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12. April 2003, 16:25 Uhr

The Ballad of John & Yoko

© Cinetext

Die Sitzungen müssen schmerzhaft gewesen sein: "Ich hatte mich gegen meine Gefühle gewehrt. Wenn sie doch hochkommen, bricht man in Tränen aus." Lennon schrieb anschließend einige seiner besten Lieder. "Mother" zum Beispiel, über seine Mutter, die ihn auf die Welt brachte, die er aber nie haben durfte. Julia reichte ihn zur Pflege an ihre Schwester Mimi weiter, und als sich Sohn und Mutter endlich wieder anzunähern begannen, wurde Julia von einem Auto totgefahren. Sein Vater verließ ihn, "aber ich hab dich nie verlassen". Es soll alles anders werden, alles besser. Die Realität hält nämlich ihre ganz kunstlosen Tröstungen bereit, und bis zum Ende seiner Tage nannte John seine Yoko "Mother".

Liebe gut und schön, aber auf Dauer wird so viel Realität jedem zu viel. Im Oktober 1973 trennen sich John und Yoko in aller Stille. Sechs Monate zuvor war Yokos Aufenthaltserlaubnis in den USA verlängert worden, während sie ihrem Mann zum wiederholten Mal verweigert wurde. "Wir haben gerade unseren vierten Hochzeitstag gefeiert und sind nicht darauf vorbereitet, in getrennten Betten zu schlafen", hatte das Hohe Paar da verlautbaren lassen, aber jetzt war es aus. Schon länger hatten ihn die US-Behörden loswerden wollen. Vorwand war ein Rauschgiftfund in England fünf Jahre zuvor, aber heute ist längst belegt, was Lennon immer wieder behauptet hatte: Er wurde vom FBI überwacht, weil er mit seiner Bekanntheit einen gar zu verderblichen Einfluss auf die amerikanische Jugend ausüben könnte. Die Lennons waren nach New York gezogen und engagierten sich für die IRA und gegen den Vietnamkrieg, interessierten sich für die Watergate-Anhörungen, gaben Geld für die Black Panther und die Abtreibungsbewegung. Sie traten auf der Bühne und im Fernsehen auf, und so kam es endlich, wie es gehen musste, nämlich immer weiter bergab.

Am Ende war die Liebe dann nicht mehr peinlich, sondern wieder nur ein Wort, nämlich: vorbei. Mutter Yoko Vernünftig schickte ihren großen Jungen auf die Piste. Er durfte sich ein langes Wochenende freinehmen, mit den anderen Jungs rumziehen, saufen und sich ganz, ganz schlecht benehmen. Er war doch immer nur weltberühmt gewesen und konnte nicht mal selbst einkaufen, der Arme. Damit es ihm auch gewiss an nichts fehle, gab sie ihm ihre Assistentin May Pang mit, immerhin Chinesin und allzeit dienstbar. Und so holte John Lennon im fernen Los Angeles eine Jugend nach, die für ihn schon zu Ende gewesen war, als er 1957 auf einem Gemeindefest Paul McCartney kennen lernte. Ein Traum.

Soll man seine eigene Mutter zur Frau haben? John Lennon hielt es für das Beste. Jedenfalls kam er nach seiner 15-monatigen Jugendfreizeit wieder zur großen Mama zurück. Die Behörden hatten ihn nicht vergessen, aber die Appelle Prominenter halfen, man gewährte ihm endlich den Daueraufenthalt in den USA. Und Yoko? Yoko wurde schwanger. An Lennons 35. Geburtstag wurde ihr gemeinsamer Sohn Sean geboren. Jetzt wollte der Vater sein Leben wirklich ändern.

Musik interessierte ihn nicht mehr. Jahrelang fasste er seine Gitarre nicht an, schob Paul McCartney, der einmal unangemeldet bei ihm vor der Tür stand, schnell wieder hinaus. Es sollte alles neu werden; sogar die Ehe schlossen John & Yoko noch einmal neu, diesmal, schließlich war Lennon irischer Kelte, als druidische Zeremonie. Yoko wollte sich um die Geschäfte kümmern, er nur Hausmann sein, kochen, backen, braten, den Sohn aufziehen. Zum Glück und wenn man reich ist, gibt's Personal. Ob er sich mehr als andere Väter um sein Kind gekümmert hat, ist zweifelhaft: Nach allem, was Albert Goldman in seiner hasserfüllten Biografie herausgefunden hat, verbrachte Lennon die Tage im Dakota am Central Park eher im Stupor vor dem Fernseher. Vielleicht ging es ihm auch endlich gut.

Yoko jedenfalls entsagte der Kunst und kümmerte sich um seine Finanzen. Sie kauften sich Häuser und Boote, investierten sogar, reiche Leute sind wohl so, in Zuchtrinder. Für beide lag die Pop- ebenso wie die Konzept-Welt plötzlich Lichtjahre entfernt. Es ist wenig bekannt über diese luxuriöse Eremitage am New Yorker Central Park. John Lennon trank viel Cappuccino, versuchte eine Diät, wurde wohl wieder ein bisschen süchtig, diätierte wieder, lernte segeln. Offensichtlich eine schöne Zeit für alle Beteiligten.

Erst nach fünf Jahren entstand eine neue Platte, "Double Fantasy", wieder ein Gemeinschaftswerk, konventioneller als früher, gereift und (unvorstellbar für den früheren John Lennon) glücklich: "I'm just sitting here watching the wheels go round and round." Warum auch nicht: Sollten sich die anderen um ein anderes Leben bemühen, er war zufrieden mit seinem und vor allem mit sich. Die Beatles lagen hinter ihm, der alte Ruhm, die hektischen Performances mit Yoko in allen Kontinenten.

 
 
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