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12. Mai 2008, 15:30 Uhr

Die Knochenmühle

200 Millionen zog es in den letzten Jahren in die Städte

Die Zahl derer, die verletzt werden oder chronisch erkranken, geht in die Millionen. Es gibt unter unabhängigen Experten niemand, der sich zutraut, ihre Dimension realistisch zu schätzen. Die Globalisierung ist in China eine der größten Katastrophen unserer Zeit, eine Knochenmühle, die unablässig mahlt, gespeist von Millionen Wanderarbeitern. Ihr Blut ist ein Standortvorteil, denn in keinem Industrieland können es Unternehmen günstiger vergießen.

"In der Geschichte eines Landes muss immer eine Generation geopfert werden", sagt Herr Tu. "Wir sind diese Generation."

Die Krüppel kehren zum Sterben in ihre Dörfer zurück, die sie für ein besseres Leben verließen. Der lungenkranke Herr Yang ist vor zwei Jahren in seine Heimat in den Bergen der Provinz Sichuan gezogen. Er fand eine verwaiste Landschaft vor. Höfe verfallen, Pflanzen überwuchern sie. Nur Kinder und Alte bewohnen noch die Häuser, zwischen ihnen liegen die Siechen. Die meisten anderen haben sich dem großen Zug in die Fabriken angeschlossen.

200 Millionen Chinesen sind in den letzten Jahren vom Land in die Fabrikstädte gezogen. Die größte Wanderbewegung von Menschen in Friedenszeiten. Wohlstand wartet da auf sie, heißt es, und Freiheit von ländlichen Traditionen. Immer noch sind für viele Bauern die Boomstädte ein Sehnsuchtsziel. Herr Yang hat vor einem halben Jahr zu seiner Staublunge noch eine ansteckende Form der Tuberkulose bekommen. Beim Essen sitzt er getrennt von Frau und Sohn an einem Beistelltisch. "Er verliert jetzt wenigstens nicht mehr so schnell an Gewicht," schaut seine Frau zu ihm hinüber und weiß, wie falsch dieser Trost ist. Viel mehr Gewicht kann Yang nicht verlieren.

Nur noch wenige Tage wird die Familie in ihrem neuen Haus verbringen, das sie sich in 13 Jahren Fabrikarbeit ersparte. Herr Yang muss verkaufen. "Ich weiß nicht weiter", sagt er zu unserem Reiseführer Herrn Tu. Die Abfindung für seine tödliche Krankheit, 12 000 Euro, ist längst aufgebraucht.

Betteln bei den Behörden

Das Geld war schwer erkämpft. Bis zuletzt hatte der Direktor von "Lucky Germs" versucht, Entschädigungszahlungen an ihn zu verhindern. Er verschwieg ihm, dass es gesetzliche Abfindungen gibt. Er leugnete vor Gericht, dass er jemals bei ihm gearbeitet habe. 90 Prozent der chinesischen Fabrikarbeiter in den Boomprovinzen besitzen keine Arbeitsverträge. Er schickte ihm die "schwarze Gesellschaft" auf den Hals, Mafia-Mitglieder, die ins Dorf kamen, in sein Haus, und die Familie bedrohten. Doch die Steinschneider organisierten sich, 20 mit Staublunge gingen nach Peking, bettelten sich von Behörde zu Behörde, wie es dort jeden Monat Tausende tun. Sie hatten Glück. Als der Fabrikdirektor von oben genötigt wurde, eine Mindestsumme auszuzahlen, sagte er zum Abschied zu Herrn Yang: "Es steht dir nicht zu."

Er ist nach einer Weile zu erschöpft zum Erzählen, Herr Yang legt sich in sein kleines Schlafzimmer. Seine Atemzüge hören sich an wie Messerklingen, die Fleisch schneiden. Es kehrt Stille ein im Haus, nur der Regen trippelt an die Scheiben. Es regnet seit Wochen. So viel Regen.

Im Dorf der Krüppel ist vor zwei Monaten ein neuer Nachbar eingezogen, drei Straßen von Herrn Yang entfernt, mit gebrochener Wirbelsäule, und ständig läuft ihm der Urin aus der Blase. "Wir bekommen fast nie Besuch", sagt Hui Wu, 40, eine stämmige Frau mit gesenkten Schultern. Ihr Mann Wang Ke versucht, sich auf einer Holzpritsche aufzusetzen. Im Halbdunkeln des höhlenartigen Raumes mustert er mit großen Augen die Konturen der Besucher. "Die Leute finden uns nutzlos", sagt seine Frau. Der Regen prasselt von außen auf das Metalltor, das ihnen zugleich Tür und Fernster ist. Die Rolle mit den kleinen Plastikbeuteln legt Hui Wu selten aus der Hand. Immerzu muss sie bereit sein, damit das Urin ihres Mannes aufzufangen.

