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Ach, Papa!

Er herrscht, mahnt, tröstet. Er fordert, ermutigt - oder fehlt. Er setzt die Ansprüche, und in seinen Augen wollen wir bestehen. Unser Vater prägt uns mehr, als uns bewusst sein mag. Eine Typologie.

Von Nicolas Büchse und Kuno Kruse

  Der moderne Vater: Er kümmert sich, kuschelt und erklärt die Welt. Durch seine Zuwendung werden Kinder selbstbewusst und stark

Der moderne Vater: Er kümmert sich, kuschelt und erklärt die Welt. Durch seine Zuwendung werden Kinder selbstbewusst und stark

  • Kuno Kruse

Ausgewaschenes T-Shirt und auf jedem Arm ein Kind. Immer drei Schritte hinter der Mutter auf den High Heels. Das ist das Hochglanzbild vom neuen Vater, erfolgreich und doch stark genug, den Job einmal zurückzustellen. Nennen wir ihn Brad.

Dieser Achill, dieser Überheld, räumt auf mit den alten Vorstellungen von Despoten, Desinteressierten, Wochenendvätern und Oberlehrern. Er scheint endlich zu machen, was die Frauen seit 1968 wollen, was die Psychologen raten. Die moderne Gesellschaft will diesen neuen Vater, braucht ihn, fördert ihn mit Erziehungsmonaten und Elterngeld. Dafür soll er zugewandt und interessiert sein. Nicht abwesend, nicht erdrückend.

Doch Brad muss Spott ertragen. Diese "Kindermädchen-Väter" seien einfach schrecklich! Findet zum Beispiel Karl Lagerfeld. Kein ausgewiesener Familienexperte, aber einer, der zu wissen meint, was jedem Vater blühen wird: "Mit 15 wollen die Kinder ihre Eltern nicht mehr sehen. Kinder sollten nicht die Hauptrolle spielen."

Väter aber spielen im Leben ihrer Kinder eine Hauptrolle. Bis vor Kurzem hieß es noch, vor allem die Mutter sei ausschlaggebend für die Entwicklung des Nachwuchses. Doch neue Studien belegen: Väter sind für ihre Kinder so prägend wie Mütter.

So mancher hat sich in seiner Jugend geschworen, nie so zu werden wie der alte Herr. Um dann festzustellen, dass er als Papa seinen Kindern mit gleicher Mimik, Gestik und in ähnlichem Tonfall gegenübersteht. In jedem Vater steckt ein Vater.

Er bleibt ein Lebensthema. Auch wenn der Vater kein Tyrann ist, sondern ein Freund. Wie hat die Tochter ihn enttäuscht, als sie den falschen Mann heiratete! Wie der Sohn, der statt Jura lieber Ethnologie studierte, um dann einen Friseurladen aufzumachen. Wie soll man ihm überhaupt das Wasser reichen, seinen Ansprüchen genügen? Und wie schafft man es, ihm dankbar zu sein? Jeder Vater hinterlässt ein Erbe in der Persönlichkeit seiner Kinder. Eines, das sich nur schwer ausschlagen lässt. Dies, sagen Psychologen, gelte es zu erkennen und zu akzeptieren. Das wäre ein erster Schritt. Dem Sohn, dem dieser gelinge, falle die eigene Vaterrolle leichter. Die Tochter, die ihren Papa versteht, erkennt später leichter den falschen (oder richtigen) Mann fürs Leben.

Doch wie erkennen wir unseren Vater? Wer war er, was fühlte er? Was hat ihm sein Vater beigebracht? Was hat er weitergereicht? Und was wollen Väter heute weitergeben, welche Rolle haben sie für sich gefunden?

"Es ist eine neue Vätergeneration nachgewachsen", hat der Familienpsychologe Wassilios Fthenakis beobachtet. Inzwischen haben sich zwei Drittel der Väter aus der alten Rolle gelöst, in der der Mann sich vor allem als Ernährer sah. Sie wollen sich Zeit nehmen, beschützen, schmusen und Tränen trocknen. Vatertag ist für sie ein Ausflug mit den Kindern im Bollerwagen, statt mit den Kumpeln auf Sauftour zu gehen. Der neue Vater bricht mit Traditionen.

