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Weggeworfene Erinnerungen

Jahrelang streiften die Fotohistoriker Michel Frizot und Cédric de Veigy über Flohmärkte, immer auf der Suche nach privaten Familienaufnahmen. Diese über einen Zeitraum von 20 Jahren ausgewählten Fotografien haben sie in dem Bildband "Photo trouvée" veröffentlicht.

Von Sabina Riester

Was treibt den urbanen Jäger und Sammler sonntags an voller Hingabe im zum Verkauf feilgebotenen Müll seiner Mitmenschen zu wühlen, in deren ausrangiertem Alltagsklimbim nach unentdeckten Perlen zu fischen? Kostengünstig Möbel, Schmuck oder Kleidung zu ergattern, kann nicht als einziger und wichtigster Grund für die Flohmarktschatzsuche gelten. Massenproduzenten im Einrichtungs- und Textilbereich bieten häufig billigere Ware für Heim und Haut. Vielmehr lockt die Suche nach Unentdecktem, nach stiefmütterlich im Marktstaub versunkenen Kleinoden.

Im Flohmarktgewühl ist man mitten im Kreislauf von Wegwerfen und Finden, von Vergehen und Wiederbeleben. Der persönliche Blickwinkel entscheidet über den Wert eines Objekts. Was bedeutet dieses Produkt für den Einzelnen? Was kann er persönlich darin erkennen? Und so findet im Abfall des Einen ein Anderer etwas Wunderschönes, Kostbares, Besonderes. "Alles auf dieser Welt verwandelte sich nach und nach in Unrat, in Müll, der irgendwie aus der Welt geschafft werden musste, aus der sich nichts wegschaffen lässt", sinniert der Straßenkehrer im Roman "Liebe und Müll" des tschechischen Erzählers Ivan Klíma. Manchmal ist das Gegenteil der Fall und in der Welt, in der alles "zu Unrat, zu Müll" wird, erhalten bereits verworfene Objekte Ihren Wert zurück.

Sie bleiben nicht Teil gesichtsloser Abfallberge, sondern bekommen individuelle Bedeutung. In der Bildenden Kunst gehört der französische Maler und Objektkünstler Marcel Duchamp mit seinen "objets trouvés" zu den ersten, der Dinge aus ihrem Alltagskontext herausgreift und diese durch die Geste des Signierens und Präsentierens im Kunstzusammenhang sichtbarer und bedeutungsvoll werden lässt.

Einzigartige Bilderwelten in Pappkisten

In Duchamps Tradition sind auch der französische Fotohistoriker Michel Frizot und sein Wissenschaftskollege Cédric de Veigy erfolgreiche Schatzsucher. Auf Ihren Flohmarktstreifzügen entdeckten sie in modrigen Pappkisten einzigartige Bilderwelten. Anonyme Amateurfotografien, die gleichzeitig geheimnisvoll, vertraut, witzig und melancholisch sind. Frizot und de Veigy haben sie gesucht, gesammelt und den namenlosen Fotos ein Gesicht gegeben. Die beiden Bildersammler sagen selbst sie hätten "die achtlos weggeworfenen Bilder, gerettet". Diese über einen Zeitraum von zwanzig Jahren sorgsam ausgewählten Fotografien sind jetzt im Bildband "Photo trouvée" im Phaidon Verlag erschienen. Das puristisch gestaltete Buch verzichtet bis auf ein Vorwort auf Text und lässt den je einseitig präsentierten Fotografien den nötigen Weißraum. Platz für die Bilder, um ihre Atmosphäre und Poesie zu entfalten.

Es sind Privatfotos, aufgenommen von Bildamateuren, die Frizot und de Veigy uns in "Photo trouvée" präsentieren. Intime Momente zwischen Knipser und Objekt, niemals mit der Absicht aufgenommen vor unbekanntem Publikum ausgestellt zu werden. Diese Fotografien wurden von fremden Augen festgehalten. Sie zeigen unbekannte Menschen, Orte, gewöhnliche und geheimnisvolle Szenarien: die ersten Schritte eines Babys, Liebespaare in der Natur, einen Jungen beim Zoobesuch, eine Seifenblase kurz vor dem Zerplatzen. Und trotzdem oder gerade weil die Aufnahmen anonym und frei von historischen Assoziationen und persönlichen Berührungspunkten sind, wird es dem Betrachter leichtgemacht, sich in diesen Bilderwelten einzuleben. In ihnen eigene Befindlichkeiten zu erspüren und sein eigenes Selbst zu entdecken.

Leben in Archiven aufbewahrt

Die Aufnahmen in "Photo trouvée" sind der beste Beweis, dass Bilder nicht statisch und festgefroren sein müssen. Sie sind vielmehr abhängig, von ihrem Betrachter, von demjenigen, der mit seinem ganzen Erlebten und Sein in das Bildinnere schlüpft. Er bringt das tote Bild durch seine Interpretation zum Atmen. Barthes nannte die Fotografie "das lebendige Bild von etwas Totem". Sie bewahrt das Leben in den Archiven vor dem Verschwinden und vergegenwärtigt uns zur selben Zeit dieses Verschwinden.

Billionen von neuen Bildern werden jeden Tag in unsere visuelle Welt geboren. Die meisten landen im optischen Aus, nur wenige werden überhaupt wahrgenommen, bevor sie in Archiven oder digitalen Papierkörben verenden. Die Müll- und Bildermassen türmen sich über uns. Mit Blick auf die alten Flohmarktbilder in "Photo trouvée" stellt sich die Frage, ob es wirklich nötig ist bereits verworfene Bilder aus den Kübeln zu ziehen, wenn wir im reizüberfüllten Jetzt unter Bilderfluten absaufen und nach visuellem Leerraum japsen? Und doch, es macht Sinn. Durch den Raum und die Wertigkeit, die Frizot und de Veigry den Aufnahmen geben und die diesen erstaunlichen Alltagsbildern gebührt. Und es macht Sinn, durch das, was wir in ihnen entdecken.

Ob in kommenden Jahrzehnten Datenforscher wohl auch in den Speicherkarten und Festplatten Fremder wühlen, um aus den Wirren des Datenmülls einige Perlen zu ziehen, die viel mehr sind, als nur eine längst vergangene Momentaufnahme?

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