Er schweigt, während sie erzählt. Sagt er etwas, langsam, nach Worten suchend, unterbricht sie ihn. Noch im vergangenen Jahr arbeitete das Paar in einer Stanzerei in der Großstadt Fuzhou. Immer erfolgreicher wurde das Unternehmen, mehr und mehr Aufträge kamen herein, Export, Amerika, und schließlich entschied der Besitzer, die Fabrik zu erweitern. Um Kosten zu sparen, ließ er seine Arbeiter die neue Halle bauen.

Er stürzte zwölf Meter tief und brach sich das Rückgrat

Dreimal so groß sollte sie werden. Am 18. April 2006 brach der Rohbau mit Wang Ke auf dem Dachgerüst ein. Der 40-Jährige stürzte zwölf Meter. Seine Frau, die neben dem Rohbau Ziegel geputzt hatte, zog ihren Mann aus den Trümmern, unverletzt, bis auf eine schwarze Beule auf dem Rücken. An dieser Stelle war sein Rückgrat gebrochen.

In der Nacht können sie nicht schlafen, er legt sich wund, sie muss ihn im Halbstunden-Takt drehen. Hui Wu hilft ihm mit dem Pinkelbeuteln, gibt ihm Einläufe, um seinen Darm zu entleeren. Sie cremt seine trockene Haut ein, wäscht ihn und kocht ihm das Essen. Sie haben niemanden, der sie unterstützt, sagen sie.

Über den Autor

Über den Autor Wolfgang Bauer ist Hamburger, Jahrgang 1970. Im äußersten Norden und Süden Deutschlands aufgewachsen. Langweilige Kindheit, ereignisarme Jugend. Müde 16 Monate bei der Bundeswehr, Zeitsoldat. Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, währenddessen Bäckereifahrer, Fremdenführer, Möbelpacker, Postbote, Müllsortierer, Hausmeistervertretungen. Studium in Tübingen, zunächst Islamistik, später Geografie und Geschichte.

Seit 1994 als freier Journalist tätig. Das Schreiben gelernt beim verrückt-verspielten Schwäbischen Tagblatt des Christoph Müller (Tübingen). Autor der gesetzteren Agentur Zeitenspiegel/stern-Büro Badenwürtemberg. In der Zeit Gemeinschaftsproduktionen mit dem Fotografen Andreas Lobe. 2001 Pauschalist des Reportagenressorts bei Focus. Unterwegs auch für Geo und National Geographic. Altstadtbewohner in Reutlingen, Heimat der Mürbeteig-Muschel.

Diverse Auszeichnungen: u.a. Nominierung Kisch-Preis 2004. Nominierung Deutsch-Polnischer Journalistenpreis 2004. Journalistenpreis "Pro Ehrenamt" 2006. Medienpreis der Deutschen Lungenstiftung 2007.

 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Skarrin (14.05.2008, 11:05 Uhr)
Die China-Begeisterung der deutschen Wirtschaft
ist angesichts solcher Verhältnisse sehr gut zu verstehen! Schließlich wird ja auch bei uns unermüdlich an der flächendeckenden Wiederherstellung solcher Arbeitsbedingungen gearbeitet, siehe z.B. Wallraffs Bericht aus der Lidl-Bäckerei. Es ist halt viel billiger, Profite durch Ausbeutung rechtlosen Produktivpöbels zu machen, als durch Forschung und Innovation in die man erstmal investieren müßte.
manndernichtdaist (13.05.2008, 15:26 Uhr)
lucky-gems.com
hübsche sachen, gleich mal für 200 Euro bestellt......
nein quatsch natürlich kauf ich nicht jeden mist. aber wir alle kaufen extrem viel chinesenzeug. das sollte endlich mal aufhören. wir zahlen 1,50€ pro liter benzin und kaufen KIK oder H&M hosen für 1,99€ das stück. sorry aber wenn ich mir eine hose kaufe, möchte ich qualität und keine chinesenkinderhände dran sehen. leider denken da die wenigsten so.
sophisticated (12.05.2008, 13:16 Uhr)
@swissmiss
Nee, das sehe ich ganz und gar nicht als "Gott gegeben" (das wäre ja eine Verhöhnung Gottes)! - Das ist systembedingt so. Das haben wir so erfahren, das haben andere so erfahren, wundern wir uns noch darüber? (Und wenn ja, Sich-Wundern macht keine Fortschritte, da muss man schon aktiv ändern; Fair-Trade ist immerhin ein Tropfen auf den Stein, ändert aber das System auch nicht, sondern stützt es letztlich.)
Swissmiss (11.05.2008, 19:46 Uhr)
@sophisticated
Es bestreitet ja auch niemand, dass die Arbeitsbedingungen in Europa zu Beginn der Industrialisierung bis z.T. noch weit ins 20.Jhr. hinein sicher mindestens so schlimm waren, wie sie heute in China sind. Trotzdem ist es billig, dies einfach als "von Gott gegeben" hinzunehmen. Auch in Europa haben die Leute damals für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. Und heute sind wir froh um das Erreichte. Wenn man also irgendwie (z.B. eben mittels Artikel in westlichen Zeitungen, durch die dann aufgeschreckte Konsumenten nur noch "fair trade"-gehandelte/produzierte Produkte kaufen) die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in andern Ländern voranbringen kann, ist das doch zu befürworten, oder?
sophisticated (11.05.2008, 12:54 Uhr)
Das kann man so oder anders sehen!
Wer mich aus den Blogs im Stern kennt, weiß, dass ich China sehr kritisch gegenüberstehe.
Aber der Artikel ist mir zu billig. Die Arbeitsbedingungen dort unterscheiden sich im augenblicklichen Industrialisierungsstadium Chinas von keinen europäischen. Wenn man sich erinnert, wie die Arbeitsbedigungen unter Tage noch in den 40er und 50er, teilweise sogar 60er Jahren bei uns war, wenn man sich erinnert wie die Maloche am Hochofen in den genannten Zeiträumen war (um nur wenige Bespiele zu nennen), dann ist das keinen Deut besser gewesen als das was in China geschieht. Die Brutalität liegt doch in dem Faktum der Ausbeutung! Die Arbeitsbedingungen sind nur eine Folge davon.
ganzbaf (11.05.2008, 08:54 Uhr)
"In der Geschichte eines Landes ...
muss immer eine Generation geopfert werden", sagt Herr Tu. "Wir sind diese Generation."
---
Geiles Statement.
ganzbaf (11.05.2008, 08:50 Uhr)
Selbstherrliche, autoritäre Regime...

