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#ausnahmslos ist der neue #aufschrei

Die sexuellen Übergriffe in Köln haben die Deutschen erschüttert, die Zahl der Anzeigen von betroffenen Frauen steigt noch immer. In Politik, Gesellschaft und Berichterstattung muss sich einiges ändern, fordern die Initiatorinnen von #ausnahmslos.

  Familienministerin Manuela Schwesig, SPD, unterstützt den Aufruf #ausnahmslos von Aktivistinnen und Feministinnen in Deutschland

Familienministerin Manuela Schwesig, SPD, unterstützt den Aufruf #ausnahmslos von Aktivistinnen und Feministinnen in Deutschland

Der Jahreswechsel 2015/2016 war anders als andere Silvesternächte. Nicht die Zahl der Verletzungen durch unvorsichtig abgeschossene Raketen und Böller, nicht der Ansturm auf Krankenhäuser, sondern eine Rekordzahl an Anzeigen zu einem erstmalig in dieser Größe aufgetauchten Phänomen war die Nachricht der vergangenen Tage: sexuelle Übergriffe auf Frauen. Eingekesselt und bedrängt in einer großen Gruppe von Männern. Im öffentlichen Raum. Vor dem Hauptbahnhof in Köln ebenso wie in Hamburg auf St. Pauli, in einer Bielefelder Disco, in Frankfurt und Stuttgart. In Köln, der Stadt mit den schlimmsten Ausschreitungen, liegen mittlerweile mehr als 550 Anzeigen vor.

Sexualisierte Gewalt selbst ist jedoch überhaupt nichts Neues. Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte ermittelte die Zahlen für 2014 und fand heraus, dass mehr als die Hälfte aller Frauen bereits sexuell belästigt wurde und ein Drittel sexualisierte und/oder physische Gewalt erlebte. Sowohl die Ereignisse in der Silvesternacht als auch diese erschreckenden Zahlen waren für eine Gruppe Feministinnen und Aktivistinnen der Anlass, unter dem Hashtag "ausnahmslos" einen Forderungskatalog aufzustellen, der inzwischen breite Unterstützung findet. Denn es muss sich etwas ändern in Deutschland. Nicht nur zum Schutz von Frauen, sondern auch bei der Bekämpfung von "Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung", heißt es unter ausnahmslos.org. Die Reaktionen auf die Vorfälle an Silvester zeigen insbesondere in den sozialen Medien, wie wichtig auch diese Forderung ist.

Breite Unterstützung

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) unterstützt die Forderungen. "Wir haben mit sexuellen Übergriffen auf Frauen eine Straftat, die kaum zur Anzeige gebracht wird", sagte sie im ARD-"Morgenmagazin", nachdem sie den Aufruf am Tag zuvor mitgezeichnet hatte. "Mir und allen anderen Unterstützern ist es wichtig, deutlich zu machen: Sexuelle Gewalt, Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung kommen jeden Tag vor", erklärte sie.

Die 5 politischen Forderungen in Stichpunkten:

1. Die Arbeit der Beratungsstellen muss gestärkt und ihr Angebot ausgebaut werden.

2. Die Gesetzeslage muss angepasst werden: Sexuelle Belästigung ist in Deutschland immer noch keine eigenständige Straftat.

3. Mehr öffentliche Aufklärungsarbeit hilft, Gewalt zu vermeiden.

4. Auch eine geschlechtersensible Pädagogik kann (sexualisierter) Gewalt vorbeugen.

5. Polizei und Justiz müssen geschult werden.

In weiteren Statements fordern die Verfasserinnen gesellschaftliche Lösungen sowie sensibilisierte Berichterstattung. Eine entscheidende Komponente von #ausnahmslos, hinter dem unter anderen auch die #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek (@marthadear) steht, lautet, sexualisierte Gewalt dürfe nicht nur ein Thema sein, wenn es um Täter mit Migrationshintergrund geht. "Wir müssen das als gesamtgesellschaftliches Problem betrachten", fordert Wizorek. Jeder Übergriff sei einer zu viel – egal, von wem er ausgeübt wird. "Das gilt natürlich genauso für die Fälle von Köln." Die Forderungen werden bereits nach einem Tag von vielen Politikern und Nicht-Politikern mitgetragen. 

 

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