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"Cannabis-Konsum schädigt schwer"

Der Suchtmediziner Rainer Thomasius vom Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf ist strikt gegen eine Legalisierung von Cannabis. Sie könne sich negativ auf den Konsum der Jugendlichen auswirken.

  Auf das Gehirn von Jugendlichen hat der Cannabis-Konsum deutliche stärkere Auswirkungen als bei Erwachsenen

Auf das Gehirn von Jugendlichen hat der Cannabis-Konsum deutliche stärkere Auswirkungen als bei Erwachsenen

Herr Professor Thomasius, Sie treten gegen die Forderungen nach einer Liberalisierung des Cannabis- Verbots ein – warum?
Der Forschungsstand zeigt eindeutig, dass Cannabis zu schweren Gesundheits- und Sozialschäden führen kann. Das gilt sicherlich in Abhängigkeit davon, wie viel von dieser Substanz konsumiert wird und in welchem Lebensalter.

Selbst Legalisierungsbefürworter räumen Risiken für Jugendliche ein, halten sie aber für weniger gravierend als bei anderen psychoaktiven Substanzen.


Ich meine, dass der große Wissenszuwachs der Forschung aus den letzten Jahren zum Teil ignoriert wird. Es gibt sehr langfristige Untersuchungen, in denen eine große Zahl heute Erwachsener bis zu 40 Jahre lang beobachtet wurden. Sie zeigen: Diejenigen, die früh in den Cannabis-Konsum eingestiegen sind, weisen bereits im jungen Erwachsenenalter Intelligenzdefizite von sieben bis acht IQ-Punkten auf. Das mag wenig erscheinen, tatsächlich wirkt es sich bei durchschnittlich Intelligenten aber bereits als Lernstörung aus.

Aber was ist die Henne, was ist das Ei – wird es nicht immer einige Menschen geben, denen die Vernunft fehlt, um mit den Gefahren des Lebens angemessen umzugehen?
Tatsächlich vermindert ein schlechter Bildungshintergrund oder ein schwacher sozioökonomischer Status der Eltern die Lebenschancen. Doch bei der Berechnung der Intelligenzminderung wurden diese sogenannten Moderator-Variablen bereits hinausgerechnet. Es handelt sich tatsächlich um einen Effekt chronischen Cannabis-Konsums.

Viele nehmen in dieser Debatte eine entspanntere Haltung ein als Sie. Warum?


Ein Grund ist sicherlich, dass die neuesten Erkenntnisse aus der hauptsächlich englischsprachigen Fachliteratur uns zu spät erreichen. Aber gerade in den letzten Jahren sind international eine Reihe neuer Erkenntnisse hinzugekommen, die uns zur Vorsicht mahnen.

Zum Beispiel?


Neben den genannten Langzeitbeobachtungen wird sogar das vermeintlich alte Thema Cannabis als "gateway drug" – die Einstiegsdrogenproblematik also – wieder aufgeworfen. Gerade bei jungen Konsumenten beobachten Forscher komplexe Verstellungen im sogenannten Suchtgedächtnis des Nervensystems. Darauf stützt sich ein zunehmend plausiblerer Erkenntnisstand. Er besagt: Diejenigen, die früh Cannabis konsumieren, greifen im jungen Erwachsenenalter wesentlich leichter zu harten illegalen Drogen – vor allem zu anregenden Substanzen wie Amphetamin, Metamphetamin oder Kokain.

Die Befürworter einer Legalisierung machen geltend, dass sie Cannabis gar nicht allgemein verfügbar machen wollen. Sie halten eine alterskontrollierte Abgabe für wirksamer als das Strafrecht. Viele beteuern, dass sie ebenfalls Jugendliche vom Kiffen fernhalten möchten. Was antworten Sie denen?
Zum einen, dass die meisten von ihnen von der Wirklichkeit, die ich in der Suchthilfe erlebe, sozial sehr weit entfernt leben. Beschützt aufgewachsene Bürgerliche, die sich entsprechend engagieren, verbinden mit Cannabis Vorstellungen wie selbstbestimmtes Leben, Bewusstseinserweiterung, Freiheit. Unsere Jugendlichen aus schwierigsten Verhältnissen, aus zerrütteten Elternhäusern, oft aufgewachsen in Jugendhilfe-Einrichtungen, bringen diese Voraussetzungen nicht mit. Eine solch romantische Sicht hat mit deren Leben nichts gemein. Deshalb erschreckt es mich, wenn der amerikanische Präsident an die Öffentlichkeit geht und erzählt, er habe in seinen Studentenjahren auch konsumiert. Er übersieht, dass es einen riesengroßen Unterschied macht, ob zweiprozentiges THC auf ein einigermaßen ausgereiftes Studentenhirn wirkt oder achtprozentiges auf das Gehirn eines Pubertierenden.

Und wenn man Cannabis ab 25 Jahren zuließe, nachdem die Gefährdung des Hirnreifungsprozesses entfallen ist?


Geschieht nicht genau das gerade in den USA? Dort sind es 21 Jahre. Als Praktiker glaube ich nicht daran. Ich rechne mit einer ähnlichen Entwicklung wie beim Alkohol: Der Konsum wird von älteren Jugendlichen an jüngere durchgereicht. Wenn Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz herausgenommen wird, ist das ein Signal – es ist nicht so schädlich, Erwachsene können damit offenbar sicher umgehen.

Aber ist die Drohung des Strafrechts zeitgemäß? Wir rauchen auch weniger, ohne Tabak zu verbieten.
Die Einstiegsquoten bei den 12- bis 14-Jährigen lagen immer um die 28 Prozent. Nun sind sie halbiert worden. Das ist historisch der größte Erfolg in der Suchtprävention überhaupt. Und er ist durch gesetzgeberisches Durchgreifen erzielt worden. Nicht durch Appelle, nicht durch Aufklärung. Es waren das Nichtraucherschutzgesetz, das Rauchverbot an Schulen, das Abgabeverbot von Tabakwaren an Minderjährige, die diesen Fortschritt gebracht haben. Deshalb sehe ich keinen Anlass, Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz herauszunehmen, und einen positiven Effekt erwarte ich davon auf keinen Fall.

Interview: Christoph Koch
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