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11. Mai 2004, 10:43 Uhr

Salvador Dalí

Model Lotte Tarp und Dalí© Werner Bokelberg

An diesem Tag aber kümmert sich Dalí um jedes Detail. Er dirigiert Fotografen und Model, Dorfpolizisten und Bürgermeister zu einer Baugrube unweit des Hauses, wo er seinen Ozelot und die gut gelaunte Lotte am Fuß der Grube ankettet und aus einer Schale Milch schlabbern lässt. Er selbst kauert am Rand der Grube und beginnt, die weißen Bohnen über den beiden auszuschütten. "Sexuelle Besessenheit ist Voraussetzung für jedes künstlerische Schaffen", erklärt er später, "alle seine erotischen Fantasien sublimiert Dalí in wunderbaren Werken."

Durchgeknallt? Durchtrieben? "Ich bin nicht nur Provokateur von Berufs wegen, sondern auch aus Veranlagung", bekennt er einmal. "Wichtig ist vor allem, dass das Publikum nicht unterscheiden kann, ob ich Spaß mache oder es ernst meine. Es ist sogar unwichtig, ob ich es selbst weiß." Morgen für Morgen finden Fotograf, Model und Autor sich vor dem Hause des Meisters ein, um seine neuesten Ein- und Ausfälle zu inszenieren. Jeder Arbeitstag endet gegen 17 Uhr mit einer Blauen Stunde, in der Maler und Model sich zurückziehen.

Über den Inhalt dieser "Malstunden" vereinbaren beide Stillschweigen; bekannt ist jedoch, dass der "große Masturbator" (Dalí über Dalí) völlig enthaltsam lebte. Schließlich besäßen "Menschen, die leicht kacken und sich an jeder Straßenecke hingeben, notgedrungen eine stark verminderte schöpferische Potenz."

Gattin Gala bleibt dem Spektakel im Hause ohnehin weitgehend fern. Die machtbewusste Muse und Managerin des Malers lässt sich jeden Morgen von einem stattlichen jungen Spanier abholen und in die Bucht hinausrudern, um erst abends zurückzukehren.

So vergehen die Tage in Port Lligat mit grotesken Inszenierungen, Blauen Stunden und gemeinsamen Abendessen, bei denen Dalí vor den Gästen seine Philosophie ausbreitet. Die ist nach Erinnerung Bokelbergs "total zynisch, es drehte sich bei ihm nur noch um Hundekacke, Dalí-Pipi und Geld". In der Rolle des Provokateurs und Exzentrikers aber geht der Künstler völlig auf. "Es gab nicht den zweiten Dalí, der hinter verschlossenen Türen die Maske abnimmt und plötzlich ein völlig normaler Mann mittleren Alters ist", sagt Bokelberg. "Er war genau so, wie er auf den Bildern zu sehen ist. Und das fand ich ziemlich beeindruckend."

Ähnlich geht es offenbar auch Lotte Tarp: Selten, erinnert sich Bokelberg, habe er jemanden so weinen sehen wie das Model beim Abschied in Port Lligat. "Ich hätte gedacht, dass Lotte von den grotesken Spielereien langsam die Nase voll hätte. Das Gegenteil war der Fall: Sie wollte unbedingt dableiben."

Wochen später wählt Dalí aus Bokelbergs Kontaktabzügen höchstpersönlich die besten Fotos aus, montiert und retuschiert sie, übermalt einige und setzt sie schließlich zu einem Bildband zusammen.

 
 
 
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