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"Wir sind mehr als nur die netten Kindergarten-Tanten"

Deutschlandweit kam es in den letzten Wochen immer wieder zu Kitastreiks. Eine Erzieherin erklärt, was sie in ihrem Beruf leistet - und warum sie und ihre Kollegen dafür mehr Anerkennung verdienen.

Ein Gastbeitrag von Tanja Mandelt

  Das Sitzen auf kleinen Stühlen, der konstant hohe Lärmpegel und der viele Stress führen bei Kita-Mitarbeitern oft zu gesundheitlichen Problemen

Das Sitzen auf kleinen Stühlen, der konstant hohe Lärmpegel und der viele Stress führen bei Kita-Mitarbeitern oft zu gesundheitlichen Problemen

Die Arbeit von Erziehern wird in der Gesellschaft nicht genügend anerkannt - und auch nicht dementsprechend bezahlt. Um das zu ändern, gehen bundesweit immer wieder Menschen auf die Straße. In der vergangenen Woche veröffentlichten wir 27 Gründe, warum Erzieher mehr Geld verdienen sollten: "Weil sie ihr Leben auf zu kleinen Stühlen verbringen und es schaffen, dabei ihre Würde zu wahren. Weil sie immer wissen, wo sich der zweite Hausschuh versteckt hat. Weil sie oft mehr Zeit mit fremden als mit den eigenen Kindern verbringen." Viele unserer mit einem Augenzwinkern zu verstehenden Gründe kamen bei Erziehern nicht gut an.

"Gut gemeint, schlecht gemacht, lieber stern. Ich komme mir als Kindergartenpädagogin gefoppt vor, wenn ich auf 'Handschuhe finden' und ähnliche Heldentaten reduziert werde, auch wenn es lustig gemeint ist", schrieb zum Beispiel Claudia Standl auf Facebook.

Auch Tanja Mandelt, Erzieherin in einer kommunalen Kindertagesstätte in Niedersachsen, ärgerte sich über unseren Artikel. Die 38-Jährige hat für den stern nun die aus ihrer Sicht wirklich wichtigen Gründe aufgeschrieben, warum Erzieher mehr Anerkennung verdienen:

Die Sicht einer Erzieherin

"Die in dem Artikel genannten Gründe sind nicht generell falsch, bilden jedoch nur einen sehr geringen Teil unseres Tätigkeitsfeldes ab und bestätigen leider das vorherrschende Bild der netten, nur spielenden Kindergarten-Tante.

Deswegen möchte ich im Folgenden meine Gründe anführen, die dazu führen sollten, dass der Beruf des Erziehers/der Erzieherin mehr Anerkennung bekommt. Bei Weitem nicht alle Kollegen/Kolleginnen arbeiten mit Vorschulkindern, viele sind in Heimen, Horten, Familienzentren etc. tätig. Ich persönlich arbeite jedoch in einer Kindertagesstätte, weswegen sich meine Ausführungen hierauf beschränken.

Ohne Fortbildungen geht es nicht

Die wichtigsten Gründe für die Notwendigkeit der größeren Anerkennung unseres Berufes liegen in der hohen Bedeutung frühkindlicher Bildung und den gewachsenen Ansprüchen an uns ErzieherInnen. Wir müssen auf wissenschaftlich-pädagogischem Niveau arbeiten, ohne dass wir in der Ausbildung adäquat darauf vorbereitet werden. Deshalb ist lebenslange Weiterbildung und freiwillige Aneignung von Wissen weit über das Ausbildungsniveau hinaus unerlässlich (Nebenbei: Den Erzieherberuf als akademischen zu etablieren, also Studium statt Ausbildung, finde ich absolut wünschenswert). Wir müssen zig zum Teil widersprüchlichen Ansprüchen genügen, denen der Kinder, des Trägers, der Eltern, der Schulen ...

Erzieher sind Vorbilder

Weiterhin sind auch bestimmte gesundheitliche Probleme im Kindergarten gang und gäbe. Nicht nur Viren aller Art, auch das kleine Mobiliar, der hohe Lautstärkepegel und die anhaltende Stressbelastung wirken sich nicht selten negativ auf den Körper aus.

Von uns wird zu Recht erwartet, dass wir den Kindern auf dem Weg in die Sozialisation helfen. Dies gelingt nur, wenn man selbst ein Vorbild für die Kinder ist. ErzieherInnen müssen sich und ihr Verhalten deshalb konstant infrage stellen, denn wer selbst nicht sozial agieren kann, kann dies auch anderen nicht beibringen. Manchmal ist das nicht leicht, so mancher verbringt dafür Stunden beim Psychologen.

