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"Mein Vormund hat mir gezeigt, wie ich wieder schlafen kann"

Zehntausende minderjährige Flüchtlinge leben zurzeit allein in Deutschland, einer von ihnen ist der 17-jährige Abdikariim. Er hatte das große Glück, einen Privatvormund zu bekommen – einen vom Amt berufenen Ersatzvater.

Von Alica Müller

  Jens Wittekindt und Abdikariim bei einem ihrer regelmäßigen Treffen

Jens Wittekindt und Abdikariim bei einem ihrer regelmäßigen Treffen

"Hast du morgen Zeit?"
"Was ist denn morgen?"
"Elterntag in der Schule."
"Und das erfahre ich erst jetzt?"

Es ist ein Dialog, wie er ständig in deutschen Wohnungen zwischen Eltern und Kindern geführt wird. Nur, dass Jens Wittekindt nicht Abdikariims Vater ist, sondern sein Vormund. Die beiden stehen auch nicht in ihrem gemeinsamen Zuhause, denn Abdikariims Zuhause liegt 11.000 Kilometer entfernt von der kleinen Hamburger Wohnung, in der er jetzt lebt, in Somalia. Wenn er von seiner Grundschulzeit spricht, hört sich das so an: "Zwei Monate Schule, ein Monat Krieg, neue Schule, wieder Krieg."

Abdikariim ist 17 Jahre alt. In seinem Leben hat er schon drei Wochen in den Händen von Kämpfern der Al-Shabaab Miliz verbracht, war zehn Monate in einem libyschen Gefängnis, eine Woche mit 80 Menschen auf einem Schlauchboot und insgesamt zwei Jahre auf der Flucht – alleine. Er ist einer von Zehntausenden minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen, die momentan in Deutschland leben.

Der tiefe Wunsch zu helfen

Da diese Jugendlichen keinen Erziehungsberechtigten in Deutschland haben, ist für sie in den meisten Fällen ein Amtsvormund zuständig. Dieser sollte sich mindestens einmal im Monat mit seinem Mündel treffen, doch in der aktuellen Situation betreut ein Beamter oft mehr als 50 Minderjährige – und ist damit völlig überlastet. Abdikariim sollte seinen ehemaligen Vormund vom Jugendamt deshalb nur zweimal im Jahr sehen. Viel zu selten, um eine Beziehung aufzubauen, Vertrauen zu schaffen und die Probleme der Jugendlichen erkennen und darauf reagieren zu können.

Abdikariim hatte Glück: Sein Amtsvormund setzte sich dafür ein, dass er einen Privatvormund bekommt. Jens Wittekindt meldete sich. Er hatte sich dafür entschieden, sich zu engagieren, nachdem die NSU-Verbrechen öffentlich geworden waren. Als Vormund gefällt ihm, eine so enge Beziehung zu seinem Mündel aufbauen zu können: "Es ist ein ganz tolles Gefühl, wenn man jemanden über Jahre begleitet und sieht, dass man seine Entwicklung positiv beeinflussen kann." Dass er Jurist ist, wie relativ viele Vormunde, hilft ihm: "Ich kriege keinen Schrecken, wenn ich ein Behördenschreiben bekomme. Ich kenne diese Sprache."

 Eigene Kinder hat Wittekindt nicht, die Vormundschaft für Abdikariim ist schon die dritte, die er übernommen hat. Mit einem der mittlerweile jungen Erwachsenen trifft er sich immer noch, der andere hat den Kontakt abgebrochen. "Wenn man merkt, dass sich keine richtige Beziehung entwickelt, ist das schwierig", sagt er. "Aber das muss man akzeptieren." Größere Schwierigkeiten bereiten ihm langsam arbeitende Behörden – oder der alltägliche Rassismus in Deutschland: Mit einem seiner anderen Mündel geriet er zum Beispiel an einen rassistischen Arzt: "Der Jugendliche war aufgeregt und hat deshalb ein bisschen geschwitzt", erzählt er. "Der Arzt meinte, ihm zeigen zu müssen, wie man sich richtig wäscht." Der Junge rannte daraufhin aus dem Behandlungszimmer. Wittekindt reichte Beschwerde bei der Ärztekammer ein, der Mediziner musste sich entschuldigen. "Man muss sich in den Behörden durchsetzen können", sagt er. "Dafür braucht man manchmal einen langen Atem."

Nachdem es Monate gedauert hat, bis die Vormundschaft für Abdikariim vom Gericht bestätigt war, versuchen die beiden nun, sich zweimal pro Woche zu treffen. Dann kochen sie zusammen, gehen ins Fitnessstudio, reden über die Schule – oder über Abdikariims Vergangenheit in Somalia:

Als er 14 Jahre alt war, standen plötzlich Männer der Al-Shabaab-Miliz vor der Tür. Sie sagten zu seinem Vater, dass sie zwei seiner Söhne mitnehmen würden. Abdikariim und sein Bruder mussten mitgehen – ins Ausbildungscamp der Islamisten, schießen lernen. Als nach einigen Wochen ein Gefecht mit somalischen Soldaten tobte, gelang den Jungen die Flucht. Nach Hause konnten sie nicht zurück, so begann ihre Flucht durch Afrika. Schon früh wurde Abdikariim von seinem Bruder getrennt, er lebte tagelang ohne Proviant und Zelt in der Wüste. In Libyen endete der Entkommensversuch abrupt: Soldaten nahmen ihn gefangen, zehn Monate verbrachte er in Haft. Als er freikam, rannte er los, einfach weg, so schnell wie möglich.

