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Schwul und gläubiger Jude – das geht nur in Tel Aviv

Seine Mutter brach in Tränen aus, sein Vater stürmte aus dem Raum: Für Yehoshua Gurtler, religiöser Israeli, verlief das Outing als Schwuler traumatisch. Doch er hat es geschafft, beide Lebensmodelle gleichzeitig und offen zu praktizieren.

  Lior Shohat (l.) und Yehoshua Gurtler (r.) in ihrer Wohnung in Tel Aviv mit ihren Kindern Noa (v.l.) und Juval auf dem Schoß. Gurtler ist religiöser Jude und schwul. Beide Lebensmodelle gleichzeitig und offen zu praktizieren ist in Israel immer noch sehr schwer.

Lior Shohat (l.) und Yehoshua Gurtler (r.) in ihrer Wohnung in Tel Aviv mit ihren Kindern Noa (v.l.) und Juval auf dem Schoß. Gurtler ist religiöser Jude und schwul. Beide Lebensmodelle gleichzeitig und offen zu praktizieren ist in Israel immer noch sehr schwer.

Yehoshua Gurtler ist religiöser Jude. Und schwul. Beide Lebensmodelle gleichzeitig und offen zu praktizieren, ist in Israel immer noch sehr schwer. "Ich habe früher sehr darunter gelitten", erzählt der erfolgreiche Rechtsanwalt, der seit 14 Jahren mit seinem Partner Lior Shohat in Tel Aviv zusammenlebt. Gurtler dachte lange, er müsse wählen: "Entweder meine sexuelle Identität verstecken oder meinen Glauben aufgeben."

Heute sieht er beides als gleichwertige Teile seiner Persönlichkeit an. "Ein gläubiger Mensch ist mit seinem ganzen Wesen gläubig, und ein Homosexueller ist mit seinem ganzen Wesen schwul. So bin ich, es ist eine Tatsache. Das kann man sich nicht aussuchen."

Schwule Eltern von Zwillingen

Seit vergangenem Jahr sind der 34-jährige Gurtler und sein vier Jahre älterer Partner Eltern. Eine Leihmutter im US-Staat Oregon hat vor zehn Monaten ihre Zwillinge zur Welt gebracht, ein Mädchen und einen Jungen. Biologisch ist Gurtler Vater des Mädchens und Shohat des Jungens. "Aber es sind beides unsere Kinder, da gibt es überhaupt keinen Unterschied", sagt Gurtler mit Nachdruck. Er wirft einen liebevollen Blick auf die Kleinen, die in hohen Babystühlen in einer gepflegten Wohnung im Norden Tel Avivs gerade frühstücken.

Mit den Kleinkindern kommen die beiden Männer auch regelmäßig in eine Synagoge im Zentrum der Stadt. Die jüdische Gemeinde "Jachad" (Zusammen) definiert sich zwar als orthodox, ist aber ungewöhnlich offen für andere Lebensmodelle. Viele der Mitglieder sind schwule oder lesbische Paare, auch mit Kindern. "Ich glaube, es gibt in Israel keine andere Synagoge dieser Art", sagt Gurtler. Mehrere Organisationen bieten allerdings heute Unterstützung für religiöse Schwule und Lesben.

Sex zwischen Männern ist verboten

Gurtler fühlt sich in der Gemeinde voll integriert. Doch der Weg dorthin war lang und schmerzhaft. Homosexuelle haben es in Israels religiösem Sektor immer noch sehr schwer. Von einer gleichgeschlechtlichen Eheschließung durch einen orthodoxen Rabbiner können sie nur träumen. Die Bibel verbietet Sex zwischen Männern. "Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben", heißt es im 3. Buch Mose.

Im Juli hat ein Ultra-Orthodoxer in Jerusalem dies wörtlich genommen. Mit einem langen Küchenmesser stach er auf sieben Teilnehmer einer Schwulen- und Lesbenparade in Jerusalem ein, die er als "Provokation von Gott" ansah. Die 16-jährige Schira Banki starb später an ihren schweren Verletzungen. Der Mord sei für viele ein Schock gewesen, sagt Shohat. "Uns ist klarer geworden, in was für einer Umgebung wir leben." Es müsse noch viel für Homosexuelle gekämpft werden, die nicht in der liberalen Enklave Tel Aviv leben, meint der Politikwissenschaftler, der im Parlament als Assistent des liberalen Rabbiners Michael Melchior gearbeitet hat. "Wir müssen optimistisch bleiben."

Schwul und religiös schließt sich für viele Juden aus

Viele Schwule und Lesben werden von ihren religiösen Familien verstoßen, wenn sie sich outen. Es wird auch von Selbstmorden solcher Verstoßenen berichtet. "Die religiöse Welt nimmt das biblische Verbot des homosexuellen Aktes und schließt daraus, ein Mensch könne einfach nicht schwul und religiös sein", sagt Gurtler. Auch seine Eltern reagierten zunächst verstört und verständnislos, als er sich öffnete.

Der dunkelhaarige, freundliche Mann ist in einer modern-orthodoxen Umgebung in Jerusalem aufgewachsen und besuchte eine religiöse Jungenschule. "In der Welt, in der ich Mitte der 1990er Jahre gelebt habe, wurde nicht über Homosexualität gesprochen. Das war kein Thema, über das man redete."

