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Sie hasste es zu putzen und erfand das selbstreinigende Haus

Frances Gabe hat ihr Leben einem besonderen Projekt gewidmet: der Befreiung von der Hausarbeit. Die Visionärin, Künstlerin und Erfinderin, die mit 101 Jahren starb, erhielt nun eine finale Würdigung ihrer Arbeit.

Frances Gabe

Frances Gabe, Erfinderin des selbstreinigenden Hauses, starb mit 101 Jahren. Sie war eine Vorreiterin für die Befreiung der Frau von der Putzarbeit.

Sie muss wohl auch ein kleines bisschen verrückt gewirkt haben, die Amerikanerin Frances Gabe, so erscheinen viele Menschen, die von einer Idee besessen sind, den anderen. Und Gabe war von ihrer Idee so beflügelt, dass sie ihr halbes Leben an deren Vollendung arbeitete: die Vermeidung stumpfsinniger, täglich wiederkehrender Hausarbeit. Gabe, am 23. Juni 1915 geboren und am 26. Dezember 2016 verstorben, wurde lange – nicht nur von Frauen – als Visionärin gefeiert. Doch von ihrem Ableben im vergangenen Jahr nahm kaum jemand Notiz. Die einzige öffentliche Mitteilung brachte die Website "The Newberg Graphic", die unter anderem über die Region Oregon berichtet, wo Gabe 40 Kilometer südwestlich von Portland auf dem Land gelebt hatte. Doch mehr als ihr Alter, 101, und ihren Todestag war auch dort kaum zu finden, wie es in der "New York Times" heißt. Deshalb legte der überregionale US-Riese nun mit einer Würdigung nach.

Vor mehr als 50 Jahren begann Frances Gabe davon zu träumen, ein Haus zu haben, dass sich selbst um seine Hygiene kümmert: Auf Knopfdruck sollte es liebevoll waschen, spülen und trocknen, denn dazu hatte sie keine Lust mehr. "Hausarbeit ist eine undankbare, niemals endende Aufgabe", hatte sie 1996 dem "The Ottawa Citizen" erklärt. Es ist nervtötend langweilig. Wer will das schon? Niemand!"

Große Hoffnung auf die Befreiung von der Hausarbeit

1982 verkündete Erma Bombeck in ihrer humoristischen Kolumne "At Wit's end", was wahrscheinlich tausende Hausfrauen unterschrieben hätten, wenn die Erfindung in Serie gegangen wäre: Frances Gabe würde "ein neues Gesicht am Mount Rushmore", dem Denkmal mit den vier monumentalen Köpfen US-amerikanischer Präsidenten. 1984 erhielt die Erfinderin das Patent für das Haus, das sie von ihrem eigenen Geld, mit ihren eigenen Händen gebaut hatte. Es sollte das einzige bleiben. Ein Grund dafür, so vermutet die "New York Times", könnte neben der Patentierung und den einzugehenden Kompromissen für Hausbesitzer auch das widersprüchliche, aufständisch stolze Temperament der alten Dame gewesen sein.


"Mit ihr auszukommen war sehr schwierig", zitiert die "" ihren ehemaligen Anwalt und lebenslangen Freund Allyn Brown: "Sie war mit all ihren Nachbarn verfeindet und tat nichts, um das zu ändern." Ob der permanent in ihrem Garten stehende Betonmischer die Nachbarn erzürnte, es an der Reihe zähnefletschender Deutscher Doggen lag, die sie hielt, oder daran, dass sie als jüngere Frau mit Vorliebe nackt im Garten arbeitete, vermag niemand mehr zu sagen.

Natur, Ruhe und Einsamkeit

Frances Gabe hatte noch weitere Neigungen. Als ausgebildete Goldschmiedin und Keramikerin war sie am glücklichsten, wenn sie auf ihrem knapp 30.000 Quadratmeter großen, verwilderten Grundstück am Ende eines Feldweges in den Wäldern sich selbst überlassen war. Ihren gut 90 Quadratmeter großen Schlacke-Bungalow hatte sie über Jahrzehnte geplant, nach mehr als zehn Jahren hatte sie ihn in den 1980ern fertiggebaut – für 13.000 Euro. Das Ergebnis war, wie 2004 "The Weekend Australian" schrieb, "im Grunde eine gigantische Spülmaschine".


In jedem Zimmer konnte Gabe mit einem Regenschirm bewaffnet einen Knopf drücken, der Sprinkler an der Decke aktivierte. Mit dem ersten Sprühen wurde schaumiges Wasser über Wände und Boden verteilt. Im zweiten Teil wurde gespült, dann bliesen Luftdüsen alles trocken. Der gesamte Durchgang dauerte weniger als eine Stunde. Das Abwasser rann dank nahezu unmerklich abfallender Böden in einen Ausguss, wurde nach draußen in die Hundehütte geleitet, sodass in einem Aufwasch auch noch der Hund mit gereinigt wurde.

Das 68 einzelne Erfindungen umfassende Patent enthält auch Gabes Geschirrschrank, in dem selbiges gleichzeitig verstaut, gereinigt und getrocknet wird. Ihr Meisterstück war laut "New York Times" die Erledigung der Wäsche. In eine dicht verschlossene Kammer wurde die verschmutzte Kleidung auf Bügeln aufgehängt, gewaschen und getrocknet, um anschließend, immer noch auf dem Bügel, mittels einer Kette ordentlich in den Kleiderschrank überführt zu werden. Waschbecken, Toilette und Badewanne reinigten sich ebenfalls selbst. Ihre Einrichtung hatte sie so gestaltet, dass sie all die Duschbäder problemlos überstand: Polstermöbel etwa waren mit einem (natürlich selbst entwickelten) wasserfesten Stoff bezogen, der gummiartig wirkte. Bilder waren mit Plastik überzogen und Krimskrams unter Glas ausgestellt, Papier kam in wasserdichte Plastikboxen und Bücher hatten wasserfeste (selbst erfundene) Einbände. 

Die wirkliche Befreiung der Frauen

"Ihr könnt mir viel von der Befreiung der Frauen erzählen, aber Häuser sind noch immer so gestaltet, dass Frauen die Hälfte ihrer Zeit auf den Knien verbringen oder mit dem Kopf in einem Loch stecken", sagte Gabe 1981 zur "Baltimore Sun". " hat mir schon schlechte Laune gemacht, als ich noch ein Kind war."

Bauen, gestalten und erfinden hingegen war ihre ganze Leidenschaft. Der Versuch einer Ehe hielt nur extrem kurz, die Eigenwilligkeit und genauen Vorstellungen von Frances mögen vielleicht auch ein Grund für die Scheidung gewesen sein. Schon in der Schule hielt sie es kaum aus. In einem Buch von Chuck Palahnuik über die Region um Portland wird sie mit folgenden Worten über ihre Schulzeit zitiert: "Alles ging zu langsam. An meinem letzten Schultag stand ich auf und habe meine Lehrerin angeschrien: 'Das haben Sie uns schon vergangene Woche erzählt!'"

Frances Gabe blieb so lange in ihrem Haus, wie es ging. Vor acht Jahren veranlasste ihre Familie den Umzug in ein Pflegeheim, dem sie sich strampelnd und schreiend widersetzte, wie einer ihrer zehn Enkel berichtet hat. Ihre beiden Kinder waren bereits vor ihr gestorben. Das Grundstück wurde vor ein paar Jahren verkauft, das Haus steht noch. "Es lebt so eine Art Hippie darin", berichtete der Enkel, "dem gefällt's."


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