Landflucht, Waffenexport, Überbevölkerung und Wirtschaftskriechertum - die fünf schlimmsten Geißeln der Menschheit.
Daisan (10.05.2008, 14:25 Uhr)
Es ist bereits seit langem bekannt, wie schrecklich die Zustände
in Chinas Arbeitswelt sind, trotzdem gibt es mehr als genügend geldgeile Manager und Unternehmer, die gar nicht genug dort investieren können.
Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen elementarste Menschrechte ist das meiner Ansicht nach. Jeder, der wissend (und das kann man hier wirklich unterstellen) um die Umstände in China "investiert", gehört sofort vor Gericht und mit hohen Gefängnisstrafen belegt.
Auch in Schlips und Kragen ist verbrecherisches Tun ein Verbrechen.
So und nicht anders gehört dies behandelt.
Skaf (10.05.2008, 12:20 Uhr)
@pola-pola
Unmoralisch...ja, natürlich ist die Art und Weise, wie diese Leute von ihrer eigenen "Volks"-Republik behandelt werden, unter aller Sau. Aber ich finde, man kann nicht alles auf die Verbraucher abwälzen. Es geht auch nicht, schließlich werden viele unserer alltäglichen Gebrauchsgegenstände nur noch in China hergestellt. Ohne manche Dinge kann man halt nicht leben. Die Verantwortung liegt meiner Meinung nach bei den Unternehmern und hautpsächlich beim chinesischen Staat. Was auf seinem Staatsgebiet passiert, dafür ist er verantwortlich , und er hat eben für menschliche Arbeits- und Lebensbedingungen zu sorgen. Eine Regierung, die meint, Tibet sei einzig und allein eine innere Angelegenheit, könnte und müsste sich auch für die Interessen IHRER Arbeiter einsetzen.
Und jetzt heißt es bestimmt, wir leben in einer globalisierten Welt und muss global denken. Wunderbar. Dann erwarte ich von den geldgeilen Managern, dass sie Menschenrechte nicht als Privileg ausschließlich der Verbraucher im Westen betrachten, sondern sich auch um ihre Einhaltung überall auf der Welt einsetzen. Aber da scheint die "Globalisierung" momentan leider noch Halt zu machen. Die UNO kann dabei auch eine wichtige Rolle spielen.
pola-pola (10.05.2008, 09:11 Uhr)
Bestätigung
Dieser Artikel bestätigt, was ich lange vermutete. Waren aus China zu kaufen ist unmoralisch. Aber warum kaufen die Menschen Artikel, die unter diesen Bedingungen hergestellt wurden?
Wenn ich z. B. bei E...KA Äpfel aus China sehe, frage ich mich: warum das? Gibt es hier nicht genug Sorten? Natürlich vermeide ich wo immer es geht, Produkte aus China zu kaufen! Das sollten alle Konsumenten tun. Gewinner sind die Firmen in China und den Importländern sowie deren politischen Komplizen.
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