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Meinung

Kampagne gegen Abtreibung – Fötus bettelt um sein Leben

Eine Schweizer Stiftung hat eigens für die sozialen Medien eine Kampagne entwickelt, die ungewollt Schwangere von einer Abtreibung abhalten soll, speziell junge Frauen. In "Hörst du mich?" bettelt ein Fötus um sein Leben.

Frau sitzt vornübergebeugt mit den Händen vorm Gesicht

Die Stiftung "Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind" setzt mit einer Social-Media-Kampagne ungewollt schwangere Frauen unter Druck. Tenor: Nach einer Abtreibung wirst du nie wieder glücklich.

Es war im Jahr 1971, als der stern titelte: "Wir haben abgetrieben!" Damals haben 374 Frauen, prominente und unbekannte, erklärt, das Leben ihres ungeborenen Kindes beendet zu haben, was zu der Zeit noch eine Straftat war. Doch wer glaubt, in den vergangenen 46 Jahren hätte sich außer der Gesetzeslage etwas verändert, der irrt. Erstrecht, wenn er über die Landesgrenze Richtung Schweiz schaut und sich mit der Stiftung "Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind" (SHMK) befasst. Das tat, unfreiwillig, die Schweizer Autorin Nadja Brenneisen, die derzeit schwanger ist, dementsprechend viel zum Thema googelt – und prompt bei Instagram eine Kampagne ausgespielt bekam, die sie gefühlt in die Jahre vor 1971 zurückwarf. Der Titel lautet "Hörst du mich?" und die Frage wird tatsächlich einem ungeborenen Kind in den Mund gelegt. Brenneisen macht ihrem Unmut darüber auf "watson.ch" Luft.

Die rückwärtsgewandte Kampagne der SHMK richtet sich an schwangere Frauen, die über Abtreibung nachdenken – mit dem klaren Ziel, sie davon abzubringen. Auf Instagram lässt sie sich unter #HörstDuMich nicht finden, da sie lediglich als zielgerichtete Werbung und vermutlich nur in der ausgespielt wird. Das ist wieder einer dieser Momente, in denen einem angst und bange wird in puncto Transparenz: eigenes Surfverhalten bestimmt das sogenannte targeted Advertising. Aber das ist eine andere Geschichte.

Manipulation schlimmsten Ausmaßes

Mit vier emotional aufgeladenen Videos macht die Aktionsseite "Hörst du mich?", die für die Schweizer Stiftung wirbt, ihre Position deutlich. Vier Frauen erzählen ihre Geschichte, zwei haben abgetrieben, zwei haben sich entschieden, ihr Kind zubekommen. In Schwiizerdütsch erzählt Tünde "Abtreibung ist keine Lösung" und dass sie ihre beiden Schwangerschaftsabbrüche bereut, wenn sie sich ihr jüngstes Kind anschaut. Danielle berichtet, dass sie sich nie hätte vorstellen können, was eine Schwangerschaft für Emotionen auslöst. Sarah und Andrea haben ihre Kinder bekommen und "noch nie zuvor im Leben so eine Liebe gespürt". Während die ersten beiden Frauen wirken, als würden sie jeden Moment in Tränen ausbrechen, strahlen die beiden anderen vor Glück.

Schenkt man der unausgewogenen Beratung der SHMK Glauben, gibt es keinen Grund, eine Schwangerschaft abzubrechen

Schenkt man der unausgewogenen Beratung der SHMK Glauben, gibt es keinen Grund, eine Schwangerschaft abzubrechen

So eindimensional die vier Testimonials sind, werden sie doch noch getoppt von dem Filmchen, mit dem die Seite einsteigt. Eine verzweifelte Lea, 26, gesteht in einem Telefonanruf, dass sie schwanger ist. Bedrohlich klingende Musik ist einer Sequenz unterlegt, die eine Frau zeigt, deren Test positiv ausgefallen ist. Während Lea ihre Zukunft aus den Fugen geraten sieht, "Studium abbrechen, alles aufgeben, Mami werden", wird eine Ultraschallaufnahme eingeblendet. Der schnelle Herzschlag eines Fötus ist zu hören. Und eine Kinderstimme, die fragt: "Mami, hörst du mich?" Immer wieder spricht der Fötus seine Mutter an, von deren Entscheidung sein Leben abhängt. Dann ist zu lesen: "Höre auf Dein Kind! Nicht auf Deine Ängste."


Beratung sieht anders aus

In Deutschland brechen jährlich knapp 100.000 Frauen eine Schwangerschaft ab, so die offizielle Zahl von Pro Familia. Auf der Website der Familienberatungsstelle wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Manipulation von ungewollt Schwangeren gemäß §219 STGB untersagt ist: "Weder Partner, Familie, Ärzte oder Ärztinnen oder staatliche Behörden dürfen Ihre Entscheidung durch Druck, Einschüchterung, Bevormundung oder gar Strafdrohungen beeinflussen." 

In der Schweiz sieht die Rechtslage vergleichbar aus. Dennoch hat die SHMK ihre Kampagnenseite eigens für die junge Zielgruppe der sozialen Medien gestartet: "Viele junge Menschen gestalten ihr Leben über soziale Medien. Eine starke Präsenz in sozialen Netzwerken gehört für sie zum Alltag. Es ist darum unerlässlich, dass gerade junge Frauen, die ungewollt schwanger werden, das Hilfsangebot der SHMK auch auf digitalen Kanälen finden." In allen Schweizer Landessprachen wird "Hörst du mich" auf Youtube und Facebook verbreitet, mit der Intention "viele Leben zu retten". 

Zum Thema Selbstbestimmungsrecht der Frau muss die Schweizer Stiftung noch viel lernen. Mit emotionalem Druck eine junge Zielgruppe anzusprechen, entspricht genau dem Druck, der in Deutschland verboten ist. Die Schweiz hat im internationalen Vergleich eine der niedrigsten Abbruchraten.


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