Und es gibt für ihn nicht nur eine Rolle. Ob das Kind groß ist oder noch klein, Junge oder Mädchen, es gibt viele Vaterrollen. Sie wechseln oft, und fast jeder Vater spielt gleich mehrere. Und dennoch scheinen auch beim modernen Vater die Archetypen durch – alle klassischen Rollen finden sich bis heute.

  Alles hört auf sein Kommando. Er ist der Herr im Haus. Thomas Mann gilt als Paradebeispiel des distanzierten Vaters. Er fühlte sich häufig von den Kindern gestört, vor allem die Söhne litten unter seiner Kälte. Auf dem Bild sitzt er inmitten seiner Familie, links seine Frau Katia. Eine steife Idylle.

Alles hört auf sein Kommando. Er ist der Herr im Haus. Thomas Mann gilt als Paradebeispiel des distanzierten Vaters. Er fühlte sich häufig von den Kindern gestört, vor allem die Söhne litten unter seiner Kälte. Auf dem Bild sitzt er inmitten seiner Familie, links seine Frau Katia. Eine steife Idylle.

Der Patriarch

Am Anfang war Abraham. Der ist bereit, Isaak um des Gehorsams willen zu opfern. Ein Testament später lässt Gott selbst seinen Sohn kreuzigen, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen. Aber auch aus Überlieferung und antiker Sage erreichten uns eher "dunkle Nachrichten" zum Thema Vater, befand auch Sigmund Freud, der Urvater der Psychoanalyse. Sie gäben uns von seiner Rücksichtslosigkeit "eine unerfreuliche Vorstellung".

Die erlebten einige Kinder von Thomas Mann an Heiligabend. Als Michael, der jüngste Sohn, ein Spielzeug zerbrach, fragte der Vater: "Was macht der überhaupt hier?" Und den ältesten Sohn, Klaus, stempelte der Vater in der Novelle "Unordnung und frühes Leid" zum Versager. Auch wenn er seine Jüngste später auf Händen trug, gilt das "Monstrum", wie seine Frau Thomas Mann nannte, als Prototyp des gnadenlosen Patriarchen. Dessen Gewalt, dessen Kälte provoziert die Revolte.

Und doch: Die Liebe der Kinder scheint unverwüstlich. Jimi Hendrix, der von seinem Vater im Suff ausgepeitscht wurde, schrieb ihm noch als Rockstar: "Solange es dich gibt, ist bei mir alles gut, weil du mein lieber Dad bist." Diese Zeilen sind schwer zu begreifen. Aber erklären sich leicht. "Es geht nicht darum, einen guten Vater zu haben", sagt der Psychologe Wolfgang Hantel-Quitmann, "sondern darum, ein geliebtes Kind zu sein."

  Papa kommt  später, heißt es  oft in den Familien.  Sein Platz  bleibt leer, er  arbeitet länger,  hat wichtige  Termine. Manche  Väter fehlen  ein Leben lang.  Marilyn Monroes  Vater verließ  die Mutter schon  während der  Schwangerschaft.  Die Schauspielerin  verwand  das nie. In ihren  Liebhabern  und Partnern  suchte sie  den Vater (hier  mit Ehemann  Arthur Miller)

Papa kommt später, heißt es oft in den Familien. Sein Platz bleibt leer, er arbeitet länger, hat wichtige Termine. Manche Väter fehlen ein Leben lang. Marilyn Monroes Vater verließ die Mutter schon während der Schwangerschaft. Die Schauspielerin verwand das nie. In ihren Liebhabern und Partnern suchte sie den Vater (hier mit Ehemann Arthur Miller)

Der Abwesende

50 Krawatten. Das Geschenkpaket kam aus Amerika. Willy Brandt nahm es in Empfang und reichte es beiläufig weiter an seinen Sohn Lars. Einfach weil er in der Nähe stand. Was sollte der Jugendliche damit? In Lars Brandts Erinnerungen "Andenken" ist dies eine Schlüsselszene. Sein Vater war selten da und wenn, dann nicht wirklich anwesend. Wenn Lars ihn reden hören wollte, schaltete er den Fernseher an.

