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Mein Vater, der Terrorist

Die Illustratorin Nina Bunjevac rekonstruiert in "Vaterland" die Geschichte ihres Vaters sowie die Jugoslawiens. Der Mann, den sie nie kennengelernt hat, war Terrorist und starb bei einer Explosion.

Von Susanne Baller

  In "Vaterland" verknüpft Nina Bunjevac (l.), was ohnehin zusammengehört: die Geschichte ihres Vater und die Jugoslawiens

In "Vaterland" verknüpft Nina Bunjevac (l.), was ohnehin zusammengehört: die Geschichte ihres Vater und die Jugoslawiens

Es ist das Jahr 1975, als Nina Bunjevacs Mutter ihre Ehe und die Sorge um ihre Kinder nicht mehr erträgt. Jeden Abend schiebt sie in Kanada Kleiderschränke vor die Fenster, aus Angst vor einem Anschlag. Da überredet sie ihren Mann, einem Urlaub in der Heimat, bei den Großeltern in Jugoslawien, zuzustimmen, er selbst kann nicht mehr zurück. Der fanatische Antikommunist war nach dem Zweiten Weltkrieg aus politischen Gründen gezwungen, das Land zu verlassen. Peter Bunjevac stimmt zu - unter der Bedingung, dass sie nur die Töchter mitnimmt, Sohn Petey soll bei ihm bleiben. Schwersten Herzens reist sie mit den beiden Töchtern ab, wissend, dass sie nicht zurückkehren wird.

Zwei Jahre später kommt der Mann bei einer vorzeitig ausgelösten Explosion ums Leben, Nina Bunjevac hat ihren Vater deshalb nie bewusst kennengelernt - sie war ein Jahr alt, als die Mutter mit ihr und ihrer Schwester Kanada verließ. In "Vaterland" macht sich die Illustratorin auf die Suche nach ihrem Vater, seinem Leben, seiner Geschichte. Zu Hause war sein Name lange Zeit tabu gewesen. Die intensive Graphic Novel schildert dabei nicht nur das Trauma einer auseinandergebrochenen Familie, sondern auch die komplexen politischen Verhältnisse Jugoslawiens - im Krieg, im Kalten Krieg und unter Tito. Geschickt verwebt Bunjevac den schwierigen Stoff mit der emotionalen Seite und schafft es, dabei unvoreingenommen zu bleiben. Inhaltlich und grafisch eine absolute Meisterleistung.

Der stern hat die Autorin getroffen, die über die deutsche Ausgabe von "Vaterland" sagt, es sei bislang die allerschönste. Wir haben ihr Fragen zu ihrer Familie und ihrem Buch gestellt.

  Wie bei einem Puzzle hat Nina Bunjevac ein Bild ihres Vater zusammengesetzt, indem sie seine Vergangenheit rekonstruierte

Wie bei einem Puzzle hat Nina Bunjevac ein Bild ihres Vater zusammengesetzt, indem sie seine Vergangenheit rekonstruierte

Der Anfang von "Vaterland" spielt 2012 und Sie haben sich mit einem deprimierten Gesichtsausdruck gezeichnet. Waren Sie depressiv?
Ich wollte in dem Illustrationsstil die grundsätzliche Atmosphäre des Themas wiedergeben und die Auswirkungen auf meine Familie, unsere Leben. Und ja, ich habe mit Depressionen gekämpft, ebenso wie meine Mutter und meine Schwester. Das war sicherlich ein Nebenprodukt davon, dass die Familie auseinandergebrochen ist sowie der Taten meines Vaters.

Wie autobiografisch ist das Buch?


Ich persönlich erinnere mich an gar nichts, was in dem Buch vorkommt. Es endet dort, wo meine eigene Erinnerung einsetzt, als meine Mutter und ich in Jugoslawien von Zemun nach Nis gezogen sind.

Es muss Detektivarbeit gewesen sein, all das herauszufinden. Wann haben Sie damit begonnen?


Ich habe mein Leben lang hier und da Informationen gesammelt. Es hat mich immer interessiert, wenn etwas ein Geheimnis war. Wenn es etwas gibt, worüber deine Familie nicht gerne spricht und du ahnst, da steckt mehr dahinter. Ich habe bis ich 14 Jahre alt war geglaubt, mein Vater sei bei einem Autounfall gestorben. Zwischen 14 und 16 habe ich die Wahrheit herausgefunden, meine Mutter hat damals begonnen, offener darüber zu sprechen. Als ich 1990 nach Kanada zog, hat mir Mara, die Tante meines Vaters mehr erzählt. Ich habe ein paar seiner Freunde getroffen, die damals mit ihm aktiv waren. Als dann die Idee aufkam, ein Buch darüber zu schreiben, also vor etwa vier Jahren, habe ich beschlossen, gründlich zu recherchieren. Ich habe viel archiviert, Artikel, die online waren, es war viel über die Organisation geschrieben worden, der mein Vater angehört hat, Mitglieder waren interviewt worden.

