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Michaela Raab klagt gegen "Zwangstranssexualisierung"

Äußerlich schien sie eine Frau zu sein, mit ihren XY-Chromosomen ist Michaela Raab aber ein Mann. Weil sie das nicht wusste, unterzog sie sich einer Operation und Hormontherapie. Das Leiden begann.

  Michaela Raab hatte mit 20 Jahren eine Genitaloperation. Sie sagt, dass sie vorher nicht über ihren männlichen Chromosomensatz aufgeklärt wurde. Nun verklagt sie die Klinik.

Michaela Raab hatte mit 20 Jahren eine Genitaloperation. Sie sagt, dass sie vorher nicht über ihren männlichen Chromosomensatz aufgeklärt wurde. Nun verklagt sie die Klinik.

Lange dachte Michaela Raab, dass sie eine Frau ist - wenn auch eine "komische". Sie habe sich nie als Mädchen gefühlt und nicht wie andere Mädchen verhalten. Erst als sie mit knapp 20 Jahren noch immer keine Periode und keine Brüste hatte, ging sie zum Arzt. Was folgte, waren eine Hormontherapie und ein operativer Eingriff - beides unnötig, wie die 40-Jährige heute sagt. Denn krank sei sie nie gewesen. Sie sei einfach weder Mann noch Frau. Michaela Raab ist intersexuell, trägt also Merkmale beider Geschlechter in sich.

Sich selbst bezeichnet Raab als Zwitter. "Ich habe männliche Anlagen, die sich aber nicht ausreichend entwickelt haben. Und ich hatte eine Scheide", sagt die 40-Jährige aus dem mittelfränkischen Landkreis Roth. Dass sie die männlichen Chromosomen X und Y in sich trägt und nicht zweimal X wie eine Frau wusste Raab lange nicht.

Ärzte des Uni-Klinikums Erlangen hätten sie vor den Eingriffen nicht ausreichend aufgeklärt, sagt Raab. Daher hat sie die Klinik und einen Arzt auf Schmerzensgeld und Schadenersatz verklagt. An diesem Donnerstag wird der Fall vor dem Nürnberger Landgericht verhandelt. Der stern hat mit Michaela Raab gesprochen.

Vor wie vielen Jahren sind Sie operiert worden?
1994 war die Bauchspiegelung und 1995 die Genitaloperation.

Da waren Sie gerade volljährig. Was hat die Bauchspiegelung ergeben? Warum ist die überhaupt gemacht worden?


Man hat mir gesagt, dass die Eierstöcke nicht richtig angelegt sind.

Sie haben Ihre Tage nicht bekommen?


Genau. Und das musste man halt näher anschauen.

Sie sind als Mädchen erzogen worden und immer davon ausgegangen, dass Sie eine Frau sind?


Genau, zwar eine komische, aber ich habe das immer auf meine roten Haare geschoben. Ich kannte niemanden, der auch rote Haare hat. Ich habe gedacht, Rothaarige sind einfach anders.

Was ist bei Ihnen operiert worden?
Die Ärzte nannten es mir gegenüber eine Klitorishypertrophie, in Wahrheit war das aber eine Penisamputation.

Können Sie sich erinnern, warum die Genitaloperation für notwendig gehalten worden ist?


1994, als ich an die Uniklinik kam, haben mich sehr, sehr viele Ärzte untersucht. Und ich habe gemerkt, dass etwas nicht normal ist. Ich habe gedacht, das wär eine Lösung, normal zu werden.

Ist in der Klinik jemals das Wort Intersexualität gefallen?


Nein.

Wie war das bei Ihnen zu Hause? Gab es da nie einen Zweifel?


Ne, ich bin auf dem Land aufgewachsen, da spricht man mit Eltern nicht über solche Sachen.

Wissen Sie, was in Ihrem Bauchraum konkret noch vorhanden ist?


Es ist auf jeden Fall ein Hoden gefunden worden.

Sie sind anschließend medikamentös behandelt worden und mussten Hormone nehmen?
Ja. Mir wurde erzählt, dass die Eierstöcke nicht entwickelt oder verkümmert wären und deshalb die Östrogene genommen werden müssen, damit die Knochen keinen Schaden nehmen. Ich habe nach Nebenwirkungen gefragt, die wurden verneint. Es wurde mir gesagt, dass es nur ein Ausgleich von etwas sei, das fehlt. Da wären keine Nebenwirkungen zu erwarten. Und schon vier, fünf Monate später haben sich die ersten Probleme eingestellt.

Was ist da passiert?


Es haben sich Knoten in den Brüsten gebildet und meine Knochen sind teilweise aufgetrieben. Das war das erste, woran man sehen konnte, dass Östrogene für meinen Körper nichts sind. Da wurde aber nicht weiter drauf eingegangen, es wurden nur die Hormone gewechselt.

Konnten Sie die Hormone inzwischen absetzen?


Das ist eine längere Geschichte. Es ist immer schlimmer geworden: Depressionen, Wassereinlagerungen, Knochenprobleme am ganzen Körper, Konzentrationsschwierigkeiten, Angst- und Panikattacken. 2004/2005 hatte ich dann einen Totalzusammenbruch. Und dann hat es immer noch geheißen: Das kommt nicht von den Hormonen.

Im Alter von 34 Jahren stieß Michaela Raab auf den #link;http://www.intersexuelle-menschen.net/;Verein Intersexuelle Menschen#, in dem sie inzwischen aktiv ist. "Da habe ich entdeckt, dass dort fast jeder ähnliche Probleme hat wie ich. Und dort hat man mich aufgeklärt, dass ich nie eine Frau war." Danach habe sie umgestellt von Östrogen auf das Hormon Testosteron. "Und seitdem kann ich zumindest wieder existieren", sagt Raab.

Michaela Raab ist heute voll erwerbsunfähig. Vor Gericht will sie 250.000 Euro Schadenersatz und Schmerzensgeld erstreiten, außerdem eine monatliche Rente von 1600 Euro. "Das war das, was ich zuletzt verdient habe. Ein durchschnittlicher Bürokaufmenschenlohn muss schon drin sein", sagt Raab.

Susanne Baller mit DPA

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