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12. Mai 2008, 15:30 Uhr

Die Knochenmühle

Hui Wus Schwestern sind entweder weggezogen oder haben keine Zeit. Oder sind mit dem heimgekehrten Fabrikarbeiter-Paar verstritten. Arztkosten können sie sich keine leisten. Das Ehepaar hinter dem Metalltor ist vor der völligen Erschöpfung. Hui Wu haben die vergangenen Monate derb und aggressiv gemacht. In Wang Ke scheint nichts mehr geblieben als Verzweiflung.

"Was soll dieses Leben noch?", ruft er in Zorn zu unserem Führer Herrn Tu. "Ich bin meiner Frau eine Last. Ich sollte mich umbringen!" "Du darfst nicht aufgeben!", spricht Herr Tu auf ihn ein. "Schau mich an. Ich sehe gesund aus, werde aber längst tot sein, während du noch lebst." "Der Tod ist doch besser als das hier", gibt Wang Ke ihm zurück. Zum ersten Mal leuchtet etwas in seinen Augen. Die fensterlose Betonkammer, in der es nur nackte Wände gibt, ein Bett, zwei Pritschen und Neonlicht, hat er bislang nie verlassen. Er sieht nur fern. Sie könnte ihn im Rollstuhl in die Sonne schieben, aber das will er nicht. Er fürchtet die Menschen.

Bauwahn trotz Landflucht, nur einer der vielen Widersprüche

Über der Bettstatt des Gelähmten türmen sich vier Stockwerke neuer Wohnungen, die aus dem Dorf stammende Arbeiter kauften, aber nie bezogen. Die Hälfte steht leer. Hohle Betonwaben. In den kleineren Zentralorten auf dem Land in Sichuan ist in den vergangenen Jahre ein Bauwahn ausgebrochen. Trotz der Landflucht. Einer der vielen Widersprüche des neuen China.

Die kleinen geduckten Lehmhäuser im Heimatort von Herrn Yang wurden abgebrochen, mehrstöckige, weiß verkachelte Betonbauten sind an ihrer Stelle in die Höhe gewachsen. Herr Tu, der noch in Shenzhen im Süden wohnt, ist nichts mehr vertraut. Die Wurzeln, die er hier hatte, sind heraus gerissen. Die einfachsten Sachen muss er erfragen. "Ich erinnere mich nicht mehr", muss er schmerzhaft oft sagen. Er weiß zum Beispiel nicht mehr den Weg zum Bauernhof seiner Familie, auf dem er aufgewachsen ist und wo seine Kinder leben.

"Ich hatte euch früher erwartet", schimpft der Vater von Herrn Tu. Es regnet immer noch in Strömen, der Pfad zum Haus ist in Schlamm aufgeweicht. Der Alte ruft auf der Terrasse des kleinen Bauernhofes die beiden Töchter und den Sohn zusammen, die Abstand zu ihrem Vater halten. Er und die Kinder stehen nebeneinander, schauen zu Boden, berühren sich nicht. Sie sind ihm erst selten begegnet, für den Sechsjährigen ist es heute das dritte Mal.

Auch Herr Tu umarmt sie nicht. Seit ihrer Geburt leben die Kleinen beim Großvater, einmal in der Woche ruft Herr Tu bei ihnen an. Manchmal weigern sich die Kinder, am Telefon mit ihm zu sprechen. "Wie geht es in der Schule?", fragt Tu, um irgendetwas zu fragen. Die Mädchen schauen zum Großvater. Sie sagen: "Gut."

"Liushou ertang" heißen die Sprösslinge der Wanderarbeiter in China. Die "zurückgelassenen Kinder". 23 Millionen sollen Studien zufolge von den Eltern getrennt aufwachsen. Die Fabrikarbeiter an der Küste haben keine Bürgerrechte, die meisten halten sich dort nur mit einer vorläufigen Aufenthaltserlaubnis auf. Werden sie entlassen oder werden sie krank, erlischt sie, und gelten sie plötzlich als illegal, droht ihnen die Deportation aufs Land, in ihre Herkunftsregionen.