War Ihr Vater Anti-Kommunist?
Nein. Er war in Jugoslawien im Gefängnis, weil er ein von Unterstützer Milovan Gilas war, ein Dissident, der die Regierung kritisiert hat. Die Tatsache, dass es unter Tito im Militär sowie in Regierungskreisen eine Elite gab, die ein Luxusleben genoss, während das Volk hungerte. Gilas hat Bücher geschrieben und veröffentlicht, eines heißt "Die neue Klasse", er hat den Sozialismus verbreitet. Als mein Vater anfangs ins Gefängnis kam, war er also Sozialist, kein Nationalist. Die Radikalisierung begann wahrscheinlich, als er im Gefängnis und später in einem Erfassungslager in Oberösterreich mit anderen Menschen in Kontakt kam. Dort hat er auch Nikola Kavaja (Spitzname: Titos Jäger, Anm. d. Red.) getroffen, der später Anführer der Gruppe "Freedom for the Serbian Fatherland" wurde. Der Titel meines Buches spielt auf diese Gruppe an. Ich glaube, mein Vater war perfekt geeignet, um für seine Ideen rekrutiert zu werden.

  Was auf dem Originalbild der Fotograf retuschiert hat, hat auch später Nina Bunjevac nicht hinzugezeichnet: Die Mutter ihres Vater, der hier noch ein Baby ist, wurde von ihrem Mann geschlagen

Was auf dem Originalbild der Fotograf retuschiert hat, hat auch später Nina Bunjevac nicht hinzugezeichnet: Die Mutter ihres Vater, der hier noch ein Baby ist, wurde von ihrem Mann geschlagen

Ihr Vater hatte eine schwierige Kindheit. Sein Vater war gewalttätig und Alkoholiker und seine Mutter starb, als er ein Kind war. Er hat den Krieg miterlebt und viel Grausames gesehen. Wie haben Sie davon erfahren?
Meine Großtante Mara hat mir viel erzählt und eine wichtige Quelle waren Familienfotos. Es gab zum Beispiel ein Bild, das ich verwendet habe, weil mein Vater ein Baby in den Armen seiner Mutter war. Ich habe es eingescannt, hoch aufgelöst, hineingezoomt und die Ebenen festgelegt. Man kann so viel in Gesichtsausdrücken lesen, in der Körpersprache, auch in den Objekten rundherum, das ist unfassbar. In diesem einen Bild ist das Gesicht meiner Großmutter richtig hell, als läge ein Heiligenschein darüber. Ein Trick des Fotografen. Beim Heranzoomen entdeckte ich, warum: Sie hatte ein blaues Auge. Das eine Auge war blau, bei dem anderen war das Augenlid geschwollen. Damit konnte ich bestätigen, dass meine Tante Mara in ihren Erzählungen nicht gelogen hat, ihr Mann hat sie richtiggehend verdroschen. Ich musste die meisten Informationen aus dieser Zeit verifizieren. Ich wollte nichts schreiben, was irgendjemand widerlegen oder ich nicht belegen könnte.

Wie war es für Sie, zum ersten Mal den eigenen Bruder zu treffen?
Ich war 12, als er uns zum ersten Mal besuchen kam. Es war ein Überraschungsbesuch, wir wussten von nichts. Wir bekamen ein Telegramm und am Tag darauf hat mein Großvater ihn am Flughafen abgeholt.

Wie alt war er damals?


Er war 17. Es war sehr merkwürdig, denn ich hatte nur Bilder von ihm als Kind gesehen und nun war er meinem Vater sehr ähnlich. Wie eine Kopie. Das war skurril. Und gefühlsmäßig sehr intensiv. Es war ein sehr glückliches Ereignis, aber es bedurfte einiger Arbeit, um diverse Themen zwischen meinem Bruder und meiner Mutter zu klären.

Hat er ihr Vorwürfe gemacht, weil sie ihn verlassen hat?


Ja. Und ich auch. Ich habe ihr vorgeworfen, die Familie auseinandergebrochen zu haben. Da hat sie dann gedacht, ich erkläre meine Entscheidung nun besser. Ich will in diesem Buch zeigen, warum sie das tat. Vielleicht ist es auch eine Entschuldigung bei ihr, mit der ich sage, ich verstehe dich in gewisser Weise. Ich kann mir vorstellen, wie es sich anfühlt, vor der Entscheidung zu stehen: Lasse ich ein Kind zurück und rette zwei? Oder bleibe ich und riskiere die Leben von allen dreien?

Haben Sie heute eine intensive Beziehung zu Ihrem Bruder oder blieb eine Fremdheit?
Die blieb. Er ist auch Künstler und wir haben eine Menge Gemeinsamkeiten, aber es gibt zu viele Konfliktthemen. Wenn man das Kind ist, das immer bei Mama bleiben durfte, während das andere von Mama verlassen worden ist, lässt sich das nicht wirklich lösen. Darauf werde ich unter anderem in meinem nächsten Buch eingehen. Aber ich will noch nicht zu viel verraten.

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