Wir haben wissenschaftlich fundiert gelernt, wie man mit Kindern über deren Probleme spricht und Krisen überwinden kann. Wir haben Methoden erarbeitet, wie Kinder in solchen Momenten aufzufangen sind. Wir führen sie in die Selbstständigkeit, so dass sie bis zum Schuleintritt für sich sorgen können.

Ein wichtiges pädagogisches Werkzeug dabei ist unsere Sprache: Für jedes Kind müssen wir die richtigen Worte wählen, um alle erreichen zu können, ohne dabei unsere eigene Persönlichkeit aufzugeben. Authentizität und Ehrlichkeit sind unerlässlich, da Kinder sehr genau spüren, wie etwas gemeint ist. So erreichen wir, dass uns eine Akademikertochter genauso versteht wie Kinder unterer Bildungsschichten oder mit geringen Deutschkenntnissen.

Sänger, Alleinunterhalter, Eventmanager

Auch pflegerische und hauswirtschaftliche Tätigkeiten gehören zu unserem Alltag, leider manchmal so viel, dass die pädagogische Arbeit darunter leidet. Zurück bleibt unsere Unzufriedenheit, weil wir unseren Ansprüchen nicht genügen konnten. Natürlich müssen wir auch Unmengen an Spielen, Liedern usw. kennen. Aber die Kinder akzeptieren auch einen Spickzettel - wir sind ja nicht beim Casting. Was allerdings grundlegend ist: Wir müssen wissen, wo wir das Passende finden, Rechercheinstrumente sollten also beherrscht werden.

Immer wiederkehrend sind natürlich Familienfeste und Ähnliches. Bei einem Kindergarten mit 80 Kindern plus Eltern, Geschwistern und Großeltern kann ein normales Sommerfest schon Ausmaße eines Dorffestes annehmen, mit Verpflegung und abendfüllendem Bespaßungsprogramm. Neben allem Anderen sind an uns wohl auch Eventmanager verloren gegangen.

Eine gute Beziehung zu den Eltern ist unerlässlich

Ganz wichtig ist meines Erachtens auch, dass wir sehr enge Bezugspersonen für die Kinder sind. Auch hier gilt es wieder, extrem zu reflektieren, schließlich gibt es auch bei Kindern Verhaltensweisen, die man eigentlich nicht ausstehen kann. Liegt es an mir? Was kann ich ändern, um eine bessere Beziehung aufzubauen? Was mache ich falsch, und warum kann ich dieses Kind nicht erreichen? Ähnlich ist es auch bei dem Beziehungsaufbau zu Eltern: Kommunikationstraining, psychologische Grundkenntnisse und Empathie sind wichtige Bestandteile des Berufes.

Wenn wir es nicht schaffen, dass die Eltern uns vertrauen und unsere Kompetenzen anerkennen, können wir auch die Kinder nicht erreichen. In intensiven, einfühlenden Gesprächen müssen wir nicht selten auch Erwachsenen mit Rat und Hilfestellung zur Seite stehen. Bitte stellen Sie sich einmal vor, wie viel Einfühlungsvermögen vonnöten ist, wenn man einem Elternteil erzählen muss, dass das geliebte Kind stark entwicklungsverzögert ist ... Wir sind oft die erste Anlaufstelle der Familien außerhalb ihres eigentlichen Vertrauenskreises, sind die Ersten, die auch mal Schwierigkeiten ansprechen müssen. Häufig müssen wir zusammen mit den Eltern Lösungen finden und vor Behörden, Schulen und anderen Institutionen bestehen. Wir müssen aushalten, dass Eltern nicht professionell, sondern natürlich emotional reagieren. Oft sind wir dann erst mal die Sandsäcke, die diese Emotionen auffangen müssen, obwohl wir auch nur Menschen sind.

Um den Rahmen nicht völlig zu sprengen, möchte ich es hierbei belassen, wobei immer noch keine vollständige Tätigkeitsbeschreibung erreicht ist (das Thema "Anleitung von Auszubildenden" wurde hier zum Beispiel noch gar nicht angerissen).

Ich wünsche mir, dass die frühkindliche Bildung als genauso wichtig anerkannt wird wie die schulische und damit auch unser Beruf!"

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