Der abwesende Vater kann im Bundeskanzleramt arbeiten. Er kann den ganzen Tag als Chirurg am OP-Tisch stehen oder im Knast sitzen. Der entlassene Sträfling kann immerhin heimkehren. Der Chirurg merkt manchmal zu spät, dass er zu lange fort war. Und der Politiker vielleicht nie.

Väter, die es anders machen wollen, erschrecken bei dem Gedanken, die Kinder an die Arbeit zu verlieren. Aber auch sie verlassen sich heute noch oft auf die Mütter. In der Regel, so ergaben Untersuchungen, arbeiten sie nach der Geburt der Kinder mehr als vorher. Auch wenn sie sich ihr Familienleben ganz anders, ganz gleichberechtigt ausgemalt hatten. 37 Prozent der jungen Väter, die es bedauern, zu wenig Zeit für die Kinder zu haben, stürzt dieses in einen Gewissenskonflikt.

Ihre eigenen Väter hatten es nicht besser. Aber wenn sie von der Arbeit kamen, genossen sie den verdienten Feierabend. Und sie kamen oft spät, erschöpft. Sie verdienten das Geld mit harter Arbeit. Für die Familie und die Zukunft der Kinder. "Ihr sollt es einmal besser haben", war ein Vatersatz, der in vielen Familien fiel. So manche hätten sich gern mehr um die Kinder gekümmert. Die Gewerkschaften machten mit ihrer Sehnsucht Kampagne für die Fünftagewoche. Der Slogan: "Samstags gehört Vati mir!" Dann machten die Väter am Wochenende mit den Kindern eine Radtour, fuhren in den Zoo, lauter tolle Papas.

Die heutige Vätergeneration sähe damit alt aus. Wissenschaftler der Universität Bielefeld begleiteten fünf Jahre lang Familien. Ihr Ergebnis: Je mehr der Vater im Haushalt mithilft – was eindeutig über die Frage "Wie war's in der Schule?" hinausgeht –, desto eher fühlen sich die Kinder von ihm "liebevoll umsorgt, wertgeschätzt, angenommen, beachtet, geliebt".

Abwesende Väter berufen sich darauf, dass es nicht auf die Menge der Zeit ankomme, sondern auf "quality time", die Intensität, mit der man sie mit den Kindern verbracht habe. Eine miserable Ausrede? Ja, sagen viele Mütter. Meistens geht die Trennung von der Frau aus. Vor Gericht sagen Mütter oft: "Er war ja nie da."

Nach der Scheidung ist er schnell für immer weg. Mindestens ein Drittel der Trennungskinder verliert den Kontakt zum leiblichen Vater. Eine halbe Milliarde Euro strecken öffentliche Kassen an Unterhaltszahlungen pro Jahr vor. Nicht einmal ein Drittel davon können sie eintreiben. In einer Kölner Studie zählten sechs Jahre nach der Trennung 30 Prozent der Kinder den Vater nicht mehr zur Familie.

Vor allem Jungen leiden, wenn der Papa verschwindet. "Das Kind ist Gefühlen von Einsamkeit, Warten, Sehnsucht, Enttäuschung, Ungewissheit und Zweifeln ausgesetzt und kann die Trauer über den abwesenden Vater nie endgültig verarbeiten", schreibt der Psychiater Horst Petri. Selbst vor diesem Vater wollten sich Söhne beweisen. Einer seiner Patienten hatte seinem Vater, den er zehn Jahre nicht gesehen hatte, sein Abiturzeugnis geschickt. Er war Jahrgangsbester der Schule, hoffte auf ein Lob. Bekam aber keine Antwort.

Doch auch Töchtern fehlt der männliche Blick des Vaters manchmal ein ganzes Leben lang. Als Folge sah die französische Psychoanalytikerin Christiane Olivier bei erwachsenen Frauen immer wieder Minderwertigkeitsgefühle, Selbstzweifel und rastlose Partnersuche. Ihr oft zitierter Satz "Ich gefalle, also bin ich", der das Buhlen der Tochter um die Vaterliebe beschreibt, wird am Beispiel Marilyn Monroe in seiner ganzen negativen Konsequenz deutlich. In allen Liebhabern, vor allem in ihrem Ehemann Arthur Miller, forschte die Schauspielerin nach dem fehlenden Vater. Der hatte ihre Mutter verlassen, als sie mit Marilyn schwanger war, verleugnete das Kind. Aufgewachsen in Pflegefamilien, Heimen, bei einer seelisch kranken Mutter und deren Freundinnen, suchte sie ihre Rettung in einer sich scheinbar hingebenden Erotik und verfiel Alkohol, Tabletten, Depressionen.

