Ach, Papa!

9. Mai 2013, 16:08 Uhr

Er herrscht, mahnt, tröstet. Er fordert, ermutigt - oder fehlt. Er setzt die Ansprüche, und in seinen Augen wollen wir bestehen. Unser Vater prägt uns mehr, als uns bewusst sein mag. Eine Typologie. Von Nicolas Büchse und Kuno Kruse

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Vater, Papa, Sohn, Verhältnis, Typologie

Der moderne Vater: Er kümmert sich, kuschelt und erklärt die Welt. Durch seine Zuwendung werden Kinder selbstbewusst und stark

Ausgewaschenes T-Shirt und auf jedem Arm ein Kind. Immer drei Schritte hinter der Mutter auf den High Heels. Das ist das Hochglanzbild vom neuen Vater, erfolgreich und doch stark genug, den Job einmal zurückzustellen. Nennen wir ihn Brad.

Dieser Achill, dieser Überheld, räumt auf mit den alten Vorstellungen von Despoten, Desinteressierten, Wochenendvätern und Oberlehrern. Er scheint endlich zu machen, was die Frauen seit 1968 wollen, was die Psychologen raten. Die moderne Gesellschaft will diesen neuen Vater, braucht ihn, fördert ihn mit Erziehungsmonaten und Elterngeld. Dafür soll er zugewandt und interessiert sein. Nicht abwesend, nicht erdrückend.

Doch Brad muss Spott ertragen. Diese "Kindermädchen-Väter" seien einfach schrecklich! Findet zum Beispiel Karl Lagerfeld. Kein ausgewiesener Familienexperte, aber einer, der zu wissen meint, was jedem Vater blühen wird: "Mit 15 wollen die Kinder ihre Eltern nicht mehr sehen. Kinder sollten nicht die Hauptrolle spielen."

Väter aber spielen im Leben ihrer Kinder eine Hauptrolle. Bis vor Kurzem hieß es noch, vor allem die Mutter sei ausschlaggebend für die Entwicklung des Nachwuchses. Doch neue Studien belegen: Väter sind für ihre Kinder so prägend wie Mütter.

So mancher hat sich in seiner Jugend geschworen, nie so zu werden wie der alte Herr. Um dann festzustellen, dass er als Papa seinen Kindern mit gleicher Mimik, Gestik und in ähnlichem Tonfall gegenübersteht. In jedem Vater steckt ein Vater.

Er bleibt ein Lebensthema. Auch wenn der Vater kein Tyrann ist, sondern ein Freund. Wie hat die Tochter ihn enttäuscht, als sie den falschen Mann heiratete! Wie der Sohn, der statt Jura lieber Ethnologie studierte, um dann einen Friseurladen aufzumachen. Wie soll man ihm überhaupt das Wasser reichen, seinen Ansprüchen genügen? Und wie schafft man es, ihm dankbar zu sein? Jeder Vater hinterlässt ein Erbe in der Persönlichkeit seiner Kinder. Eines, das sich nur schwer ausschlagen lässt. Dies, sagen Psychologen, gelte es zu erkennen und zu akzeptieren. Das wäre ein erster Schritt. Dem Sohn, dem dieser gelinge, falle die eigene Vaterrolle leichter. Die Tochter, die ihren Papa versteht, erkennt später leichter den falschen (oder richtigen) Mann fürs Leben.

Doch wie erkennen wir unseren Vater? Wer war er, was fühlte er? Was hat ihm sein Vater beigebracht? Was hat er weitergereicht? Und was wollen Väter heute weitergeben, welche Rolle haben sie für sich gefunden?

"Es ist eine neue Vätergeneration nachgewachsen", hat der Familienpsychologe Wassilios Fthenakis beobachtet. Inzwischen haben sich zwei Drittel der Väter aus der alten Rolle gelöst, in der der Mann sich vor allem als Ernährer sah. Sie wollen sich Zeit nehmen, beschützen, schmusen und Tränen trocknen. Vatertag ist für sie ein Ausflug mit den Kindern im Bollerwagen, statt mit den Kumpeln auf Sauftour zu gehen. Der neue Vater bricht mit Traditionen.

Und es gibt für ihn nicht nur eine Rolle. Ob das Kind groß ist oder noch klein, Junge oder Mädchen, es gibt viele Vaterrollen. Sie wechseln oft, und fast jeder Vater spielt gleich mehrere. Und dennoch scheinen auch beim modernen Vater die Archetypen durch – alle klassischen Rollen finden sich bis heute.

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Seite 2: Der Patriarch
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Seite 4: Der Darsteller
Seite 5: Der Fordernde
Seite 6: Der Wahlvater
Seite 7: Der Partner
 
 
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