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11. Mai 2004, 10:43 Uhr

Salvador Dalí

Ein Genie? Ein Verrückter? Ein Faschist? Offenbar alles zusammen. Salvador Dalí, der am 11. Mai 100 Jahre alt geworden wäre, gehört immer noch zu den berühmtesten Künstlern unserer Zeit.

"Ideales nekrophiles Abendessen": Für die Kamera inszenierte Dalí das Model als makabre Mahlzeit© Werner Bokelberg

Von Harald Willenbrock und Werner Bokelberg (Fotos)

Für Unsterbliche gelten bekanntlich keine irdischen Gesetze, und doch müssen selbst Halbgötter sich einigen Regeln unterwerfen. "Jeden Morgen Punkt sechs wacht Dalí auf und macht sein Pipi", verkündet der Mann, der von sich selbst nur als "Genie" und meist in der dritten Person spricht. "Dieser Pipi-Moment kurz nach dem letzten Traum der Nacht ist göttlich: Ich sehe die Dinge in unerbittlicher Helle." Aufs allmorgendliche Wasserlassen des Provokateurs und künstlerischen Großverdieners folgt das rituelle Trimmen des genieeigenen Schnurrbarts. Das gute Stück wird mit einer Spezialmischung aus Wachs, ein bisschen Farbe ("denn Dalís Bart wird grau") und Exkrementen von Dalís zahmem Ozelot in Form gezwirbelt, bis seine Spitzen gen Himmel weisen wie die Hörner eines angriffsbereiten Stiers.

Dann ist das Genie bereit für den Tag. Als Salvador Dalí an diesem Morgen im Sommer 1965 aus seinem Haus an der spanischen Costa Brava tritt, schraubt sich gerade ein verstaubter Kleinwagen die Küstenstraße nach Port Lligat herunter. Am Steuer sitzt der stern-Fotograf Werner Bokelberg, bei ihm sind der stern-Reporter Walther Schünemann und die 20-jährige Schauspielerin Lotte Tarp, eine Art dänische Brigitte Bardot, die auf Wunsch Dalís mit von der Partie ist.

Wochen zuvor hatte Bokelberg den Exzentriker im Pariser Hotel "Meurice" getroffen und um eine Fotoaudienz gebeten. Dalí schlug "sofort zwei Alternativen vor: Entweder könne er jetzt gleich in irgendeiner Boutique an den Champs-Elysées einen Ladendiebstahl begehen, bei dem ich ihn mit meiner Kamera begleiten dürfte", erinnert sich Bokelberg. "Oder wir dürften ihn später in Port Lligat besuchen und dort alles fotografieren, was wir zu fotografieren wünschten. Einzige Bedingung: Wir müssten ein hübsches Model mitbringen, an dem sich seine Inspiration entzünden könne." Das Anwesen, direkt an der Küste gelegen, steckt voller Nashornköpfe und Michelin-Männchen, ein ausgestopfter Eisbär dient als Lampenständer. Hinterm Haus ein Swimmingpool in Form eines Penis.

"Monsieur Bokelberg besucht mich mit Mademoiselle Ginesta in Port Lligat, um Dalís Magie auszubeuten", wird Dalí später notieren. "Monsieur Bokelberg hat Glück: An Ginestas hinreißenden Hüftknochen entzündet sich meine Magie augenblicklich. Für acht Tage befindet sich das Zentrum des Universums in den Hüftknochen des Mädchens." "Ginesta Ophelia" ist der Kunstname, den Dalí der blonden Dänin schon bei der Begrüßung verleiht.

Die beiden Reporter aber schickt er sofort wieder los: Für sein erstes Happening benötige er zwei bis drei Zentner weiße Bohnen. Stundenlang kurven Bokelberg und Schünemann durchs spanische Hinterland, bis sie so viel Hülsenfrüchte zusammengekauft haben, dass sich die Hinterachse biegt. Als sie ins Dorf zurückkehren, kommt ihnen Dalí an der Spitze einer seltsamen Prozession entgegen: Auf dem Kopf trägt der Maler eine wirre Beatles-Perücke, an der Hand führt er am diamantenbesetzten Cartier-Halsband Lotte, die nackt auf allen vieren die Dorfstraße entlangkriecht. Hinter ihnen schreiten Captain Moore, Dalís "militärischer Berater", zwei Beamte der Guardia Civil, der Bürgermeister und schließlich das halbe Dorf.

"Jeder andere wäre für eine solche Aktion sofort ins Gefängnis gesteckt worden", wundert sich Bokelberg noch heute. "Dalí aber genoss im erzkatholischen Franco-Spanien völlige Narrenfreiheit" - eine Freiheit, die sich der Künstler durch Liebesbeweise an das faschistische Regime erkauft. Den großen Barockmaler Diego Velazquez und Franco nennt er "die beiden Genies unseres Volkes", und als der Generalissimo 1975 fünf Terroristen zum Tode verurteilen lässt, schickt Dalí ihm ein Glückwunschtelegramm. Als Dank für die Ergebenheit wird die komplette Bucht um das Haus in Port Lligat unter Naturschutz gestellt.

Dalís Ruhm tut der hemmungslose Opportunismus keinen Abbruch, im Gegenteil: Er gibt der Kunstwelt, was sie will, und nimmt mit vollen Händen, was er kriegen kann. Motto: "Meine besten Tage sind solche, an denen ich zwischen Erwachen und Frühstück 10.000 Dollar für eine Platte verdiene." Übertroffen wird seine Geldsucht nur noch vom Geschäftssinn seiner Gefährten. Anfang der Achtziger überlässt er Captain Moore ein Paket mit 35.500 Bögen Papier, die bis auf die Signatur Dalís völlig leer sind - kein Einzelfall im Schaffen des großen Manipulateurs, der gern andere für sich arbeiten ließ. Experten gehen davon aus, dass etwa 90 Prozent der auf dem Markt befindlichen Dalí-Grafiken alles Mögliche zeigen, nur keinen Strich von des Meisters Hand.

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