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Zu wissen, woher man kommt, macht stark

Ihr Leben lang fragen sich Findelkinder, warum man sie aussetzte. Eine psychologische Beraterin erklärt, warum die Suche nach den eigenen Wurzeln wichtig ist und was helfen kann, zur Ruhe zu kommen.

Die eigenen Wurzeln zu kennen, gibt Halt und Schutz

Die eigenen Wurzeln zu kennen, gibt Halt und Schutz

Frau Schäfer, wie haben Sie die Findelkinder erlebt, die sie begleitet haben?
Sie pendeln zwischen Gefühlen wie Schmerz, Scham, Wut, Trauer. Sie übernehmen vielleicht das schlechte Gewissen der Mutter, fragen sich ständig, warum sie ausgesetzt wurden und sagen sich dann, um sich zu beruhigen: Och, eigentlich interessiert es mich doch gar nicht. Eine Kleinigkeit kann sie aber schnell wieder zurückreißen. Es muss nur ein kurzer Satz eines Bekannten sein: Wie, du bist adoptiert? Erzähl' doch mal. Schon sind sie wieder mittendrin. Findelkinder sind Ewigsuchende.

Welche Frage quält Findelkinder am meisten?
Die auf einem gewöhnlichen Weg Adoptierten fragen sich: Wo sind meine Wurzeln, wem sehe ich ähnlich? Wieso konnte ich nicht bei den leiblichen Eltern aufwachsen? Für die Ausgesetzten ist das nicht das Wichtigste, sie wollen wissen: Warum? Warum gab es keine andere Möglichkeit? Was hat sie oder ihn gezwungen, mich auszusetzen? Und dann erst: Wer ist das, der mich aussetzte? Findelkinder haben keinen Ansatz für die Aktensuche, meist kennen sie nicht mal die Leute, die sie fanden. Sie sind wurzellos, suchen nach etwas, an dem sie sich festhalten können.

Können Adoptiveltern das ersetzen?
Ein Satz, den ich von Adoptiveltern immer wieder höre, ist: Es ist nie genug. Immer fehlt etwas. Wenngleich sie es schaffen, dem Kind Nähe, Liebe, Geborgenheit und ein neues Zuhause zu geben - die innere Sicherheit müssen sich Findelkinder selbst erarbeiten. Sie müssen lernen, dass sie einer Beziehung trauen können. Viele haben aber ein Leben lang Bindungsangst und Schwierigkeiten, Beziehungen einzugehen und Nähe zuzulassen: mit dem Partner, Freunden, dem Chef und Kollegen. Sie haben stets das Gefühl, sich neu beweisen zu müssen, sind unsicher. Manchmal sorgt dafür schon ein Blick in den Spiegel: Wieso sehe ich so aus wie ich aussehe?

Warum ist das so wichtig?
Es klingt wie eine Banalität, aber es geht um Identität. Woher habe ich die schwarzen Haare, die kleine Nase? So etwas zu wissen stärkt. Findelkinder bekommen meist keine Antworten und bleiben auf der Suche. Ich habe oft erlebt, wie Adoptierte, die auf ihre leibliche Mutter trafen, entspannter und sicherer wurden, sich zurücklehnten, nur weil sie sahen: Da gibt es eine Ähnlichkeit, da ist etwas, mit dem ich mich identifizieren kann.

Was bedeutet es eigentlich, ewig auf der Suche zu sein?
Ich gebe mal ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine meiner Klientinnen wurde als Säugling vor einem Heim in Korea ausgesetzt und nach Deutschland adoptiert. Als Erwachsene fuhr sie nach Korea, um mehr herauszufinden, über sich, ihre Herkunft. Sie fand das Heim, aber sonst nichts. Sie wurde von einem Koreaner schwanger, kam zurück nach Deutschland und sagte zu mir: Jetzt habe ich endlich was Eigenes. Ich erschrak bei dem Satz. Aber dieser Satz zeigt die Suche, die Sehnsucht nach Nähe, Zugehörigkeit, Identität.

Kann sich das ändern, wenn man selbst Kinder bekommt?
Aus meiner Erfahrung ist das für viele ein Zeitpunkt, an dem sich die Kiste wieder öffnet, die eigentlich schon verschlossen war. Alle Fragen stellen sich erneut, aber auf andere Weise: Wo komme ich her? Wie vermittele ich meinem Kind, dass ich gefunden wurde? Wird es überhaupt so aussehen wie ich? Vielleicht hat es ja auch mehr Ähnlichkeit mit seinen Großeltern.

Was kann Findelkindern helfen, zur Ruhe zu kommen?
Ich möchte an leibliche Eltern appellieren, sich zu melden und zu erzählen, was geschah. Findelkinder brauchen Antworten, um aus dieser Dunkelheit und Identitätssuche herauszukommen.

Ein paar Antworten - das reicht?
Es hilft, ja. Eine Klientin, die begann, ihre Geschichte aufzuarbeiten und Informationen über ihre leibliche Mutter bekam, wurde von ihren Freundinnen sofort gefragt: Was ist mit dir? Du bist so locker geworden. Bist du verliebt? Und noch ein anderes Beispiel: Ein Mann, der bei Adoptiveltern aufwuchs, traf seine leibliche Mutter. Sie nahm sich Zeit, um Fragen zu beantworten, aber es war klar: Danach gibt es keinen Kontakt, das wollte sie nicht. Er respektierte diesen Wunsch, allein das Wissen, das er bekam, das Wissen um seine Geschichte, gab ihm Kraft.

Wie bringen Sie Adoptierte und leibliche Eltern zusammen?
Ich rede zunächst mit jedem einzeln und bereite sie nach und nach aufeinander vor: Erzähle vielleicht, was sie beruflich machen, zeige schon mal ein Foto. Das ist ein langer Prozess, bei dem die beiden anonym bleiben und sich wieder zurückziehen können. Wenn sie aber bereit sind, treffen sie sich bei mir. Im gemeinsamen Gespräch versuche ich, die drängendsten Fragen zu stellen, denn: Es kann immer eine einmalige Begegnung sein.

Und dann?
Dann ist es wichtig abzuschließen. Das ist auch wichtig für die, die nie etwas erfahren. Man muss loslassen, sich lösen von der Rolle des Suchenden und Wartenden. Das ist ein innerer Prozess, aber ein äußeres Ritual kann helfen, sich zu verabschieden. Eine meiner Klientinnen war Tänzerin. Als sie wusste, dass sich ihre leibliche Mutter nicht auf ein Treffen einlässt, machte sie einen Abschiedstanz.

Interview: Sonja Hartwig
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