  Für ihn ist Vaterschaft  auch  Schauspiel. Nach  außen hin legt  er Wert auf die  Familie, gibt den  engagierten  Papa. Er redet  vom großen  Glück, wenn es  um die Kinder  geht. Doch in  Wirklichkeit ist  er überfordert  und zieht sich  zurück. Noch  heute fällt jeder  vierte Vater in  diese Kategorie.  Helmut Kohl  präsentierte  stolz die beiden  Söhne (Foto),  wenn es seinem  Image diente

Für ihn ist Vaterschaft auch Schauspiel. Nach außen hin legt er Wert auf die Familie, gibt den engagierten Papa. Er redet vom großen Glück, wenn es um die Kinder geht. Doch in Wirklichkeit ist er überfordert und zieht sich zurück. Noch heute fällt jeder vierte Vater in diese Kategorie. Helmut Kohl präsentierte stolz die beiden Söhne (Foto), wenn es seinem Image diente

Der Darsteller

Sissi war er ein so wunderbarer Vater. Deshalb liebten alle Gustav Knuth. Kollegen erzählte er in den 50er Jahren mal eine Geschichte. Die Familie des Schauspielers hatte eine Katze, sie wurde überfahren. "Kathi ist tot", sagte die Mutter den Kindern. Sie spielten weiter. Später fragte die Tochter: "Wo ist Kathi?" – "Ich habe euch doch gesagt, sie ist tot." Da weinten die Kinder. "Du hast doch gesagt, Vati ist tot!" Das hatte die Kinder nicht berührt.

Heute würde kaum ein Vater damit eine Partyrunde amüsieren. Der Therapeut Mathias Jung, der diese Anekdote seinem Buch "Rabenvater" voranstellt, befragte 111 Männer über ihre Väter. Er erhielt erschütternde Berichte über die Narben, die lieblose Familienoberhäupter auf der Seele ihrer erwachsenen Kinder hinterlassen hatten.

Noch immer ist Vaterschaft oft Schauspiel. Oder Imagepflege. Jahr für Jahr bewunderte ganz Deutschland die glückliche Kleinfamilie Kohl am Wolfgangsee. Vater Helmut erzählte den geladenen Journalisten im Urlaub Nummer 25, er könne seine Kinder natürlich schnell abschieben, um seine Ruhe zu haben. "Ich kann sie aber auch mal auf eine Wanderung mit in den Wald nehmen und erklären, wie ein Ahorn aussieht oder eine Eiche."

Sohn Walter hat einmal Buch geführt. 35 Termine hatte der Vater in einem Urlaub. Die täglichen Telefonate mit dem Kanzleramt nicht mitgerechnet. Von Ahorn und Eiche steht nichts in seiner Auflistung. Auf den Fotos der Journalisten fühlte der Sohn sich als Statist.

Fassadenväter nennen die Frankfurter Soziologen Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger solche Männer. Sie stellten in ihrer Untersuchung "Neue Väter – andere Kinder?" fest, dass dieser Typ heute in moderner Form noch immer verbreitet ist. Jeder vierte Vater fällt bei ihnen in die Kategorie.

Der Fassadenvater des Jahres 2013 beschreibt die Familie als großes Glück, lehnt in Fragebögen die traditionelle Vaterrolle ab und plädiert für eine egalitäre Aufgabenverteilung in der Partnerschaft. Dieser Typus bereitet sich vor, auch mit Ratgebern wie "Wickelpedia" oder "Papa to go", nimmt häufiger als andere Elternzeit, gibt nach außen den Experten. Und wird dann von den Psychologen bei der Auswertung der Fragebögen dabei ertappt, dass er sich bei der Lösung von Alltagsproblemen völlig überfordert fühlt.

