Die Zahl derer, die verletzt werden oder chronisch erkranken, geht in die Millionen. Es gibt unter unabhängigen Experten niemand, der sich zutraut, ihre Dimension realistisch zu schätzen. Die Globalisierung ist in China eine der größten Katastrophen unserer Zeit, eine Knochenmühle, die unablässig mahlt, gespeist von Millionen Wanderarbeitern. Ihr Blut ist ein Standortvorteil, denn in keinem Industrieland können es Unternehmen günstiger vergießen.
"In der Geschichte eines Landes muss immer eine Generation geopfert werden", sagt Herr Tu. "Wir sind diese Generation."
Die Krüppel kehren zum Sterben in ihre Dörfer zurück, die sie für ein besseres Leben verließen. Der lungenkranke Herr Yang ist vor zwei Jahren in seine Heimat in den Bergen der Provinz Sichuan gezogen. Er fand eine verwaiste Landschaft vor. Höfe verfallen, Pflanzen überwuchern sie. Nur Kinder und Alte bewohnen noch die Häuser, zwischen ihnen liegen die Siechen. Die meisten anderen haben sich dem großen Zug in die Fabriken angeschlossen.
200 Millionen Chinesen sind in den letzten Jahren vom Land in die Fabrikstädte gezogen. Die größte Wanderbewegung von Menschen in Friedenszeiten. Wohlstand wartet da auf sie, heißt es, und Freiheit von ländlichen Traditionen. Immer noch sind für viele Bauern die Boomstädte ein Sehnsuchtsziel. Herr Yang hat vor einem halben Jahr zu seiner Staublunge noch eine ansteckende Form der Tuberkulose bekommen. Beim Essen sitzt er getrennt von Frau und Sohn an einem Beistelltisch. "Er verliert jetzt wenigstens nicht mehr so schnell an Gewicht," schaut seine Frau zu ihm hinüber und weiß, wie falsch dieser Trost ist. Viel mehr Gewicht kann Yang nicht verlieren.
Nur noch wenige Tage wird die Familie in ihrem neuen Haus verbringen, das sie sich in 13 Jahren Fabrikarbeit ersparte. Herr Yang muss verkaufen. "Ich weiß nicht weiter", sagt er zu unserem Reiseführer Herrn Tu. Die Abfindung für seine tödliche Krankheit, 12 000 Euro, ist längst aufgebraucht.
Das Geld war schwer erkämpft. Bis zuletzt hatte der Direktor von "Lucky Germs" versucht, Entschädigungszahlungen an ihn zu verhindern. Er verschwieg ihm, dass es gesetzliche Abfindungen gibt. Er leugnete vor Gericht, dass er jemals bei ihm gearbeitet habe. 90 Prozent der chinesischen Fabrikarbeiter in den Boomprovinzen besitzen keine Arbeitsverträge. Er schickte ihm die "schwarze Gesellschaft" auf den Hals, Mafia-Mitglieder, die ins Dorf kamen, in sein Haus, und die Familie bedrohten. Doch die Steinschneider organisierten sich, 20 mit Staublunge gingen nach Peking, bettelten sich von Behörde zu Behörde, wie es dort jeden Monat Tausende tun. Sie hatten Glück. Als der Fabrikdirektor von oben genötigt wurde, eine Mindestsumme auszuzahlen, sagte er zum Abschied zu Herrn Yang: "Es steht dir nicht zu."
Er ist nach einer Weile zu erschöpft zum Erzählen, Herr Yang legt sich in sein kleines Schlafzimmer. Seine Atemzüge hören sich an wie Messerklingen, die Fleisch schneiden. Es kehrt Stille ein im Haus, nur der Regen trippelt an die Scheiben. Es regnet seit Wochen. So viel Regen.
Im Dorf der Krüppel ist vor zwei Monaten ein neuer Nachbar eingezogen, drei Straßen von Herrn Yang entfernt, mit gebrochener Wirbelsäule, und ständig läuft ihm der Urin aus der Blase. "Wir bekommen fast nie Besuch", sagt Hui Wu, 40, eine stämmige Frau mit gesenkten Schultern. Ihr Mann Wang Ke versucht, sich auf einer Holzpritsche aufzusetzen. Im Halbdunkeln des höhlenartigen Raumes mustert er mit großen Augen die Konturen der Besucher. "Die Leute finden uns nutzlos", sagt seine Frau. Der Regen prasselt von außen auf das Metalltor, das ihnen zugleich Tür und Fernster ist. Die Rolle mit den kleinen Plastikbeuteln legt Hui Wu selten aus der Hand. Immerzu muss sie bereit sein, damit das Urin ihres Mannes aufzufangen.
Er schweigt, während sie erzählt. Sagt er etwas, langsam, nach Worten suchend, unterbricht sie ihn. Noch im vergangenen Jahr arbeitete das Paar in einer Stanzerei in der Großstadt Fuzhou. Immer erfolgreicher wurde das Unternehmen, mehr und mehr Aufträge kamen herein, Export, Amerika, und schließlich entschied der Besitzer, die Fabrik zu erweitern. Um Kosten zu sparen, ließ er seine Arbeiter die neue Halle bauen.
Dreimal so groß sollte sie werden. Am 18. April 2006 brach der Rohbau mit Wang Ke auf dem Dachgerüst ein. Der 40-Jährige stürzte zwölf Meter. Seine Frau, die neben dem Rohbau Ziegel geputzt hatte, zog ihren Mann aus den Trümmern, unverletzt, bis auf eine schwarze Beule auf dem Rücken. An dieser Stelle war sein Rückgrat gebrochen.
In der Nacht können sie nicht schlafen, er legt sich wund, sie muss ihn im Halbstunden-Takt drehen. Hui Wu hilft ihm mit dem Pinkelbeuteln, gibt ihm Einläufe, um seinen Darm zu entleeren. Sie cremt seine trockene Haut ein, wäscht ihn und kocht ihm das Essen. Sie haben niemanden, der sie unterstützt, sagen sie.
Über den Autor Wolfgang Bauer ist Hamburger, Jahrgang 1970. Im äußersten Norden und Süden Deutschlands aufgewachsen. Langweilige Kindheit, ereignisarme Jugend. Müde 16 Monate bei der Bundeswehr, Zeitsoldat. Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, währenddessen Bäckereifahrer, Fremdenführer, Möbelpacker, Postbote, Müllsortierer, Hausmeistervertretungen. Studium in Tübingen, zunächst Islamistik, später Geografie und Geschichte.
Seit 1994 als freier Journalist tätig. Das Schreiben gelernt beim verrückt-verspielten Schwäbischen Tagblatt des Christoph Müller (Tübingen). Autor der gesetzteren Agentur Zeitenspiegel/stern-Büro Badenwürtemberg. In der Zeit Gemeinschaftsproduktionen mit dem Fotografen Andreas Lobe. 2001 Pauschalist des Reportagenressorts bei Focus. Unterwegs auch für Geo und National Geographic. Altstadtbewohner in Reutlingen, Heimat der Mürbeteig-Muschel.
Diverse Auszeichnungen: u.a. Nominierung Kisch-Preis 2004. Nominierung Deutsch-Polnischer Journalistenpreis 2004. Journalistenpreis "Pro Ehrenamt" 2006. Medienpreis der Deutschen Lungenstiftung 2007.