Hör auf den Bauch!

9. Mai 2013, 20:16 Uhr

Ein idealer Vater sein! Tolle Idee. Aber wie geht das - und geht das überhaupt? Autor Christian Ankowitsch über eine kleine, große Frage.

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Wie wird man ein toller Vater? Trotz zahlloser Ratgeber und Checklisten bleibt am Ende nur die Antwort: Darüber entscheiden ganz allein Sie!©

Neulich auf der Couch. Da saßen wir, der Sohn und ich, und lernten miteinander Latein. Während meiner Schulzeit hatte ich das Fach gefürchtet und gehasst, doch mittlerweile empfinde ich eine altersmilde Sympathie dafür, und so machte mir die Sache Spaß. Der Sohn wiederum lümmelte, ordnungsgemäß widerwillig, in den Polstern, ließ sich bitten, murrte zwischendurch ein wenig, wusste das meiste. Eine Standardsituation also: Vater und Sohn im freundschaftlich- pädagogischen Infight.

Doch dann kippte die Situation. Ich fragte ihn nach einer (in meinen Augen) einfachen Vokabel. Der Sohn kannte sie nicht. Ich baute ihm eine Brücke, er betrat sie nicht, schwieg. Er müsste nur ein wenig raten, und schon wäre alles gut! Doch nichts. Ich hob die Stimme, ärgerte mich über ihn, über mich, wurde noch lauter. Der Sohn starrte mich herausfordernd an. Und da geschah’s: Ich brüllte los, und als ich mein bockiges Gegenüber fixierte, sah ich plötzlich nicht mehr meinen Sohn da sitzen, sondern – mich. Mich, wie ich, mir selber ein Rätsel, schwieg und starrte. Und ich verwandelte mich ebenfalls – in meinen Vater. Meinen Vater, der mit mir, dem beharrlich Schweigenden, genauso gebrüllt hatte, wie ich es nun tat.

Wenn es unter den Männern meiner Generation eine stillschweigende Übereinkunft gibt, dann die, es keinesfalls so zu machen wie die eigenen Väter. Und jetzt das!

Wimmelbild meines Lebens

Als ich später das Wimmelbild meines Lebens als Sohn betrachtete, entdeckte ich erst einmal jede Menge Details, die ich tatsächlich von meinem Vater übernommen hatte. Fuhr ich nicht die gleiche Automarke wie er? War ich nicht genauso leicht zu kränken? Erzählte ich den Jungs nicht dieselben Geschichten wie er uns Brüdern? Ja, ja und nochmals ja.

Doch wie das so ist mit biografischen Wimmelbildern: Wenn man sie nur genau genug studiert, erwachen sie zum Leben und beginnen, sich zu widersprechen. Suggerieren sie in manchen Abschnitten, dass man als Sohn eine bloße Kopie seines Vaters sei, lassen sie uns an anderer Stelle glauben, unser Leben als Sohn (oder Tochter, klar!) werde allein durch unseren Willen bestimmt, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. An wieder anderer Stelle bekommen wir schlüssige Belege dafür geliefert, dass unser Leben vorwiegend davon abhängt, was unsere Vorfahren uns vererbt haben, genetisch, materiell.

In diesem Tableau widersprüchlicher, eng miteinander verflochtener Details nach einem allein verantwortlichen Vater zu fahnden, der über das Schicksal seines Sohns bestimmt, erscheint mir rührend naiv. Und verständlich. Denn wer wünschte sich in unserer hochkomplexen Welt nicht, die klar umrissene Figur eines handelnden Subjekts präsentiert zu bekommen, dem man den Erfolg beziehungsweise Untergang seines Kindes ganz allein zurechnen kann?

Wer erzieht wen wie und wann?

Unser Leben erscheint mir ein wenig vielschichtiger. So lässt sich im engen Zusammenleben von Vater und Sohn nicht genau bestimmen, wer wen wie und wann erzieht. Klassischerweise gehen wir ja davon aus, dass die Großen an den Kleinen herummodellieren. Stimmt. Stimmt aber auch nicht. Denn die Sache funktioniert auch umgekehrt: In dem Moment, da wir uns in Väter verwandeln, knüpfen wir eine Beziehung, die existenzieller nicht sein könnte (die Mütter ebenso, was sonst). Von da an wird unser Leben vom Ach und Weh des Kindes mitbestimmt, von dessen Sorgen und Freuden, Krankheiten und Meinungen. Was wiederum bedeutet, dass wir im Blick des Sohns immer uns selbst begegnen, unseren geglückten oder missratenen Erziehungsversuchen. Also uns selbst. Das Resultat dieser engen Wechselbeziehung ist eine emotionale Gemengelage, die ständig zwischen Stolz und Furcht, Sorge und Abgeklärtheit changiert. Ich vermute, dass darin der Grund für das Zögern vieler Menschen zu finden ist, Eltern zu werden. Sie ahnen, wie weitreichend und lebensverändernd diese Entscheidung sein kann.

