Hui Wus Schwestern sind entweder weggezogen oder haben keine Zeit. Oder sind mit dem heimgekehrten Fabrikarbeiter-Paar verstritten. Arztkosten können sie sich keine leisten. Das Ehepaar hinter dem Metalltor ist vor der völligen Erschöpfung. Hui Wu haben die vergangenen Monate derb und aggressiv gemacht. In Wang Ke scheint nichts mehr geblieben als Verzweiflung.
"Was soll dieses Leben noch?", ruft er in Zorn zu unserem Führer Herrn Tu. "Ich bin meiner Frau eine Last. Ich sollte mich umbringen!" "Du darfst nicht aufgeben!", spricht Herr Tu auf ihn ein. "Schau mich an. Ich sehe gesund aus, werde aber längst tot sein, während du noch lebst." "Der Tod ist doch besser als das hier", gibt Wang Ke ihm zurück. Zum ersten Mal leuchtet etwas in seinen Augen. Die fensterlose Betonkammer, in der es nur nackte Wände gibt, ein Bett, zwei Pritschen und Neonlicht, hat er bislang nie verlassen. Er sieht nur fern. Sie könnte ihn im Rollstuhl in die Sonne schieben, aber das will er nicht. Er fürchtet die Menschen.
Über der Bettstatt des Gelähmten türmen sich vier Stockwerke neuer Wohnungen, die aus dem Dorf stammende Arbeiter kauften, aber nie bezogen. Die Hälfte steht leer. Hohle Betonwaben. In den kleineren Zentralorten auf dem Land in Sichuan ist in den vergangenen Jahre ein Bauwahn ausgebrochen. Trotz der Landflucht. Einer der vielen Widersprüche des neuen China.
Die kleinen geduckten Lehmhäuser im Heimatort von Herrn Yang wurden abgebrochen, mehrstöckige, weiß verkachelte Betonbauten sind an ihrer Stelle in die Höhe gewachsen. Herr Tu, der noch in Shenzhen im Süden wohnt, ist nichts mehr vertraut. Die Wurzeln, die er hier hatte, sind heraus gerissen. Die einfachsten Sachen muss er erfragen. "Ich erinnere mich nicht mehr", muss er schmerzhaft oft sagen. Er weiß zum Beispiel nicht mehr den Weg zum Bauernhof seiner Familie, auf dem er aufgewachsen ist und wo seine Kinder leben.
"Ich hatte euch früher erwartet", schimpft der Vater von Herrn Tu. Es regnet immer noch in Strömen, der Pfad zum Haus ist in Schlamm aufgeweicht. Der Alte ruft auf der Terrasse des kleinen Bauernhofes die beiden Töchter und den Sohn zusammen, die Abstand zu ihrem Vater halten. Er und die Kinder stehen nebeneinander, schauen zu Boden, berühren sich nicht. Sie sind ihm erst selten begegnet, für den Sechsjährigen ist es heute das dritte Mal.
Auch Herr Tu umarmt sie nicht. Seit ihrer Geburt leben die Kleinen beim Großvater, einmal in der Woche ruft Herr Tu bei ihnen an. Manchmal weigern sich die Kinder, am Telefon mit ihm zu sprechen. "Wie geht es in der Schule?", fragt Tu, um irgendetwas zu fragen. Die Mädchen schauen zum Großvater. Sie sagen: "Gut."
"Liushou ertang" heißen die Sprösslinge der Wanderarbeiter in China. Die "zurückgelassenen Kinder". 23 Millionen sollen Studien zufolge von den Eltern getrennt aufwachsen. Die Fabrikarbeiter an der Küste haben keine Bürgerrechte, die meisten halten sich dort nur mit einer vorläufigen Aufenthaltserlaubnis auf. Werden sie entlassen oder werden sie krank, erlischt sie, und gelten sie plötzlich als illegal, droht ihnen die Deportation aufs Land, in ihre Herkunftsregionen.
China entledigt sich auf diese Weise der Arbeitslosigkeit und der Verelendung in seinen Boomtowns. In der Konsequenz haben 90 Prozent der Einwohner der Industriereviere keinen Anspruch auf Sozialversicherungen, medizinische Versorgung und öffentliche Schulen.
Die Kinder der Fabrikarbeiter besuchen "illegale Schulen", deren Niveau erbärmlich ist. Teuer sind sie zudem, deshalb lassen die meisten Eltern die Kinder bei Verwandten oder Nachbarn. "Ich träume nie von meinen Kindern", sagt Herr Tu. "Es ist furchtbar. Ich habe kein Gefühl für sie."
Er hat ihnen gesagt, er werde sterben. Seine Krankheit gehe in die letzte Phase. Der Sohn hat herum getollt, die Mädchen haben geschwiegen.