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Immer mehr West-Abiturienten gehen an Ost-Unis

Die östlichen Bundesländer rühren kräftig die Werbetrommel für ihre Universitäten und Fachhochschulen. Immer mehr junge Leute folgen dem Lockruf. Eine Erfolgsgeschichte 25 Jahre nach der Wende.

Das Foyer des Hauptgebäudes der Universität Rostock

Das Foyer des Hauptgebäudes der Universität Rostock

Im Innenhof des Jenaer Universitätsgebäudes sitzt Lukas Gräter und raucht. Er sei aus Stuttgart zum Studium nach gekommen und arbeite jetzt an seiner Doktorarbeit, erzählt der Jurist. "Mir hat die Stadt, die Stimmung hier gefallen. Alles ist überschaubar und fußläufig zu erreichen." Außerdem seien die Betreuung und der persönliche Kontakt zu den Professoren gut.

Derweil sondiert eine junge Frau mit ihrer Mutter die vielen Zettelchen am Schwarzen Brett im Innern des altehrwürdigen Hochschulgebäudes. Sie würde zwar lieber daheim in Bayern studieren, rechne sich aber in Jena bessere Chancen aus, einen Medizinstudienplatz zu ergattern, erzählt sie. Zudem sei Jena gut zu erreichen und die Miete günstiger als in Regensburg. Ob die Uni-Stadt im Osten oder Westen liege, spiele doch keine Rolle.

Rostock, Cottbus, Greifswald

Einerseits unterscheiden die Nach-Wende-Kinder als Abiturienten heute wohl ohnehin nicht mehr so sehr zwischen Ost und West. Andererseits kann man, was die Anziehungskraft der in den neuen Ländern betrifft, "von einer Erfolgsgeschichte sprechen", betont Gunnar Berg von der Wissenschaftler-Institution Deutscher Hochschulverband (DHV). Und der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW), Achim Meyer auf der Heyde, sagt: "Da gehen Studenten gerne hin. Rostock, Cottbus, Greifswald - es ist attraktiv, in den neuen Bundesländern zu studieren."

Die Unis in haben in den vergangenen Jahren in der Gunst von Abiturienten aus dem Westen rasant zugelegt. Nicht nur weil durch doppelte Abiturjahrgänge und das Ende der Wehrpflicht insgesamt viel mehr junge Menschen an die Hochschulen strömen. Der Osten kann mit niedrigeren Lebenshaltungskosten und teils sehr guten Studienbedingungen punkten. "Es gibt dort bessere Betreuungsrelationen - ein großer Vorteil aus studentischer Sicht", sagt Meyer auf der Heyde. "Es gibt zum Teil hervorragende Bibliotheken, es gibt schöne Wohnheime und tolle Mensen." Zudem haben die Ost-Länder auf Studiengebühren verzichtet.

62 Prozent Zuwachs

Nach Angaben der gemeinsamen Hochschulmarketing-Kampagne von Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hat sich der Anteil westdeutscher Studenten innerhalb von sechs Jahren um 62 Prozent erhöht. An einigen Orten wie dem sächsischen Mittweida, aber auch Jena, Halle-Wittenberg oder der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden waren es zum Wintersemester 2014/15 sogar mehr als doppelt so viele. Über den Kurzmitteilungsdienst WhatsApp, mit Touren in Schulen oder speziellen 3-D-Filmen wurde für die Hochschulen im Osten getrommelt.

An der Universität Jena, die für sich als "Studentenparadies" wirbt, stammten zuletzt 59 Prozent der Erstsemester aus West-Bundesländern - aus Thüringen nicht einmal jeder Vierte (23,5 Prozent). Nach Daten des Statistischen Bundesamtes hat sich die Zahl der "Westler" an Ost-Hochschulen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht, ihr Anteil kletterte von 14 auf 44 Prozent. Doch Jenas Uni-Präsident Walter Rosenthal sieht das Zuwachs-Potenzial nun fast ausgereizt: "Die Tendenz zeigt weiter leicht nach oben, aber der Wettbewerb wird härter."

Das Umfeld fehlt noch

In puncto Forschungselite hinken Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen noch deutlich hinterher: Nur die Technische Universität (TU) Dresden wird als Exzellenz-Hochschule gefördert. Für Top-Wissenschaftler zählen eben andere Dinge als für Studienanfänger: "In puncto Umfeld kann natürlich Halle/Leipzig nicht mit der Region München mithalten", sagt DHV-Experte Berg.

Dennoch: Die Hochschullehrerorganisation und das Studentenwerk, aber auch der Uni-Dachverband Hochschulrektorenkonferenz ziehen 25 Jahre nach der Wende eine überwiegend positive Zwischenbilanz. Erst recht wenn man sich an die Startbedingungen im Osten im Jahr 1990 erinnert: "Die Universität war ideologisiert, militarisiert, und es herrschte Bevormundung. Auch baulich war sie völlig marode", sagt Gunnar Berg über seine eigene Hochschule in Halle (Sachsen-Anhalt) - und anderswo sah es nicht besser aus.

"Studierende und Wissenschaftler kennen schon lange keine Grenzen mehr"

Auch Forschungsministerin Johannna Wanka (CDU), die den Einfluss des Bundes auf den Hochschulbereich zuletzt ausbauen konnte, zeigt sich zufrieden. "Die Entwicklung der Wissenschaft in Ostdeutschland ist insgesamt sehr gut gelungen", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. "Zahlreiche Universitäten und Fachhochschulen liegen in den östlichen Bundesländern. Ein Drittel der Fraunhofer-Institute, jedes vierte Max-Planck-Institut und fast die Hälfte der Leibniz-Einrichtungen sind in Ostdeutschland und Berlin angesiedelt."

Überhaupt habe die Wissenschaft in West und Ost "sehr viel zur Einheit und zu einem weltoffenen Deutschland beigetragen", lobt Wanka. "Studierende und Wissenschaftler kennen schon lange keine Grenzen mehr und haben erkannt, was der Osten heute zu bieten hat."

Andreas Hummel und Werner Herpell, DPA

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