Weil Abdikariim kein Geld für eine Überfahrt nach Europa hatte, musste er etwas verdienen. Fünf Monate arbeitete er als Gärtner, dann hatte er den Betrag für die Schlepper zusammen. Sie steckten ihn mit 80 anderen in ein kleines Schlauchboot, der Boden war schon nach einem Tag undicht. Als Proviant gab es zwei Flaschen Wasser und eine Packung Brot für alle an Bord. "Ich hatte keine Angst zu sterben", sagt der 17-Jährige. "In Libyen hätte ich auch kein Leben gehabt." Zwei Jahre nachdem die Al-Shabaab-Männer in Somalia vor der Tür gestanden hatten, kam Abdikariim schließlich in Hamburg an.

Teilzeit-Eltern vom Amt

Dort ist er einer von offiziell 1800 minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen, "doch die Dunkelziffer dürfte höher sein“, sagt Sevil Dietzel. Die Sozialpädagogin ist beim Kinderschutzbund dafür verantwortlich, ehrenamtliche Privatvormunde und Flüchtlinge zu vermitteln. Sie trifft sich mit Interessierten, verfasst Empfehlungsschreiben fürs Familiengericht, veranstaltet Gesprächskreise für die Vormunde und berät sie.

Privatvormunde sind laut Gesetz wie Eltern für die Erziehung und das gesundheitliche Wohl ihrer Mündel verantwortlich. Da die geflüchteten Jugendlichen im Regelfall in einem Wohnheim leben, gestaltet sich das in der Realität jedoch meist anders, sie überlassen die Erziehung den Mitarbeitern der Unterkunft. Der Vormund entscheidet aber etwa, wo das Kind lebt und kümmert sich darum, dass Arzt- oder Therapietermine gemacht werden und setzt sich bei Problemen mit den Ämtern für den Flüchtling ein. Das macht ihn für die Jugendlichen so wichtig: "Der Vormund ist oft die einzige Person, die kontinuierlich an der Seite des Jugendlichen ist und die für ihn Partei ergreift“, sagt Dietzel. Nur so lässt sich eine dauerhafte persönliche Beziehung aufbauen. Bei einigen Familien, die Dietzel betreut, fährt der Flüchtling auch mit in den Urlaub. Auch beim Berufseinstieg sei das Netzwerk der Vormunde Gold wert, so hat einer von Dietzels Ehrenamtlichen seinem Mündel gerade eine Stelle bei einem großen Autobauer verschafft.

"Er hat mir gezeigt, wie ich wieder schlafen kann"

Am Anfang ist es oft für beide Seiten schwer, Vertrauen aufzubauen: "Der Einstieg in die Beziehung ist oft nicht linear", nennt Dietzel das. "Man muss bereit sein, das Beziehungsangebot stur aufrechtzuerhalten." Vor Beginn werden die zukünftigen Vormunde zum Thema Trauma geschult. Dietzel rät ihnen etwa, die Jugendlichen nicht gleich am Anfang auf ihre Flucht anzusprechen.

Auch Abdikariim leidet noch unter seiner Vergangenheit. Nachdem er in Hamburg angekommen war, kam er in eine Erstaufnahmeeinrichtung. Vier Monate und 18 Tage musste er bleiben, das weiß er ganz genau. "Ich war dort nie alleine", sagt er. Seine aktuelle Wohnung ist zwar besser, er hat dort ein eigenes Zimmer und teilt sich Küche und Bad nur mit einer Handvoll anderer Jugendlicher, doch bleiben will er auch dort nicht. Einige seiner Mitbewohner sind Ägypter und wenn sie Arabisch sprechen, wird Abdikariim an seine Zeit in Libyen erinnert. Dann kann er nicht schlafen. Er träumt von seiner Haft, von den Soldaten, die immer wieder kamen und die Häftlinge schlugen: "Die Kinder, die Mädchen, alle." Manchmal ruft er dann mitten in der Nacht Wittekindt an und spricht mit ihm. Der beruhigt ihn, sagt ihm, dass er sich keine Sorgen mehr machen muss und dass er erstmal in Deutschland bleiben kann. Abdikariim hilft das. "Mein Vormund hat mir gezeigt, wie ich wieder schlafen kann", sagt der Somalier. "Er hat mir gezeigt, wie ich gut leben kann." Wittekindt hilft ihm gerade, eine neue betreute Wohnung zu finden. 

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