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Warum Rabenmütter keine Rabenmütter sind

Die australische Krabbenspinne, Mondfisch-Muttis und weibliche Störche haben eines gemeinsam: Sie sind kuriose Mütter, im positiven wie im negativen Sinne. Zum Muttertag klären wir, ob die Rabenmutter ihren schlechten Ruf wirklich verdient hat.

Rabenmutter füttert ihre Jungen

Hat ihren schlechten Ruf nicht verdient: die Rabenmutter.

"Meine Mama ist die Beste!" - Da sind wir uns ja wohl alle einig. Alle Jahre wieder verschicken wir Blumen, backen Kuchen, verschenken Wellness-Gutscheine oder - die Jüngsten - basteln mit Liebe ein weiteres Windlicht, das unauffällig im Kellerschrank verschwindet. kümmern sich schließlich von Geburt an aufopferungsvoll um uns. Seien wir froh, dass wir nicht als Kuckucke zur Welt gekommen sind.

Der Radiosender Deutschlandfunk Nova hat mit Biologe Dr. Mario Ludwig über die Mutterqualitäten verschiedener Tierarten gesprochen. Das Interview lieferte teils skurrile Erkenntnisse.

Zunächst einmal kommt es darauf an, um wie viele Junge ein Tier sich kümmern muss. Während sich menschliche Mütter meistens auf ein einziges konzentrieren können, legt ein weiblicher Mondfisch rund 300 Millionen Eier gleichzeitig - und "schert sich einen Dreck um das Wohlergehen ihres eigenen Nachwuchses", weiß der Tierexperte. Ihr reicht es, wenn ein paar der Eier überleben und zum ausgewachsenen Fisch werden. Ganz anders sieht das meistens bei Tieren aus, die nur wenige Babies zur Welt bringen.

"Komm, wir fressen Mami!"

Kuriose Mutterliebe ist bei der australischen Krabbenspinne, auch Diaea ergandros genannt, zu beobachten. "Die opfert ihr Leben zum Wohl ihrer Kinder", sagt Ludwig. Und das meint er wörtlich. Sie beschützt ihre Kinder nicht nur vor Feinden und tötet Parasiten - das Verhalten der Krabbenspinnen-Mutter ist noch wesentlich aufopferungsvoller: Sie lässt sich von ihren Kindern auffressen. 

Die alleinerziehende Mutter geht neben der Betreuung ihrer Brut auch noch den ganzen Sommer über auf die Jagd. Sie versorgt ihren hungrigen Nachwuchs und frisst sich selbst extra fett. Nicht etwa, weil der Appetit nach Insekten so groß ist, sondern damit sie ihren Jungen im Winter als lebender Kühlschrank dienen kann. Wenn es kalt wird und die Nahrung knapp, saugen die lieben Kleinen ihre Mama Stück für Stück aus, bis sie stirbt. Sehr niedlich. Damit hat sich die Krabbenspinne den Titel der besten Mutter des Tierreichs verdient, findet Ludwig: "Sich von den eigenen Kindern auffressen lassen - mehr Mutterliebe geht ja wohl nicht." Das Spektakel dient übrigens der Arterhaltung. Könnten die Babies nicht von ihrer Mutter naschen, würden sie sich gegenseitig verspeisen. 

Storchenmütter sind die wahren Rabenmütter

Und nun zur Rabenmutter. Der Begriff wird in der Gesellschaft bekanntlich als Metapher für eine besonders schlechte Mutter missbraucht. Eine Mutter, die ihren Nachwuchs vernachlässigt. Diese Annahme beruht auf Beobachtungen von Raben-Babies, die ihr Nest schon sehr früh verlassen, bevor sie fliegen können. "Früher hat man geglaubt, die seien von ihren Müttern im Stich gelassen worden, oder vielleicht sogar aus dem Nest geworfen worden", erklärt Ludwig im . Das stimme aber gar nicht, denn auch wenn die Jungen - freiwillig - schon sehr früh selbstständig werden, versorgt die Rabenmutter sie weiterhin mit Nahrung und beschützt sie vor Fressfeinden, bis sie fliegen können. Den schlechten Ruf haben sie laut Ludwig also nicht verdient: "Rabenmütter sind gute Mütter."

Eine andere Metapher, die jedoch wirklich auf Tatsachen beruht, ist die des Kuckuckkindes. Kuckuckweibchen sind nämlich derart faul, dass sie ihre Eier in die Nester von fremden Vögeln anderer Arten legen, um sie von denen ausbrüten zu lassen. Auch die Aufzucht überlassen sie lieber fremden Vögeln. So einfach kann es sein.

Kaum zu toppen, im negativen Sinne, ist aber das Verhalten mancher Störche. Die werfen das schwächste Küken oftmals aus dem Nest oder fressen es sogar auf. Warum das so ist, kann auch Biologe Ludwig nicht erklären. Die Wissenschaft stehe vor einem Rätsel.

Am Ende hat (fast) alles einen Sinn

Aber es gibt natürlich auch schöne Geschichten aus dem Tierreich, etwa zum Thema Adoption. Immer wieder gelingt es in Zoos, verstoßene oder verwaiste Löwen-Junge zu einer Hündin zu geben, die sich aufopferungsvoll um die Kleinen kümmert. Auch der Größenunterschied, der meist schon nach wenigen Wochen frappierend ist, wenn zum Beispiel ein Dackel für die Löwenaufzucht zuständig ist, wird in der Regel nicht zum Problem.

Generell gilt: Der natürliche Mutterinstinkt regelt vieles und die meisten Mütter handeln zum Wohle der Art und der Natur. 300 Millionen Mondfische mit einer Körperlänge von jeweils drei Metern wären pro Mutter vielleicht auch einfach zu viel für die Meere.

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