
Elliott Erwitt in Kyoto, Japan, 1977© Misha Erwitt
In unserer Welt der schnellen TV-Bilder einerseits und den digital geschönten Bildkompositionen von Werbung und Mode andererseits geben Erwitts Arbeiten dem Foto noch einmal seine alte Kraft zurück. "Snaps" heißt eines seiner umfangreichsten Bücher, Schnappschüsse, die sich beim Blättern als Mosaiksteine der Wirklichkeit erweisen. Wie kaum ein anderer Fotograf schafft es Erwitt, in seinen Fotos einen Subtext mitzuteilen, eine Emotion, eine Wut, ein wenig Glück, eine Rührung, die man nur erkennt, wenn man genau hinschaut und dabei beispielsweise die Sorge in den Augen einer Mutter erkennt, die auf einer Parkbank steht und ihr Kind sucht. Oder die Ratlosigkeit eines Hundes, dessen Herrchen einen Stock in einen See geworfen hat. "Sehen ohne Denken ist Glotzen", sagt der Werbepapst Kurt Weidemann, und jedes von Erwitts Bildern ist Beweis für denkendes Sehen - seine Fotos haben ein Davor und Danach, sie zeigen, wie Erwitt sagt, im besten Fall "die Essenz eines Geschehens". Technik? Er winkt ab. Er hat zwar in einem Buch ein bisschen über Blenden und Belichtungszeiten erz…dhlt, "aber eigentlich reicht eine Kamera und die Gebrauchsanweisung, dann kann jeder fotografieren. Fotografie hat wirklich keinerlei Geheimnisse. Man muss es nur machen, Bilder, immer und überall. Egal ob für Geld oder umsonst, man lernt alles beim Machen. Und man lernt nichts, wenn man zu Hause bleibt". Zu Hause. In Elliott Erwitts Kindheit ist das sicherlich der verschwommenste Begriff.
Als Sohn russischer Eltern, die aus der Heimat fliehen mussten, wurde Elliott 1928 in Paris geboren und zog mit seinen Eltern gleich weiter nach Mailand, wo er die nächsten zehn Jahre aufwuchs. 1938 flohen die Erwitts vor den italienischen Faschisten nach Paris, von wo die Familie 1939 auf der Flucht vor den Nazis mit dem letzten regulären Passagierschiff in die USA reiste. Elliott blieb in seiner Kindheit ein schüchterner Junge, der die ersten Jahre kein Wort sprach, aber stundenlang ganze Stapel Papier mit seinen Erlebnissen voll schrieb.
In New York, wo die Erwitts landeten, hielt es Vater Boris nicht lange. Mit Elliott fuhr er ein Jahr später quer durch die USA nach Los Angeles, um sich eine neue Existenz als Uhren-Kaufmann aufzubauen. Der Sohn ging zur Schule, wenig später kam die Mutter nach und arbeitete als Kellnerin. Hollywood war schon damals eine Bilderstadt, überall hingen große Fotos von Filmstars, an den Kiosken stapelten sich die Zeitschriften mit Glamour-Fotos und Kriegsbildern; der kleine Elliott saugte alles Gesehene auf und verdiente ein bisschen Geld, von dem er sich endlich seine erste Rolleiflex kaufen konnte.
Die Kamera wuchs an ihm fest. "Ich wurde zu einem Voyeur, ich streifte durch ganz Hollywood und Santa Monica, setzte mich irgendwohin und fotografierte, was ich sah. Ich wusste ganz genau, dass ich Fotograf werden wollte, mir gefiel es, weil es kein Büro-Beruf war", sagt Erwitt heute. Aber erst 1950 wagte er den entscheidenden Schritt. Er packte seine, wie er fand, besten Bilder ein und fuhr nach New York, um sie dem großen Fotografen Edward Steichen zu zeigen. "Viele Fotografen nahmen mich nicht sehr ernst, aber Steichen schaute lange auf meine Bilder und erkannte, glaube ich, meine Handschrift, meinen Stil. Ich habe ihm viel zu verdanken."