Sein Wille ist stark. Doch schon bei der ersten Windel wird er schwach. Der Image-Papa ist eher ein Mann des Wortes. Er fährt damit erstaunlich gut. Auch wenn er laut Studie die "authentische Beziehung zum Kind" verfehlt, fällt den Frauen das meist gar nicht auf. Viele Mütter wollen gar nicht, dass sich dieser Vater-Experte in die Erziehung einmischt, deshalb sind solche Elternbeziehungen meist stabil.

  Seine Liebe  muss erarbeitet  werden. In der  Schule, auf dem  Sportplatz. Wenn  das Kind Erfolg  hat, ist zu Hause  die Stimmung  gut. Niederlagen  treffen den  Vater schwer –  und belasten die  Beziehung zum  Kind. Auch  Steffi Graf  musste sich die  Vaterliebe auf  dem Tennisplatz  verdienen (Foto)

Seine Liebe muss erarbeitet werden. In der Schule, auf dem Sportplatz. Wenn das Kind Erfolg hat, ist zu Hause die Stimmung gut. Niederlagen treffen den Vater schwer – und belasten die Beziehung zum Kind. Auch Steffi Graf musste sich die Vaterliebe auf dem Tennisplatz verdienen (Foto)

Der Fordernde

André Agassis Vater suchte den kürzesten Weg zum amerikanischen Traum. Der armenisch-iranische Einwanderer trieb seinen Sohn dazu auf den Tennisplatz. "Bei uns zu Hause war die Stimmung davon abhängig, ob ich gewann oder verlor. Entweder haben wir dann alle zusammen gegessen, oder jeder hat für sich gefuttert. Verlieren bedeutete, dass es allen anderen schlecht ging, weil mein Vater eine Niederlage unter keinen Umständen akzeptierte", erzählte er in einem Interview. Agassi genügte, enttäuschte nicht. Der Vater liebte ihn dafür. Heute sagt der Tennisspieler: "Ich wünschte, er hätte mich weniger geliebt." Aber lieben solche Väter wirklich? Können sie sich einfühlen in kindliche Erlebniswelten? Was ist das für Liebe, die man sich als Kind verdienen muss?

Das ewige Fordern: eine Vaterliebe traditioneller Art, wenn auch in übersteigerter Form. Tatsächlich stießen auch die Soziologen Bambey und Gumbinger auf einen heute noch verbreiteten Vatertyp, der Kindern durchaus einen funktionalen Wert zuschreibt. In ihren Fragebögen stimmten solche Männer der Aussage zu, dass Kinder dazu da sind, "Einsamkeit im Alter zu vermeiden". Solche Männer sind nicht untätig. In der Regel verbringen sie die Zeit mit ihren Kindern auf dem Sportplatz oder im Hobbykeller. Die Gefühlswelt überlassen sie der Mutter. André Agassi will seine schlimmen Erfahrungen ins Positive wenden, lässt zusammen mit seiner Frau Steffi Graf, deren Vater ähnlich ehrgeizig war, den Kindern Freiräume. Er hat heute Nachsicht mit seinem überambitionierten Vater, weil er ihn versteht. Und Zuversicht, es anders zu machen.

  Es kann der  Onkel sein, der  Klassenlehrer  oder der neue  Partner der  Mutter – manche  Männer eignen  sich besser  als Vater als  der leibliche.  Sie bauen eine  verlässliche  Bindung auf.  Die Schauspielerin  Marlene  Dietrich  wählte  den Schriftsteller  Ernest  Hemingway zu  ihrem Ersatzvater  (Foto)

Es kann der Onkel sein, der Klassenlehrer oder der neue Partner der Mutter – manche Männer eignen sich besser als Vater als der leibliche. Sie bauen eine verlässliche Bindung auf. Die Schauspielerin Marlene Dietrich wählte den Schriftsteller Ernest Hemingway zu ihrem Ersatzvater (Foto)

Der Wahlvater

Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa war ein glücklicher Junge, er hatte mehrere Väter, den Opa, den Onkel. Bis er zehn Jahre alt war, da meldete sich sein leiblicher Vater. Ein Unterdrücker, wie es damals selbst in Peru nur wenige gab. Schreiben war für ihn "schwul". Dabei hatte der Opa Mario für seine Texte so gelobt.