Keine sozialen Leistungen

China entledigt sich auf diese Weise der Arbeitslosigkeit und der Verelendung in seinen Boomtowns. In der Konsequenz haben 90 Prozent der Einwohner der Industriereviere keinen Anspruch auf Sozialversicherungen, medizinische Versorgung und öffentliche Schulen.

Die Kinder der Fabrikarbeiter besuchen "illegale Schulen", deren Niveau erbärmlich ist. Teuer sind sie zudem, deshalb lassen die meisten Eltern die Kinder bei Verwandten oder Nachbarn. "Ich träume nie von meinen Kindern", sagt Herr Tu. "Es ist furchtbar. Ich habe kein Gefühl für sie."

Er hat ihnen gesagt, er werde sterben. Seine Krankheit gehe in die letzte Phase. Der Sohn hat herum getollt, die Mädchen haben geschwiegen.

 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Skarrin (14.05.2008, 11:05 Uhr)
Die China-Begeisterung der deutschen Wirtschaft
ist angesichts solcher Verhältnisse sehr gut zu verstehen! Schließlich wird ja auch bei uns unermüdlich an der flächendeckenden Wiederherstellung solcher Arbeitsbedingungen gearbeitet, siehe z.B. Wallraffs Bericht aus der Lidl-Bäckerei. Es ist halt viel billiger, Profite durch Ausbeutung rechtlosen Produktivpöbels zu machen, als durch Forschung und Innovation in die man erstmal investieren müßte.
manndernichtdaist (13.05.2008, 15:26 Uhr)
lucky-gems.com
hübsche sachen, gleich mal für 200 Euro bestellt......
nein quatsch natürlich kauf ich nicht jeden mist. aber wir alle kaufen extrem viel chinesenzeug. das sollte endlich mal aufhören. wir zahlen 1,50€ pro liter benzin und kaufen KIK oder H&M hosen für 1,99€ das stück. sorry aber wenn ich mir eine hose kaufe, möchte ich qualität und keine chinesenkinderhände dran sehen. leider denken da die wenigsten so.
sophisticated (12.05.2008, 13:16 Uhr)
@swissmiss
Nee, das sehe ich ganz und gar nicht als "Gott gegeben" (das wäre ja eine Verhöhnung Gottes)! - Das ist systembedingt so. Das haben wir so erfahren, das haben andere so erfahren, wundern wir uns noch darüber? (Und wenn ja, Sich-Wundern macht keine Fortschritte, da muss man schon aktiv ändern; Fair-Trade ist immerhin ein Tropfen auf den Stein, ändert aber das System auch nicht, sondern stützt es letztlich.)
Swissmiss (11.05.2008, 19:46 Uhr)
@sophisticated
Es bestreitet ja auch niemand, dass die Arbeitsbedingungen in Europa zu Beginn der Industrialisierung bis z.T. noch weit ins 20.Jhr. hinein sicher mindestens so schlimm waren, wie sie heute in China sind. Trotzdem ist es billig, dies einfach als "von Gott gegeben" hinzunehmen. Auch in Europa haben die Leute damals für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft. Und heute sind wir froh um das Erreichte. Wenn man also irgendwie (z.B. eben mittels Artikel in westlichen Zeitungen, durch die dann aufgeschreckte Konsumenten nur noch "fair trade"-gehandelte/produzierte Produkte kaufen) die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in andern Ländern voranbringen kann, ist das doch zu befürworten, oder?
sophisticated (11.05.2008, 12:54 Uhr)
Das kann man so oder anders sehen!
Wer mich aus den Blogs im Stern kennt, weiß, dass ich China sehr kritisch gegenüberstehe.
Aber der Artikel ist mir zu billig. Die Arbeitsbedingungen dort unterscheiden sich im augenblicklichen Industrialisierungsstadium Chinas von keinen europäischen. Wenn man sich erinnert, wie die Arbeitsbedigungen unter Tage noch in den 40er und 50er, teilweise sogar 60er Jahren bei uns war, wenn man sich erinnert wie die Maloche am Hochofen in den genannten Zeiträumen war (um nur wenige Bespiele zu nennen), dann ist das keinen Deut besser gewesen als das was in China geschieht. Die Brutalität liegt doch in dem Faktum der Ausbeutung! Die Arbeitsbedingungen sind nur eine Folge davon.
ganzbaf (11.05.2008, 08:54 Uhr)
"In der Geschichte eines Landes ...
muss immer eine Generation geopfert werden", sagt Herr Tu. "Wir sind diese Generation."
---
Geiles Statement.
ganzbaf (11.05.2008, 08:50 Uhr)
Selbstherrliche, autoritäre Regime...

