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Mit den Mumins die Welt erobern

Sie schrieb viel mehr als nur die "Mumin"-Bücher, doch mit den Geschichten um die kleinen Trolle verewigte sich Tove Jansson in den Herzen der Menschen. Ihre Comicstrips begeistern nicht nur Kinder.

Von Susanne Baller

Für die Mumins bedeutet Familie ebenso viel wie für Tove Jansson selbst. Der Berliner Reprodukt-Verlag hat einige der Hauptakteure auf Postern versammelt: Muminpapa mit Zylinder, ganz klein links das Snorkfräulein, Mumin selbst im Zentrum, links von ihm Stinki, rechts Klein Mü.

Für die Mumins bedeutet Familie ebenso viel wie für Tove Jansson selbst. Der Berliner Reprodukt-Verlag hat einige der Hauptakteure auf Postern versammelt: Muminpapa mit Zylinder, ganz klein links das Snorkfräulein, Mumin selbst im Zentrum, links von ihm Stinki, rechts Klein Mü.

Sie sind weiß, so dick wie gemütlich, haben große Knopfaugen - und wehren sich dagegen, für Flusspferde gehalten zu werden: "Wir sind Mumins!", stellen sie in "Ein Urwald im Mumintal" empört fest. Die niedlichen Trolle, die Winterschlaf halten und ihre zahlreichen Abenteuer in den wärmeren Jahreszeiten erleben, sind schon fast 70 Jahre alt, ihre Erfinderin, Tove Marika Jansson, wäre am 9. August 100 Jahre alt geworden.

Als Tochter der Grafikdesignerin Signe Hammarsten und des Bildhauers Viktor Jansson stand Toves Leben von Beginn an unter dem Einfluss der Kunst. Als sie vier Jahre alt war, schrieb ihr Vater aus dem finnischen Bürgerkrieg von der Front an seine Frau: "Vielleicht wird unsere Tove eines Tages eine große Künsterlin." Er sollte mehr als Recht behalten, seine Erstgeborene wurde als Schriftstellerin, Zeichnerin, Comicautorin, Grafikerin, Illustratorin und Malerin eine der bekanntesten skandinavischen Künstlerinnen der Welt. Die Schwedisch sprechende Finnin bekam noch zwei jüngere Brüder, Per Olof, geboren 1920, und Lars, 1926, die ihr Leben ebenfalls der Kunst verschrieben.

Jansson war eine Frau, die viele Extreme in sich vereinte. Die Atmosphäre der Bohemien, die zu Hause herrschte, der Vater, der gern tagelange Partys gab, die Mutter, die stets das Familieneinkommen sicherte, waren die beste Vorsorge gegen Schranken im Kopf. In der schwedischen Tageszeitung "Svenska Dagbladet" gewährt Janssons Nichte Sophia einen Blick auf den Charakter ihrer Tante: "Als Feministin. Als politisch Radikale. Aber auch als jemand, der seinen Partner nicht nach Geschlecht, sondern nach Gefühlen aussucht. Ob derjenige, den sie liebte, ein Mann oder eine Frau war, hatte weniger Bedeutung."

Nach vielen Liebhabern verliebte sich Tove Jansson 1946 zum ersten Mal in eine Frau. Auch ihre große letzte Liebe galt dem gleichen Geschlecht: Von 1955 an war sie bis zu ihrem Tod 2001 mit der Künstlerin Tuulikki Pietilä zusammen. In Janssons Buch "Fair Play", 1989 geschrieben und vor wenigen Tagen auf Deutsch erschienen, lässt sich erschließen, wie sehr die Beziehung der beiden Künstlerinnen auch von Respekt geprägt war. Zum 100. Geburtstag ist zudem Tuula Karjalainens Biografie auf Deutsch herausgekommen.

1945 war Janssons erstes Mumin-Buch ("Mumins lange Reise") erschienen, bald folgten weitere Bände. Stets handeln die einnehmenden Wesen impulsiv, genießen ihr Leben und verhalten sich, auch "der armen Verwandtschaft" gegenüber, stets gastfreundlich. So geraten sie zwar gelegentlich in die Bredouille oder finanzielle Engpässe, finden jedoch immer einen Ausweg. Denn wichtiger als Erfolg und Geld sind im Mumintal Freundschaft und die Familie. Ihre Figuren leben Janssons Sinn für Humor und Anarchie aus - insbesondere die kleine Mü, die immer wieder ausspricht, was alle denken.

Die Mumin-Krise

Die Mumins wurden schnell weltberühmt, im deutschen Sprachraum ab den 1950er Jahren, doch die erste korrekte deutsche Übersetzung existiert erst seit der von Birgitta Kicherer. Trotz allem Erfolg und allen Auszeichnungen machte der Hype um die Mumins Tove Jansson nicht nur glücklich. Auf die Trolle reduziert zu werden, gefiel der Künstlerin nicht, sie wollte malen und schreiben. Also übertrug sie 1958 ihrem Bruder Lars die Aufgabe, die Mumin-Comicstrips weiterzuschreiben, von 1961 bis 1974 zeichnete er sie auch. Sie selbst schrieb Kurzgeschichten, Romane, illustrierte Bücher und malte.

Tove Jansson, hier 1988, war reiselustig, humorvoll, anarchisch und exzentrisch. Mit anderen Worten: eine tolle Frau.

Tove Jansson, hier 1988, war reiselustig, humorvoll, anarchisch und exzentrisch. Mit anderen Worten: eine tolle Frau.

Ihren örtlichen Vorlieben kam Jansson, die in Helsinki und Stockholm Kunst studiert hat, im Jahreszeitenwechsel nach. Wenn sie nicht durch die Welt reiste, verbrachte sie die Wintermonate in Helsinki und lebte im Sommer auf der Insel Klovharu im finnischen Pellinki-Archipel. Eigentlich hatte sie davon geträumt, dort in einem Leuchtturm zu wohnen, doch tatsächlich baute sie sich eine auf einem Cliff gelegene Hütte. Auf die Frage, was sie für die Sommermonate dorthin mitnehme, anwortete sie dem Regisseur und Schriftsteller Lars Löfgren: "Seife und Vodka." Ansonsten reichten der schmalen kleinen Frau Kaffee und Zigaretten zum Leben.

Die Mumin-Romane, übersetzt von Birgitta Kicherer, sind als Arena-Taschen­bücher lieferbar. Die Mumin-Comicstrips gibt es bei Reprodukt.

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