
Modell des aktuellen Großprojekts: Elegant werden sich Oper, Theater und Museum in das wellige Gelände von Santiago de Compostela schmiegen© Peter Rigaud
Peter Eisenman sitzt inmitten seiner Angestellten, ein "old gorilla", wie er zu sagen pflegt, einer, der weiß, worauf es ankommt, und der keine Show nötig hat. Die Computer sind alt, die Schreibtische vergilbt, kein Stuhl gleicht dem anderen, Kabel hängen aus der Wand. Ganz bescheiden in einer Ecke des Büros sitzt Cynthia Davidson: Architektur-Journalistin, Zeitschriftengründerin. Als sie und Peter heirateten, beide zum zweiten Mal, war New Yorks Architektenlegende Philip Johnson Trauzeuge.
Erst in den vergangenen Jahren hat Eisenman ein paar wirklich große Aufträge an Land gezogen: die Kulturstadt von Santiago de Compostela. Das 370-Millionen-Dollar-Footballstadion in Arizona - mit einem Naturrasen-Feld auf Rollen, das draußen von Sonne und Regen genährt und nur zu Spielen in die Halle gefahren wird. Sein Geld hat er die meiste Zeit als Professor in Princeton und Yale verdient. "Bei mir ist alles einfach und klar", sagt er. Immer trägt er einen schwarzen Pulli, darunter ein hellblaues Hemd mit genialisch verknülltem Kragen. Seine Goldrandbrille mit kreisrunden Gläsern sieht aus, als sei sie schon beim Entwurf des Frank-Hauses dabei gewesen. Jeden Donnerstag guckt er seinem 13-jährigen Sohn Sam beim Basketballspielen zu.Und jeden Freitag fährt er nach Princeton.
Albert Einstein hat Princeton als "ungemein drolliges, zeremonielles Krähwinkel voll winziger, stelzbeiniger Halbgötter" bezeichnet. Eisenman gehört seit 1963 dazu. Die Studenten sind ehrfürchtig. Es ist ihr erster Tag mit Eisenman, das Semester hat gerade begonnen. "Sie sind hier, um zu erfahren, was die Verhaltensweisen von Architektur-Gorillas sind", sagt er. "Sie können viel lernen von meiner Art, meinem Benehmen. Schließlich wollen Sie mal an der Spitze der Nahrungskette stehen, deshalb sind Sie ja in Princeton." Zehn Gebäude hat Eisenman für sie ausgesucht, Meisterwerke des 20. Jahrhunderts von Le Corbusier, Rem Koolhaas, Daniel Libeskind. Zum Schluss des Semesters werden sie hoffentlich begriffen haben, was Architektur ist und was ein Diagramm. Das ist sein Zauberwort, unübersetzbar. Mit Ikonen, Symbolen und Indizes habe es zu tun. "Das mag jetzt wie Griechisch klingen", sagt er, "aber am Ende werden sie's verstehen."
"Für jeden, der bei Peter studieren darf, wird sich das Leben ändern", glaubt Architektenkollege Robert Stern. Dazu müssen die Studenten aber Eisenmans Seminare auch überleben. Sobald er auf Mittelmäßigkeit trifft, wird aus dem reizenden Charmeur ein ungeduldiger und zynischer Lehrmeister. Langeweile ist das Schlimmste, was man ihm zumuten kann. Systematisch versucht er dann, die Anfänger zu verunsichern, bis sie sich in ihren Entwürfen verheddern.
Manchmal, gesteht Eisenman im Zug zurück nach New York, sei es eine Tortur, junge Leute zu unterrichten. "90 Prozent von ihnen werden nie wissen, was Architektur ist." Trotzdem: Er mag sie. Und immer mal wieder ist einer dabei, den er später in sein Büro holt. "I am not difficult. Architecture is", prangt in roten Lettern auf Eisenmans schwarzem Pulli. Das Museum für Angewandte Künste in Wien hat ihm eine Ausstellung gewidmet, das Shirt gibt's als Souvenir. Eisenman ist aus New York eingeflogen und tänzelt glücklich zwischen seinen 30 Ausstellungsboxen umher, die ein bisschen aussehen wie das Berliner Stelenfeld. In jeder ist ein Stück von ihm: ein Modell, ein Film, eine Zeichnung.

Jeden Freitagmorgen fährt Peter Eisenman von New York nach Princeton, um dort Architektur zu lehren. Stets sitzt er im vorletzten Waggon© Peter Rigaud
Seine Energie scheint unerschöpflich. Den ganzen Tag redet er, blödelt herum. Am Abend hält er einen Vortrag mit Signierstunde. Morgen früh um fünf muss er zum Flughafen, weiter zum nächsten Projekt nach Spanien. Trotzdem will er nach dem Signieren noch in die "Cantinetta Antinori", Tagliatelle essen mit dem Wiener Architekten Hans Hollein und die abwesenden Kollegen durchhecheln.
Santiago de Compostela ist der größte Wallfahrtsort Spaniens. Acht Millionen Pilger kommen jedes Jahr, um das Grab des Heiligen Jakob zu sehen. Die Stadtväter wollen ihnen nun auch eine Kulturstadt mit Opernhaus, Bibliothek und Konzertsaal bieten, behutsam in einen Hügel hineinmodelliert von Peter Eisenman. Keine 24 Stunden nach dem Vortrag in Wien sitzt er deshalb schon wieder auf einem Podium. Draußen regnet es in Strömen, drinnen wollen die Sponsoren von der Caixa Galicia, der regionalen Sparkasse, wissen, ob alles wirklich so grandios wird wie versprochen. Spät nachts muss Eisenman noch mit dem Bürgermeister Perceves essen, eine galizische Muschelspezialität. Und natürlich steht er morgens um neun pünktlich auf seiner Baustelle.
"Sehen Sie, hier, unser Baby", sagt er. Der Bibliotheksneubau ist eher ein Fötus, noch ist nicht so recht zu erkennen, wie er mal aussehen wird. Betonpfeiler ragen ins Leere, es regnet in Strömen. Plötzlich wird Eisenman seltsam zumute: "Manchmal gucke ich in den Spiegel und frage mich: Wie konnte es passieren, dass jemand wie ich, der jahrelang nur Architektur-Theoretiker war, 800 Millionen Euro verbauen darf?" Aber was sollte schief gehen? In Berlin hat ja auch alles geklappt.
Dieses Deutschland. Irgendwie mag er es, nicht nur wegen der wunderbaren "Wurstel". Irgendwann mal hat er sogar Deutschunterricht genommen. Manchmal lässt er lustvoll ein deutsches Wort auf der Zunge zergehen. "Lumpenproletariat" sagt er dann. Oder "Spießbürger", was bei ihm ein wenig wie "Cheeseburger" klingt. "Was werden Herr und Frau Deutschland über das Holocaust-Mahnmal denken?", fragt er. Wird es auch sie verändern, so wie es ihn verändert hat? "Ich habe mich nie als Jude gefühlt. Zu Hause hatten wir einen Weihnachtsbaum, niemand ging in die Synagoge. Aber hier in Deutschland wird mir immer wieder bewusst, dass ich doch einer bin." Am liebsten wäre ihm, wenn die Deutschen das Mahnmal einfach so in Besitz nähmen. Nicht mal gegen Graffiti hätte er was. "Die wären auch eine Art von Auseinandersetzung."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 16/2005