Landflucht, Waffenexport, Überbevölkerung und Wirtschaftskriechertum - die fünf schlimmsten Geißeln der Menschheit.
Daisan (10.05.2008, 14:25 Uhr)
Es ist bereits seit langem bekannt, wie schrecklich die Zustände
in Chinas Arbeitswelt sind, trotzdem gibt es mehr als genügend geldgeile Manager und Unternehmer, die gar nicht genug dort investieren können.
Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen elementarste Menschrechte ist das meiner Ansicht nach. Jeder, der wissend (und das kann man hier wirklich unterstellen) um die Umstände in China "investiert", gehört sofort vor Gericht und mit hohen Gefängnisstrafen belegt.
Auch in Schlips und Kragen ist verbrecherisches Tun ein Verbrechen.
So und nicht anders gehört dies behandelt.
Skaf (10.05.2008, 12:20 Uhr)
@pola-pola
Unmoralisch...ja, natürlich ist die Art und Weise, wie diese Leute von ihrer eigenen "Volks"-Republik behandelt werden, unter aller Sau. Aber ich finde, man kann nicht alles auf die Verbraucher abwälzen. Es geht auch nicht, schließlich werden viele unserer alltäglichen Gebrauchsgegenstände nur noch in China hergestellt. Ohne manche Dinge kann man halt nicht leben. Die Verantwortung liegt meiner Meinung nach bei den Unternehmern und hautpsächlich beim chinesischen Staat. Was auf seinem Staatsgebiet passiert, dafür ist er verantwortlich , und er hat eben für menschliche Arbeits- und Lebensbedingungen zu sorgen. Eine Regierung, die meint, Tibet sei einzig und allein eine innere Angelegenheit, könnte und müsste sich auch für die Interessen IHRER Arbeiter einsetzen.
Und jetzt heißt es bestimmt, wir leben in einer globalisierten Welt und muss global denken. Wunderbar. Dann erwarte ich von den geldgeilen Managern, dass sie Menschenrechte nicht als Privileg ausschließlich der Verbraucher im Westen betrachten, sondern sich auch um ihre Einhaltung überall auf der Welt einsetzen. Aber da scheint die "Globalisierung" momentan leider noch Halt zu machen. Die UNO kann dabei auch eine wichtige Rolle spielen.
pola-pola (10.05.2008, 09:11 Uhr)
Bestätigung
Dieser Artikel bestätigt, was ich lange vermutete. Waren aus China zu kaufen ist unmoralisch. Aber warum kaufen die Menschen Artikel, die unter diesen Bedingungen hergestellt wurden?
Wenn ich z. B. bei E...KA Äpfel aus China sehe, frage ich mich: warum das? Gibt es hier nicht genug Sorten? Natürlich vermeide ich wo immer es geht, Produkte aus China zu kaufen! Das sollten alle Konsumenten tun. Gewinner sind die Firmen in China und den Importländern sowie deren politischen Komplizen.
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