er musste über Daniel schreiben. Über Daniel und sich selbst. Wie der Junge ihm jeden Tag beibrachte, das Leben zu mögen.

Der nächste Wunsch war eine Überraschung. Amend hatte eine Suite gebucht, in einem 5-Sterne-Hotel in der Hamburger Innenstadt. Er holte Daniel im gemieteten BMW vom Hospiz ab und fuhr mit ihm ins Hotel. Daniel verstand die Welt nicht mehr. Noch auf dem Zimmer konnte sich Daniel nicht vorstellen, dass all das real war. Er lief auf den Süßigkeitenberg zu, der auf dem Tisch im Zimmer lag. Daneben eine Karte vom Personal: "Lieber Daniel, wir alle wünschen Dir einen zauber­haften Aufenthalt. Wie schön, dass du bei uns bist :-)".

"Was machen wir hier?", fragte er. "Übernachten." "Wie, übernachten?" "Weißt du noch, was auf deiner Liste stand?""Äh, ja, 5-Sterne-Hotel." "Willkommen im Schlaraffenland." "Das ist jetzt ... äh ... das machen wir jetzt?" "Yupp." Daniel fragte sich in diesen Wochen, womit er das alles verdient habe. Wenn Amend in Berlin war, schrieb Daniel schon morgens eine SMS. Abends skypten sie. Manchmal rief Daniel nur an, um kurz Amends Stimme zu hören. Er sagte dann: "Ich hab dich lieb." "Hab dich auch lieb, Daniel."

Am Strand wird jeder Teenie von allein zum Kind

Am Strand wird jeder Teenie von allein zum Kind

Der coolste Junge der Welt

Manchmal ist Daniel noch ein Kind, das seiner Puppe die Haare schneidet. Dann wieder zeigt er, dass er schon eine Menge verstanden hat. Er sagt: "Wenn du ein Mädchen nicht fragst, Lars, wird die Antwort immer nein heißen." Gespräche unter Brüdern. Daniel: "Ein Wunder wäre es, wenn der liebe Gott mich gesund machen würde, aber ich weiß ja, dass das nicht passiert. Ist nicht so wild. Gibt Schlimmeres." Amend: "Was denn?" Daniel: "Wenn du, also, ich meine, wenn du beim Essen nichts schmecken könntest. Ey, das wäre ja mal richtig scheiße!" Die Wunschliste wurde kürzer. Für ein Wochenende lud Amend Daniel nach Berlin ein. Die Mutter nahm sich ein Hotel, Daniel durfte bei Amend schlafen. Alles sei so riesig, fand Daniel, allein der Hauptbahnhof, der sei doch bestimmt so groß wie alle Bahnhöfe in Hamburg zusammen. Nachts konnte Amend nicht schlafen. Daniels Herz könnte jeden Moment aufhören zu schlagen, fürchtete er. Neben dem Bett stand der Sauerstofftank, der immer in Daniels Nähe sein muss. Daneben lag ein Zettel mit Anweisungen für den Notarzt.

Die beiden eroberten Berlin. Bei einem Musikproduzenten, einem Bekannten von Amend, sang Daniel einen Song ins Mikrofon, "Ich wollte nie erwachsen sein" von Peter Maffay. Er dachte nicht an den Tod, sondern an die Mädchen. Er musste Rosen kaufen. Sechs Stück, für sechs Blondinen. "Überraschung", hatte Amend gesagt. "Ich gebe dir einen Tipp: Es steht auf deiner Liste." "Limousine?" Amend hatte sechs seiner Freundinnen eingeladen, sie würden zusammen in einer Stretchlimousine durch Berlin fahren. Sechs Blondinen, Amend und Daniel. "Aber wehe, du fasst eine von ihnen an. Die gehören alle mir", sagte Daniel.

Amend hat von Daniel gelernt, dass man nichts braucht, wenn man den Moment wahrnimmt, sich lebendig fühlt. Auf der Limousine stand: "Für Daniel, den coolsten Jungen der Welt. Viel Spaß in Berlin."

Daniel saß zwischen den Frauen, während sie durch die Stadt fuhren, vorbei am großen Stern, am Brandenburger Tor. In Daniels Kopf entstand eine Rangliste, eins bis sechs, und die Nummer eins war Mella. Er war in sie verliebt. Und er gestand ihr, dass er noch nie ein Mädchen auf den Mund geküsst habe. Sie sah ihn lange an. "Wirklich noch nie?", fragte sie. Dann nahm Mella seinen Kopf zwischen ihre Hände und küsste Daniel auf den Mund.

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