Und doch, er wäre ohne diesen Despoten wohl nie zu einem der bedeutendsten Schriftsteller Lateinamerikas geworden. Die Negativ- Identifikation mit seinem Vater diente ihm zur Abgrenzung. Er suchte sich eine neue Leitfigur und fand sie in seinem geliebten Onkel Lucho, bei dem er das glücklichste Jahr seines Lebens verbrachte. Der Onkel war ein liebevoller Freigeist.

Es gibt viele Onkel Luchos. Sie können Fußballtrainer sein, Klassenlehrer, der Vater eines Freundes. Nach Trennungen kann es gut der Stiefvater sein. Zwar wirken immer noch evolutionäre Verhaltensprogramme, nach denen ein Vater leibliche Kinder bevorzugt. Aber neuere Untersuchungen zeigen, dass Stiefväter die Verantwortung für das Kind ihrer neuen Partnerin manchmal besser wahrnehmen und verlässlichere Bindungen zu ihm aufbauen, als es die genetischen Erzeuger jemals vermochten. "Diese Ersatzväter sind für viele Kinder eine Rettung", sagt Hantel- Quitmann, "aber der Weg dahin führt psychologisch gesprochen nur über den Vatermord, die innere Aberkennung der Vaterschaft gegenüber dem leiblichen Vater. Und das ist für manche Jungen mehr, als sie ertragen können."

Manche Menschen sind noch als Erwachsene auf der Suche. Einen späten Wahlvater besonderer Art schien Marlene Dietrich in dem virilen Schriftsteller Ernest Hemingway gefunden zu haben, den sie 1934 auf einer Schiffspassage kennengelernt hatte. Das ist der Autorin Helga Levend bei der Lektüre von Dietrichs Memoiren aufgefallen. "Ihn wie viele seiner Freunde ‚Papa' zu nennen, schien mir lächerlich", schrieb die Schauspielerin. "Ich glaube, ich nannte ihn ‚Du'." Und doch sagte Marlene Dietrich, die ihren leiblichen Vater mit zehn Jahren verloren hatte, über diesen Ersatzvater, der nicht viel älter war als sie: "Er lehrte mich alles über das Leben. Ich kannte nur die Mutterliebe." Später nannte sie Hemingway, mit dem sie eine platonische Liebe verband, in vielen Briefen: "Papa".

  Dieser Vatertyp  ist das Ideal,  das viele Männer  heute anstreben.  Sie sehen sich als  gleichwertige  Erzieher. Sie toben  und schmusen  mit den Kindern,  sie ermutigen und  geben Rückhalt.  Die Schauspielerin  Angelina Jolie  inszeniert ihren  Mann Brad Pitt  als solch einen  modernen Papa  (Foto)

Dieser Vatertyp ist das Ideal, das viele Männer heute anstreben. Sie sehen sich als gleichwertige Erzieher. Sie toben und schmusen mit den Kindern, sie ermutigen und geben Rückhalt. Die Schauspielerin Angelina Jolie inszeniert ihren Mann Brad Pitt als solch einen modernen Papa (Foto)

Der Partner

Er war immer gerade, hatte seinen eigenen Kopf, fügte sich auch nicht in die Gewerkschaft. Und er kämpfte immer mit Leidenschaft für die Schwachen. Er war Arbeiter in der Metallindustrie und verstand, dass mit der Grünen-Bewegung etwas Neues begann. Er kämpfte für die Freiheit. Und die schenkte Willi Hoss auch seiner Tochter Nina.

Wer sie kennt, entdeckt in der Schauspielerin die Selbstsicherheit und die Spontaneität ihres Vaters. Einer seiner Grundsätze war: "Du musst immer gut sein, egal was du tust, sonst kannst du dir nichts erlauben." Es ist auch ihr Lebensmotto geworden. Sie sagt in einem Interview: "Er hat mir diesen Enthusiasmus mitgegeben, den man für eine Sache entfachen muss, die einem wichtig ist. Und dass man Durchhaltevermögen haben muss. Und unbeugsam sein."

