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Kurzes Comeback der Konsumlust?

Im Windschatten der Verteuerung von Milch, Butter und Bier wurden nun für Käse und Quark kräftige Preissprünge angekündigt. Das Marktforschungsinstitut GfK sieht wachsende Kaufunlust bei den Deutschen. stern.de hat sich umgehört.

Von Markus Wanzeck

Claus Meyer redet sich in Rage. Eigentlich, sagt er, habe er immer gern und viel Käse gegessen. Aber die Ankündigungen für Preisaufschläge bei Milchprodukten verleiden ihm den Appetit: "Ich guck' jetzt mehr nach den Preisen", sagt er. Wenn er sehen sollte, dass sein Lieblingskäse viel teurer geworden ist, "dann lass' ich ihn liegen". Das ist seine Form des Protests. Besonders wütend machen ihn die versteckten Preiserhöhungen, bei denen stillschweigend der Packungsinhalt reduziert wird. "Das ist Beschiss!", sagt der 34-jährige Automechaniker, als er den Penny-Markt in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs verlässt.

GfK: "Preiserhöhungsdebatte schadet dem Konsumklima!"

Doch der aufgebrachte Käsekonsument Claus Meyer gehört mit seiner radikalen Boykottdrohung zu einer Minderheit. stern.de hat sich vor den Supermärkten in Hamburg umgehört - und Erstaunliches festgestellt: Die meisten Verbraucher lassen sich ihre Einkaufslaune durch die Preiserhöhungen offenbar nicht vermiesen. Allen GfK-Unkenrufen zum Trotz. Das Marktforschungsinstitut hat gerade eine Einschätzung zur Verbraucherstimmung in Deutschland veröffentlicht. Dort heißt es: "Die deutlichen Preissteigerungen bei Milch- und Brotprodukten betrachten immer mehr Verbraucher als Gefahr für ihre Kaufkraft."

Das Konsumklima in Deutschland hat sich laut GfK im August erstmals seit einem halben Jahr spürbar verschlechtert. Um den Deutschen die Kauflust nicht nachhaltig zu verleiden, müsste Schluss sein mit den ständigen Milchpreis-Diskussionen, rät die GfK. Diese Woche erst hatte der Milchindustrieverband Anhebungen der Molkereipreise für Käse und Quark von über 50 Prozent angekündigt. Eine weitere Preisschockmeldung, die die Verbraucher endgültig in den Hungerstreik treiben wird?

stern.de-Umfrage: "Geiz ist geil!" war gestern

Die stern.de-Straßenumfrage zeichnet ein anderes Bild. Fast alle Befragten zeigen sich gelassen und bewerten den Preisanstieg - unter bestimmten Vorzeichen - sogar positiv. Knausernde Konsumenten? Billig um jeden Preis? Fehlanzeige. "Geiz ist geil!" war gestern.

"Was Lebensmittel angeht, sind wir von der Wirtschaft doch gut behandelt worden in den letzten Jahrzehnten", sagt Hans-Joachim Stern. Er ist Hartz-IV-Empfänger. Trotzdem findet er: "Das Essen is' günstig genug." Das sieht Katerina Bourquinova ähnlich. Teurere Milchprodukte würden ihr Kaufverhalten kaum ändern: "Geld spare ich woanders ein. Essen - das gönn' ich mir." Die 26-Jährige studiert in Zürich und ist von ihren Einkäufen in der Schweiz ohnehin höhere Supermarktrechnungen gewohnt.

"Die Landwirte krabsen am untersten Rand herum"

Der Deutsche Bauernverband (DBV) wird nicht müde zu betonen, dass Lebensmittel hierzulande günstiger seien als in den meisten anderen EU-Mitgliedstaaten. Der Anteil von Essen und alkoholfreien Getränken betrage lediglich 11,3 Prozent an den gesamten Ausgaben der Verbraucher - und werde damit nur noch von den Niederlanden unterboten. Der DBV wird sicherlich gerne hören, was Nelia Kiss im stern.de-Interview sagt: "Die Lebensmittel sind viel zu billig in Deutschland." Die 50-Jährige kauft zwar gern mal bei Discountern ein - trotzdem will sie, dass die Bauern besser verdienen. "Die arbeiten so viel", sagt sie und setzt ihren verständnisvollsten Blick auf.

Überhaupt ist der Grundtenor fast aller von stern.de Befragten, ob vor dem Edeka Schlemmermarkt in der Innenstadt oder vor dem Lebensmitteldiscounter: Solange die Preiserhöhungen tatsächlich den Bauern zugute kommen, sind sie kein großes Problem. So fordert etwa der Lehrer Erich Güll, der für ein paar Tage aus Berchtesgaden nach Hamburg gekommen ist: "Nahrungsmittel müssten teurer werden, weil die Landwirte am untersten Rand herumkrebsen." Und auch die Verwaltungsangestellte Bärbel Schliestedt zahlt gern etwas mehr, "solange das Geld nicht irgendwo im Handel verschwindet".

Wie viel von den Preisaufschlägen kommt beim Bauern an?

Ob sich diese Hoffnung erfüllt, ist fraglich. Denn laut dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) kam von den bisherigen Preiserhöhungen noch nichts bei den Milcherzeugern an. Nötig hätten sie es. Bei einem Supermarktpreis von 70 Cent pro Liter Milch bekommen die Landwirte davon nur etwa 27 Cent. Großhandel und weiterverarbeitende Industrie drücken die Einkaufspreise gegenüber den Milchproduzenten.

Die Verbraucher haben ein Auge darauf, ob der Handel sie mit vorgeschobenen Argumenten abzocken will. Und manche nehmen schon einmal Alternativen zu den liebgewonnenen Milchprodukten in den Blick. Linda Chalupova etwa, Studentin der Ernährungswissenschaft. Sie ist vor einiger Zeit von Kuh- auf Sojamilch umgestiegen. Den Preiserhöhungen bei Milch, Butter und Käse kann sie etwas Positives abgewinnen: "Ich freue mich darüber - weil ich dadurch erst Sojaprodukte kennengelernt habe." Die, sagt sie, seien sowieso gesünder.

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