Kurzes Comeback der Konsumlust?

30. August 2007, 13:54 Uhr

Im Windschatten der Verteuerung von Milch, Butter und Bier wurden nun für Käse und Quark kräftige Preissprünge angekündigt. Das Marktforschungsinstitut GfK sieht wachsende Kaufunlust bei den Deutschen. stern.de hat sich umgehört. Von Markus Wanzeck

Milchprodukte sollen teurer werden: Viele Verbraucher zeigen Verständnis - falls das Geld bei den Landwirten landet©

Claus Meyer redet sich in Rage. Eigentlich, sagt er, habe er immer gern und viel Käse gegessen. Aber die Ankündigungen für Preisaufschläge bei Milchprodukten verleiden ihm den Appetit: "Ich guck' jetzt mehr nach den Preisen", sagt er. Wenn er sehen sollte, dass sein Lieblingskäse viel teurer geworden ist, "dann lass' ich ihn liegen". Das ist seine Form des Protests. Besonders wütend machen ihn die versteckten Preiserhöhungen, bei denen stillschweigend der Packungsinhalt reduziert wird. "Das ist Beschiss!", sagt der 34-jährige Automechaniker, als er den Penny-Markt in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs verlässt.

GfK: "Preiserhöhungsdebatte schadet dem Konsumklima!"

Doch der aufgebrachte Käsekonsument Claus Meyer gehört mit seiner radikalen Boykottdrohung zu einer Minderheit. stern.de hat sich vor den Supermärkten in Hamburg umgehört - und Erstaunliches festgestellt: Die meisten Verbraucher lassen sich ihre Einkaufslaune durch die Preiserhöhungen offenbar nicht vermiesen. Allen GfK-Unkenrufen zum Trotz. Das Marktforschungsinstitut hat gerade eine Einschätzung zur Verbraucherstimmung in Deutschland veröffentlicht. Dort heißt es: "Die deutlichen Preissteigerungen bei Milch- und Brotprodukten betrachten immer mehr Verbraucher als Gefahr für ihre Kaufkraft."

Das Konsumklima in Deutschland hat sich laut GfK im August erstmals seit einem halben Jahr spürbar verschlechtert. Um den Deutschen die Kauflust nicht nachhaltig zu verleiden, müsste Schluss sein mit den ständigen Milchpreis-Diskussionen, rät die GfK. Diese Woche erst hatte der Milchindustrieverband Anhebungen der Molkereipreise für Käse und Quark von über 50 Prozent angekündigt. Eine weitere Preisschockmeldung, die die Verbraucher endgültig in den Hungerstreik treiben wird?

stern.de-Umfrage: "Geiz ist geil!" war gestern

Die stern.de-Straßenumfrage zeichnet ein anderes Bild. Fast alle Befragten zeigen sich gelassen und bewerten den Preisanstieg - unter bestimmten Vorzeichen - sogar positiv. Knausernde Konsumenten? Billig um jeden Preis? Fehlanzeige. "Geiz ist geil!" war gestern.

"Was Lebensmittel angeht, sind wir von der Wirtschaft doch gut behandelt worden in den letzten Jahrzehnten", sagt Hans-Joachim Stern. Er ist Hartz-IV-Empfänger. Trotzdem findet er: "Das Essen is' günstig genug." Das sieht Katerina Bourquinova ähnlich. Teurere Milchprodukte würden ihr Kaufverhalten kaum ändern: "Geld spare ich woanders ein. Essen - das gönn' ich mir." Die 26-Jährige studiert in Zürich und ist von ihren Einkäufen in der Schweiz ohnehin höhere Supermarktrechnungen gewohnt.

"Die Landwirte krabsen am untersten Rand herum"

Der Deutsche Bauernverband (DBV) wird nicht müde zu betonen, dass Lebensmittel hierzulande günstiger seien als in den meisten anderen EU-Mitgliedstaaten. Der Anteil von Essen und alkoholfreien Getränken betrage lediglich 11,3 Prozent an den gesamten Ausgaben der Verbraucher - und werde damit nur noch von den Niederlanden unterboten. Der DBV wird sicherlich gerne hören, was Nelia Kiss im stern.de-Interview sagt: "Die Lebensmittel sind viel zu billig in Deutschland." Die 50-Jährige kauft zwar gern mal bei Discountern ein - trotzdem will sie, dass die Bauern besser verdienen. "Die arbeiten so viel", sagt sie und setzt ihren verständnisvollsten Blick auf.

Überhaupt ist der Grundtenor fast aller von stern.de Befragten, ob vor dem Edeka Schlemmermarkt in der Innenstadt oder vor dem Lebensmitteldiscounter: Solange die Preiserhöhungen tatsächlich den Bauern zugute kommen, sind sie kein großes Problem. So fordert etwa der Lehrer Erich Güll, der für ein paar Tage aus Berchtesgaden nach Hamburg gekommen ist: "Nahrungsmittel müssten teurer werden, weil die Landwirte am untersten Rand herumkrebsen." Und auch die Verwaltungsangestellte Bärbel Schliestedt zahlt gern etwas mehr, "solange das Geld nicht irgendwo im Handel verschwindet".

Wie viel von den Preisaufschlägen kommt beim Bauern an?

Ob sich diese Hoffnung erfüllt, ist fraglich. Denn laut dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) kam von den bisherigen Preiserhöhungen noch nichts bei den Milcherzeugern an. Nötig hätten sie es. Bei einem Supermarktpreis von 70 Cent pro Liter Milch bekommen die Landwirte davon nur etwa 27 Cent. Großhandel und weiterverarbeitende Industrie drücken die Einkaufspreise gegenüber den Milchproduzenten.

