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Auf den seligen Rausch folgt immer das Desaster

Wenn aus einem mehr als 70 Jahre alten Buch eine solche Graphic Novel wird, ist klar: Dieser Stoff ist aktuell wie eh und je. Jakob Hinrichs hat sich Hans Falladas "Trinker" vorgeknöpft. Prost!

Von Susanne Baller

  Nun ist die Grenze endgültig überschritten: Rudolf Ditzen alias Hans Fallada alias Erwin Sommer bedroht seine Frau "Suse" mit der Pistole, als sie ihm keinen Alkohol mehr geben will. Es fällt ein Schuss.

Nun ist die Grenze endgültig überschritten: Rudolf Ditzen alias Hans Fallada alias Erwin Sommer bedroht seine Frau "Suse" mit der Pistole, als sie ihm keinen Alkohol mehr geben will. Es fällt ein Schuss.

"Ich habe natürlich nicht immer getrunken, es ist sogar nicht sehr lange her, dass ich mit dem Trinken angefangen habe." So erinnert sich Erwin Sommer, die Hauptfigur aus Hans Falladas Roman "Der Trinker", an seinen rasanten Abstieg vom erfolgreichen Lebensmittelgrossisten zum realitätsverleugnenden Alkoholabhängigen. Während Erwin den Weg in die Gosse antritt, nimmt seine Frau Magda die Zügel in die Hand und organisiert ihr Leben neu. Fallada wusste, wovon er schrieb, verfasste er das sogenannte Trinkermanuskript doch während seiner mehrmonatigen Haftzeit, die er wegen mutmaßlichen Totschlags an seiner Frau verbrachte. Das war 1944. Das Buch wurde eines seiner persönlichsten.

2015 brachte der Berliner Illustrator Jakob Hinrichs seine Version des Romansn heraus – und noch viel mehr. Fest ineinander verwoben sind in der Graphic Novel "Der Trinker" die Erkenntnisse aus jahrelanger Recherche im und um das Leben von Hans Fallada, der mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen hieß, und dessen Romanprotagonisten Erwin Sommer. Hinrichs besuchte viele wichtige Stationen in Falladas Leben, der bereits lange vor seinen ersten literarischen Erfolgen morphium- sowie alkoholsüchtig war und seine Drogen als Kleinkrimineller finanzierte. Die eindrückliche, farbgewaltige Umsetzung lässt den Leser nachempfinden, unter welchen bitteren Umständen Falladas Buch entstand, zeigt es ihn gleich zu Beginn bei seiner Einlieferung ins Gefängnis. War es auch nicht sein erster Aufenthalt im Knast, hat ihm der lange Entzug stark zugesetzt. Weil er "nur wenn er schreibe, die Gitter vor den Fenstern vergessen kann", begann Fallada also und beschrieb das Papier in mikroskopisch kleiner Schrift von beiden Seiten, wendete es und schrieb zwischen den Zeilen weiter. An einem Ort, wo seine Angst vor Entdeckung seiner heimlichen Arbeit durch die Aufseher respektive die Nazis besonders groß hätte sein müssen. "Ich glaube, er hat alles auf eine Karte gesetzt: Jetzt schreibe ich es, ich muss es für mich schreiben", vermutet Hinrichs auf einer Lesung als Falladas Motiv für die gnadenlose Abrechnung mit sich selbst.  

  Hinter Gittern quälen ihn die Wanzen – und die Halluzinationen des Entzugs

Hinter Gittern quälen ihn die Wanzen – und die Halluzinationen des Entzugs

Was dem Illustrator neben dem ersten Erzählstrang wunderschön gelingt, ist die Integration von "Büchern im Buch". So zeichnet er zum Beispiel die Freundschaft zwischen Fallada und Erich Ohser, der unter dem Pseudonym E.O.Plauen besonders durch seinen Comicstrip "Vater und Sohn" bekannt geworden war, im Stile des verehrten Kollegen. 

  In Haft erfährt Fallada aus der Zeitung von dem Tod seines Freundes Erich Ohser, der sich durch Suizid im Gefängnis Alt-Moabit seiner Verurteilung entzogen haben soll. Doch Fallada glaubt kein Wort: "Ein Mensch wie Plauen erhängt sich nicht ..."

In Haft erfährt Fallada aus der Zeitung von dem Tod seines Freundes Erich Ohser, der sich durch Suizid im Gefängnis Alt-Moabit seiner Verurteilung entzogen haben soll. Doch Fallada glaubt kein Wort: "Ein Mensch wie Plauen erhängt sich nicht ..."

Durch seine Zusammenarbeit mit dem Aufbau-Verlag erhielt Hinrichs nicht nur tiefe Einblicke in Falladas Leben, sondern ebenfalls die Erlaubnis, auch Teile seiner Werke "unter Beibehaltung der Fallada-typischen Sprache" zu verwenden, wie Hinrichs berichtet. So zum Beispiel aus dem "Sachlichen Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein", in dem Fallada über Liebe und Leid des Abhängigen berichtet. Auf die Glückseligkeit des Rausches folgt zwangsläufig die Härte des Entzugs und der Drang, sofort wieder neuen Stoff zu besorgen. Da müssen Ärzte hintergangen, Rezepte gefälscht und Apotheker betrogen werden, weil die Tagesration bereits bei acht Spritzen liegt. Da müssen physische Schwächen, das Aufschneiden von Abszessen und Schweißausbrüche ausgehalten werden, bevor die "mystische Hochzeit mit dem Einstich der Nadel gefeiert werden kann". 

  In der Kurzgeschichtensammlung "Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein" beschrieb Fallada das Leben mit "seiner Geliebten", dem Morphium, und mit seiner Familie. Hinrichs integrierte Auszüge daraus als Teil von Falladas Krankenakte.

In der Kurzgeschichtensammlung "Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein" beschrieb Fallada das Leben mit "seiner Geliebten", dem Morphium, und mit seiner Familie. Hinrichs integrierte Auszüge daraus als Teil von Falladas Krankenakte.

Wie im Rausch vergeht auch die Zeit bei der Lektüre dieses Buches, denn würde man mittendrin aufhören, folgte bestimmt sofort der kalte Entzug. Wer in Sorge vor einem Silvesterabsturz ist, dem sei diese Lektüre ausdrücklich empfohlen: Das Desaster danach wird so eindringlich veranschaulicht, dass die Bilder vielleicht im richtigen Moment wieder den Weg ins Gehirn finden. Und noch mal: Prost! 

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