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Schule allein zu haus

Die Küche als Klassenzimmer, der Garten als Pausenhof und die eigene Mutter als Lehrerin: Das ist Home-Schooling, und es wird in den USA immer beliebter.

Wenn Brandon morgens mal keine Lust hat aufzustehen, bleibt er einfach im Bett. Dann zieht er seinen Pyjama gar nicht erst aus und verlässt auch nicht das Haus. Schule hat der 17-Jährige trotzdem: Zur Frühstunde liegt ein Stapel Mathebücher auf seinem Bett, am Fußende sitzt seine ein Jahr jüngere Schwester Bonnie und daneben, auf einem Stuhl, die Lehrerin: seine Mutter Beverly Briggs.

Homeschooling heißt das, was da bei der Familie Briggs passiert; erlaubt ist es in allen Staaten der USA, und es wird immer beliebter. Weil viele Eltern fürchten, dass ihr Kind an einer öffentlichen Schule zu leicht an Drogen herankommt oder unter Mobbing leiden könnte, unterrichten sie ihre Kinder lieber selbst. Schon fast zwei Millionen Schüler gehen zum Unterricht nicht mehr aus dem Haus.

Bei den Briggs sind in der kleinen Küche die Regale voll gestopft mit Büchern: Shakespeare liegt auf Jane Austen, die Algebra-Bücher stehen neben der französischen Grammatik. Über den Kochtöpfen hängt ein Astronomieposter an der Wand. Und während Bonnie eine Orange schält und Mutter Beverly sich Kaffee eingießt, hält Brandon einen Vortrag über die philosophischen Ideen Machiavellis.

Das klingt nach einem lauen Leben, nach wenig Arbeit und noch weniger Stress - doch das ist ein großer Irrtum. Zwar gibt es bei den Briggs nur selten Hausaufgaben. Mit Mathebuch oder Gedichtband aber müssen sich die Geschwister herumplagen wie jeder andere Schüler. Auch für den Unterricht zu Hause gibt es verbindliche Bücher und Lehrpläne, die sicherstellen, dass jeder »Besucher« einer Homeschool genug lernt. »Ich finde Schule eher schwieriger, wenn deine Mutter auch deine Lehrerin ist«, sagt Brandon. »Sie erwartet viel mehr als ein ,normaler' Lehrer. Und die eigene Mutter will man ja nicht enttäuschen«.

Damit die Geschwister noch etwas vom Tag haben, fängt bei den Briggs die Schule früh an, sehr früh sogar: um vier Uhr morgens. »Gerade am Anfang war unser Alltag strukturiert wie ein normaler Schultag: eine Stunde Mathe, eine Stunde Englisch, eine Stunde Geschichte«, erzählt Bonnie. »Und jedes Mal, wenn wir eine Klasse abgeschlossen hatten, hat uns unsere Mutter in die örtliche Schule geschleift, und wir wurden getestet.« Jedes Mal mit herausragendem Ergebnis.

Den High-school-Abschluss hat Bonnie mit 14 Jahren gemacht und Brandon mit 15. Mittlerweile teilen sich beide ihr Wochenpensum meist selbst ein und bereiten sich aufs College vor, auf das sie Ende des Jahres wechseln wollen. Dort sind sie dann immer noch jünger als der Durchschnitt, doch das ist nicht ungewöhnlich bei Kindern, die ausschließlich zu Hause lernen - und auch nicht verwunderlich: Wer bekommt in der Schule schon so viel Aufmerksamkeit wie Brandon und Bonnie? Zudem kontrolliert die Lehrerin Beverly sehr genau. »Hoffen, dass ein anderer drankommt, funktioniert eben nicht«, weiß Brandon. Ist der Stoff einmal schwierig, wiederholen ihn die Geschwister, bis sie ihn verstanden haben. Fällt ihnen ein Thema leicht, geht es schnell weiter zum nächsten.

Während Bonnie und Brandon in der Küche über Bibelverse diskutieren, erklingt im Hintergrund Beethoven. »Wisst ihr, warum er dieses Stück geschrieben hat?«, fragt Mutter Beverly unvermittelt und möchte dann auch noch etwas über die Person des Komponisten wissen. Später, zu Mathe, wünscht sich Brandon eine CD von Pearl Jam, und bei der Diskussion über die erste Verfassung Amerikas wippen die Geschwister zu Tschaikowsky im Takt.

Weil aber auch Beverly Briggs nicht alles weiß, hat sie sich mit anderen Eltern zusammengeschlossen. Gemeinsam organisieren sie Ausflüge, planen Projekte oder heuern Fachleute an. »Einmal«, erzählt Brandon, »haben wir sogar bei einer Knieoperation zugesehen.« Die Mutter sorgt dafür, dass Bonnie und Brandon auch nach dem Unterricht am Vormittag noch weiterlernen. »Ich finde, die Kinder müssen raus in die Welt, um dort möglichst viel zu erleben.« Also verbringen die Geschwister mal einen Tag auf der Post, sehen dem Apotheker bei der Arbeit zu oder jobben nebenbei. Ihre Tage sind genauso vollgestopft wie bei ihren Altersgenossen - vielleicht sogar noch voller: Schließlich haben sie mehr Zeit als andere.

Zahlreiche Pokale im Wohnzimmer zeugen davon, wie sehr beide asiatische Kampfkunst schätzen. Bonnie kümmert sich zudem um verletzte Jungvögel, sammelt Münzen und hat ein eigenes Pferd. Sie sagt: »Wenn ich meinen Freunden erzähle, dass mein Sportunterricht das Reiten ist, werden sie immer ganz neidisch.« Brandon schreibt gern, schwärmt für Autos und Mädchen. Beide verbringen viel Zeit mit ihren Freunden. Eigentlich also sind Bonnie und Brandon zwei ganz normale Teenager.

Bonnie hat schon eine ziemlich genaue Vorstellung, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Sie begeistert sich für Mathe und träumt von einer Karriere als Nuklearphysikerin. Brandon will später mal Schauspieler werden oder FBI-Agent oder Schriftsteller. Beide haben allerdings noch nie eine Schulparty besucht oder mit einem Football- oder Basketballteam gegen das einer anderen Schule gekämpft. Fühlen sie sich nicht manchmal als Außenseiter? »Es ist mir egal, was andere über mich denken«, sagt Bonnie. »Meine Freunde müssen mich so akzeptieren, wie ich bin - auch wenn ich mal eine neue Pop-Gruppe nicht kenne.«

Während Bonnie ihr Thesenpapier zur ersten Verfassung der USA vorliest, steht ihre Mutter hinter Brandon und massiert ihm die Schultern. Immer wieder fragt sie nach, unterbricht und gibt neue Anregungen. Spätestens, wenn alle drei in die Diskussion vertieft sind, verschwinden die Grenzen zwischen Lehrerin und Schülern, zwischen Mutter und Kindern. »Unsere Freunde wünschen sich oft, ihre Eltern hätten auch so viel Zeit«, sagt Bonnie.

Besonders neidisch sind die aber, dass Bonnie und Brandon einfach überall lernen können. Statt muffiger Klassenräume gibt es für sie Schule auf der Couch, beim Mexikaner oder mitten im Wald. Denn wenn morgens die Sonne richtig scheint, wird bei den Briggs der Unterricht verlegt. Statt auf der Bettdecke gibt es dann Mathe auf dem Moosbett.

Nicole Jankowski, 24, studiert in Dortmund Journalistik und wünscht sich, die Uni wäre öfters so abwechslungsreich wie die Schule bei den Briggs

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