Die Verbraucher haben ein Auge darauf, ob der Handel sie mit vorgeschobenen Argumenten abzocken will. Und manche nehmen schon einmal Alternativen zu den liebgewonnenen Milchprodukten in den Blick. Linda Chalupova etwa, Studentin der Ernährungswissenschaft. Sie ist vor einiger Zeit von Kuh- auf Sojamilch umgestiegen. Den Preiserhöhungen bei Milch, Butter und Käse kann sie etwas Positives abgewinnen: "Ich freue mich darüber - weil ich dadurch erst Sojaprodukte kennengelernt habe." Die, sagt sie, seien sowieso gesünder.

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KOMMENTARE (6 von 6)
 
provocateur (31.08.2007, 13:45 Uhr)
Dann geh´ ich eben klauen...
Sollte es tatsächlich so weit kommen, dass wir uns das tägliche Brot nicht mehr leisten können, mit "uns" sind dabei u.A. die Hartz-IV Empfänger aber auch die Kleinrentner gemeint, dann bleibt nur eins: Nicht mehr einkaufen, sondern EINKLAUFEN: In ein paar baggy pants passt ´ne Menge rein! Denn wie lautet der alte Merksatz der Bourgeoisie: Uns geht´s doch gut, hungern braucht hier (in Deutschland) doch keiner! Genau!
atticus (31.08.2007, 09:40 Uhr)
Ich sehe es genauso
wie der letzte Kommentator im Video. Ich denke niemand missgönnt den Bauern 3 bis 4 Ct mehr Ertrag pro Liter. Warum dann im Supermarkt aber auf einmal 20 oder 30 ct draus werden, muss mir nochmal jemand erklären. Ach ja, ich vergass, DIE CHINESEN... Lächerlich.
mupfeline (31.08.2007, 06:27 Uhr)
WAs kennt der Verfasser dieser Zeilen
bloß für Leute? Egal mit wem ich mich unterhalte, alle haben die Schnauze voll. Beispiel: Gestern Supermarkt: Ein Pärchen vor mir an der Kasse. Kaufte für 46 Euro ein. Lange Blicke und die zaghafte Frage an die Verkäufering: "Haben Sie sich womöglich ...?" Die Verkäuferin: "Nein, aber wir können gerne den Kassenzettel kontrollieren." Er, der Zettel war natürlich in Ordnung. Die Verkäuferin danach: "Sie sind nicht die Einzigen, was glauben Sie wieviele Menschen erstaunt in den Korb schauen und dann fragen ob da auch kein Tippfehler dabei ist ..."!
Wie gesagt, ich kenne niemanden (aber wahrscheinlich kenne ich nur die falschen Leute) der für die ständigen Preiserhöhungen auf allen Gebieten (Wohlgemerkt) noch Verständnis hat ...! Wir müssen wohl doch in zwei verschiedenen Welten leben ...
Justizius (31.08.2007, 00:33 Uhr)
Hätte, wenn und aber....
Wie kann man vom "Comeback der Konsumlust" sprechen, wenn die Preisehöhungen noch nicht beim Verbraucher angekommen sind? Warten wir erst einmal ab, bis die Preiserhöhungen voll durchschlagen und der Verbraucher es so richtig zu spüren bekommt. Danach können wir ruhig über ein "Comback der Konsumlust" reden - falls es noch ein Comeback gibt.
gmathol (30.08.2007, 23:50 Uhr)
Wertschoepfung nennt man das.
Leider bleibt der groesste Teil in den Haenden des Handels.
Die Bauern koennten allerdings in einigen Gebieten durch Zusammenschluesse und Schaffung von eigenen Laeden oder Maerkten den Lebensmittelhandel hier zurueckdraengen.
@PPSS: Mag ja sein das einige Leute wohlbeleibt sind, aber auf 7,4 Millionen Hartz IV Empfaenger trifft das nicht zu. Deutschland ist uebrigens nicht die fetteste Nation nach den USA.
PPSS (30.08.2007, 19:17 Uhr)
Argumentationsfehler
Es ist ja "recht und billig", dass die Bauern mehr Geld wollen und brauchen, aber es stellen sich folgende Fragen:
1.) Bauern:
Warum bekommen die Bauern bei einer Milchpreiserhöhung von über 20 ct weniger als die 4 ct, die sie als erhöhung haben wollen (und brauchen)
2.) EU-Vergleich:
Warum sollen wir für den gleichen Dreck (siehe Gammelfleich) mehr zahlen. Die gleichen Verpackungen mit dem selben Inhalt zu verteuern ist nicht die Lösung für die vorgebliche oder reale schlechte Ernährung der Deutschen.
3.) Solange jemand behaupten oder unterstellen darf, dass seine Kinderernährung (ich meine -chnitten, -oops, -nguis, -werge, etc.) gesund sei, weil sie kein Fett (dafür Zucker), nur "natürlichen Fruchtzucker" (also Kohlehydrate ohne ende, Zucker ist Zucker, egal wo er herkommt) Gesund sei, wird das sowieso nichts mehr.
Wir sind nicht umsonst (noch) nach der USA die Anwärter auf den Titel der Fettesten (sorry, ich meinte natürlich adipösesten; wie konnte ich nur so grob sein;-) Nation des Planeten.
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Nicht immer läuft mit Kindern alles so, wie man es sich idealerweise vorstellt. stern.de-Redakteure gestehen ihre Erziehungsschwächen.