Mädchen, die von ihren Vätern angespornt werden, so zeigen neue Studien, entwickeln eine positivere Identität. Sie sind später oft sehr erfolgreich. Das sagt Sabine Walper, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut in München. "Väter haben es in der Hand, ihre Töchter zu starken Frauen zu erziehen." Der Vater ist ihr erster Flirt. Seine Anerkennung und Verlässlichkeit zählen besonders. Durch ihn können sich Mädchen als Frau entdecken. Später, sagt Walper, wird der Vater bei der Partnerwahl durchaus eine Rolle spielen. "Starker Rückhalt beim Vater ermöglicht ihnen, sich die Männer entspannt und mit dem nötigen Selbstvertrauen auszusuchen."

Es ist dieser liebende Vater, durch den Mädchen und Jungen den aufrechten Gang lernen. Das ist nicht einfach nur ein schöner Satz, sondern ein Forschungsergebnis des französischen Psychologen Jean Le Camus. Die segensreiche Wirkung des Vaters, so hat er festgestellt, beginnt nicht vor der ersten Klassenarbeit, sondern im Krabbelalter.

Die soziale Einbindung des Kindes erfolgt beim Spaßen und Toben mit dem Vater, setzt sich dann fort im Spiel mit den Gleichaltrigen. Väter ermutigen, trauen mehr zu als die Mütter. Sie reden anders mit den Kindern, benutzen mehr unbekannte Worte. Sie sind, ohne es zu merken, ständige Mutmacher.

Zudem fiel wissenschaftlichen Beobachtern auf, dass Väter die zukünftige Geschlechterrolle mehr prägen als die Mütter. Tatsächlich wissen Kinder mit zwei Jahren genau, ob sie Mädchen oder Jungen sind. Und die männlichen Selbstentdecker orientieren sich am Vater. Er ist es, der sie – altersgerecht – aus der Symbiose mit der Mutter löst.

Unser Brad, der partnerschaftliche Vater, ist nicht nur ein Ideal, das moderne Männer anstreben. Es gibt sogar schon welche, die ihm genügen. Tatsächlich konnten in der Frankfurter Väterstudie heute fast 30 Prozent der jungen Väter dieser Gruppe zugeordnet werden. Sie sehen sich in der Familie als mit der Mutter gleichwertige Erzieher.

Diese Männer übernehmen Aufgaben, die früher als weiblich galten. Fast die Hälfte der Väter kuschelt heute mit ihren Kindern. Unter den sich selbst als modern verstehenden Vätern sind es sogar 70 Prozent.

Ein historischer Umbruch. Selten kommen sie noch, die Sprüche bei den Familienfeiern :"Was gehen den Bock die Lämmer an? Wenn das Weibchen schon beim Stillen ist, kann es auch den Rest machen."

Jetzt weiß man: Nicht nur die Hormone der Mutter bereiten auf die Kinderaufzucht vor, auch beim Vater erzeugen Pheromone der Mutter neuronale Verknüpfungen im Gehirn ihres Partners, die Fürsorglichkeit auslösen, das entdeckte die amerikanische Verhaltensforscherin Toni Ziegler. Bei werdenden Vätern steigt der Spiegel des Hormons Prolaktin an, das bei Frauen den Milcheinschuss anregt. In Vätern weckt es Muttergefühle. Im Kreißsaal fällt der männliche Testosteronspiegel um ein Drittel. Halten die Väter das Baby eine Stunde im Arm, entspannt das die väterliche Hormonlage noch einmal, und das Bedürfnis wächst, das Kind zu bevatern.

Doch oft gewinnt die Anspannung der Arbeitswelt den Kampf gegen die Hormone. Wenn es dann darum geht, die Kinder ins Bett zu bringen, schafft das nur die Hälfte der engagierten Männer. Denn viele arbeiten an ihrer Karriere. Und stehen deshalb immer wieder vor Entscheidungen. Die Arbeit, die Frau, das Kind – so viele Erwartungen. Dazu auch noch die eigenen. Mancher Vater verlässt morgens die Familie mit schlechtem Gewissen. Und nachmittags das Büro mit miesem Gefühl. Ein unbesungener Held: der doppelbelastete Mann.

Das ist der Preis, den Männer dafür zahlen, dass sie zu ihren Kindern emotionale Bande aufbauen, dass sie ihren Teil in der Familie übernehmen wollen – so wie ihn berufstätige Frauen schon lange bezahlen. Aber Psychologen beruhigen: Niemand braucht den perfekten Vater.

Es genügt der gute.

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