Das Gefühl, dass etwas anders ist

"Als ich auf die Universität kam, verstärkte sich bei mir das Gefühl des Andersseins", erinnert sich Gurtler. "Vorher dachte ich, ich kenne keine Mädchen, ich bin nur mit Jungs zusammen, in einem religiösen Umfeld. Aber auf der Universität war ich in einer gemischten Umgebung, mit beiden Geschlechtern und mit Menschen mit verschiedenem sozialen Hintergrund. Dann begann ich zu spüren, dass bei mir etwas anders ist." Er habe auch zum ersten Mal Zugang zum Internet gehabt und begonnen, die Zeitung der schwul-lesbischen Gemeinde zu lesen, "Hasman Havarod" (Die rosa Zeit).

"Ich dachte erst, dass es nicht sein kann, dass ich schwul bin. Das Image, das ich von Schwulen im Kopf hatte, gehörte nach Tel Aviv, ins Ausland, säkular, sehr sexuell, Partys. Das war alles sehr weit weg von meiner Lebensrealität. Aber als ich anfing, mit Frauen auszugehen, sah ich, dass das nicht klappt. Mit der Zeit wurde mir immer klarer, dass diese Gefühle, die ich habe, bedeuten, dass ich homosexuell bin."

"Entweder das eine oder das andere"

"Je klarer mir wurde, dass ich homosexuell bin, desto beängstigender wurde es", sagt Gurtler. "Ich hatte das Gefühl, dass der Konflikt zwischen dem und meiner religiösen Lebensweise immer extremer wurde. Ich dachte damals, das gibt es nicht, schwul und religiös sein. Man kann entweder das eine oder das andere sein." Nach einer Weile habe er jedoch beschlossen, das Thema offensiv anzugehen.

Als Erstem habe er einem anderen religiösen Mann erzählt, dass er schwul ist. "Er hat überrascht, aber sehr freundlich und verständnisvoll reagiert." Acht Jahre später hätte sich dieser Mann dann selbst geoutet. "Ich hatte offenbar die richtige Intuition, wem ich es erzählen kann", sagt er lachend.

"Mama, Papa, ich bin schwul"

Die Öffnung seinen Eltern gegenüber verlief hingegen katastrophal. Gurtler war damals ein 20-jähriger Student und wohnte noch zu Hause. "Ich wartete einen Moment ab, in dem ich genug Mut hatte, und warf die Bombe. "'Mama, Papa, ich bin schwul.' Mein Vater stürmte aus dem Zimmer, und meine Mutter fing an zu weinen." Am nächsten Tag habe er bei seiner Rückkehr von der Universität auf dem Tisch einen Stapel von Studien gefunden, die behaupteten, man könne die sexuelle Ausrichtung eines Menschen ändern. "Sie stammten von Webseiten fundamentalistischer Christen - sie konnten wohl keine jüdischen Quellen finden, weil ja niemand darüber sprach."

Im Gegenzug habe er in der Bibliothek der Hebräischen Universität Studien darüber ausgedruckt, dass Homosexualität nicht veränderbar sei. "Wir haben eine Weile Quellen ausgetauscht, ohne zu reden." Dann habe er sich auf Druck seiner Eltern bereiterklärt, einige Monate zu einem ultra-orthodoxen Therapeuten zu gehen. Sie erhofften sich davon eine sexuelle "Bekehrung" ihres Sohns. "Ich habe ihm beim ersten Treffen klar gesagt: 'Ich habe nicht die Absicht, straight zu werden.' Ich muss zu seinen Gunsten sagen, dass er auch nicht versucht hat, mich 'umzudrehen'."

Der "kalte Krieg"

Sein Partner Lior hatte ähnliche Erfahrungen mit seinen Eltern, obwohl er aus einer nichtreligiösen Familie stammt. "Sie haben mich auch zu einer Therapeutin geschickt, aber sie sagte ihnen von Anfang an: 'Ich werde nicht versuchen, seine Ausrichtung zu ändern'."

Vor 14 Jahren lernten die beiden sich kennen und zogen dann gemeinsam nach Tel Aviv. Die Beziehung mit Gurtlers Eltern verschlechterte sich zunächst dramatisch. "Wir stritten uns zwar nicht, aber wir redeten einfach nicht über das Problem." Shohat beschreibt das damalige Verhältnis als "kalten Krieg". Der Kontakt sei nur noch oberflächlich gewesen. Erst nach vier Jahren hätten Gurtlers Eltern sich bereiterklärt, seinen Partner zu treffen.

Die Eltern verstanden allmählich

Danach sei die Beziehung Schritt für Schritt wieder so eng geworden wie früher. "Sogar besser als vorher, weil sie auf Offenheit basiert." Seine aus den USA stammenden Eltern hätten einen Prozess der "persönlichen Reifung" durchlaufen, meint Gurtler. "Heute ist die Situation mit ihnen vollkommen anders." Sie hätten allmählich verstanden, "dass ich derselbe Mensch geblieben bin, dass meine Werte sich nicht verändert haben".

Das Elternpaar gehört in Jerusalem einer tiefreligiösen Gemeinde an. Gemeinsam mit dem Sohn und den Enkelkindern besuchen sie aber manchmal auch die liberalere Synagoge in Tel Aviv. Gurtler, der eine schöne, tiefe Singstimme hat, steht dort häufig als Vorbeter vor dem Tora-Schrank. Beim traditionellen jüdischen Priestersegen tritt sein Vater dicht neben ihn. Dann nimmt der Sohn ihn in den Arm und umhüllt ihn mit seinem Gebetsschal. Wie unter einem weißen Zelt stehen sie ganz eng zusammen. Und für einige Augenblicke erscheinen Vater und Sohn wie eine unzertrennbare Einheit.

Sara Lemel, DPA
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