Wir Väter und Kinder sind aufs Innigste aneinander gebunden, über die Generationen und Zeitebenen hinweg, sodass sich die Frage, wer hier wen formt, nur ansatzweise beantworten lässt. Der eine macht etwas, der andere reagiert. Woraufhin wieder der Erste reagiert, ein Dritter mischt sich ein und so fort.

Dazu gesellen sich unsere Anlagen, mächtige Familienregeln und hartnäckige Selbstbehauptungsstrategien. Welcher unserer pädagogischen Versuche auf welche konkrete Situation trifft, welche Zufälle oder Masterpläne sich wie auswirken – wer könnte das angesichts der Komplexität unserer Biografien und Persönlichkeiten beurteilen? So kann zum Beispiel der jahrelange väterliche Zweifel an den Fähigkeiten des Sohns schwer auf diesem lasten, ihn gleichzeitig aber darin befeuern, es dem alten Herren beweisen zu wollen – und es schließlich tatsächlich zu tun. Fest steht allein: Irgendetwas bewirken wir mit unserem Handeln immer. Fragt sich nur, was? Und lässt sich dieses Was eindeutig bewerten?

An Erkenntnissen herrscht kein Mangel

Dass es bei unserem väterlichen Tun nicht auf dessen Gewichtigkeit ankommen muss, zeigt diese winzige, beiläufige Geschichte, an die sich mein Vater nicht erinnern wird, die aber mein Bild von ihm nachhaltig mitbestimmt. Ich war noch keine zehn Jahre alt, lag oben im Stockbett, schlief. Da wachte ich auf und sah, wie mein Vater, der stets Ferne und Strenge, ins Kinderzimmer schlich und nichts anderes tat, als sein bartstoppeliges Gesicht kurz neben das meine zu legen. Er roch wie immer gut, nach Vater. War er müde? Ratlos? Sentimental? Ich weiß es nicht.

Immer wieder denke ich an dieses innige Bild des neben mir liegenden Vatergesichts, besonders gern dann, wenn es ein wenig schwierig wird zwischen uns. Und nicht nur das: Obwohl mehr als 40 Jahre vergangen sind, spielt dieser Moment bis heute eine wichtige Rolle zwischen meinen Söhnen und mir, erinnert er mich doch daran, dass es die beiläufigen Gesten sein können (nicht müssen!), die Wirkung entfalten. Und weniger die pädagogisch lancierten Interventionen.

Was dann, höre ich Sie fragen? Was lässt sich mit Sicherheit sagen? Einiges, zweifellos. Denn an Erkenntnissen, wie die Bausteine einer halbwegs gelingenden Vater-Kind- Beziehung aussehen, besteht kein Mangel. Sie dürften sie kennen, und wenn nicht, lassen sie sich in vielen Bänden einschlägiger Ratgeber nachlesen. Da steht dann, dass wir etwa den Jungs ein vitales Vorbild als moderner Mann sein sollen, emotional-viril, klar in den Ansagen, mutig darin, sie ihre eigenen Wege gehen zu lassen. Am Abend im Bett das Lesen nicht vergessen, morgens wie abends Zähne putzen, kuscheln, streng und präsent sein.

So ist es. Aber ein wenig ratlos lassen mich diese Checklisten doch zurück. Denn unsere Kinder, unsere Väter, wir selbst – wir sind keine Apparate, die sich bedienen ließen nach Handbüchern. Wann wir Väter wie agieren sollten, lässt sich von hier aus, der Couch, auf der ich nun sitze (der Latein-Couch, ganz richtig), nicht sagen. Darüber entscheiden allein Sie – aufgrund einer der mächtigsten Ressourcen, die Sie haben: Ihrer Intuition. Sie sagt Ihnen, wann was angemessen ist. Und mag es bloß darin bestehen, dass Sie Ihrem Sohn, Ihrer Tochter liebevoll in die Augen sehen. Wer weiß, was aus diesem Blick noch wird?

Christian Ankowitsch

Christian Ankowitsch Der Östereicher ist 53 Jahre alt und arbeitet als multimedialer Publizist. Jüngste Kreation: das Kaffeehaus-Feuilleton mokaconsorten.com. Ankowitsch lebt in Berlin und hat zwei Söhne, die zur Schule gehen. Foto: Picture-Alliance

 
 
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